Kultur Goethes „Götz von Berlichingen“ bei den Burgfestspielen Jagsthausen

Theater an authentischem Ort: Die Burg des Götz von Berlichingen in Jagsthausen.
Theater an authentischem Ort: Die Burg des Götz von Berlichingen in Jagsthausen.

83 Jahre alt wird Hansgünther Heyme im August dieses Jahres. Doch das hindert den ehemaligen Intendanten des Ludwigshafener Theaters im Pfalzbau nicht daran, weiterhin als Regisseur aktiv zu sein. Ende des Jahres wird er in Ludwigshafen Viktor Ullmanns Oper „Der Kaiser von Atlantis“ auf die Bühne bringen. Aktuell ist bei den Burgfestspielen in Jagsthausen seine szenische Deutung von Goethes „Götz von Berlichingen“ zu erleben.

Wie man das von dem Theatermacher kennt, ist Heyme auch wieder sein eigener Ausstatter. Seine Kostüme sind zeitlos modern, unterscheiden das Personal von Goethes Historiendrama deutlich in gleich mehrere gesellschaftliche Mikrokosmen: Da wäre das an Proletarier erinnernde Bauernvolk, die Ritterwelt mit Schwert und Brustpanzer von Götz und seinen Verbündeten, schließlich die dekadent höfische Welt um den als tuntige Schwuchtel gezeichneten Bischof von Bamberg. Die Bühne ist eine kleine, eher spärlich eingerichtete Spielfläche. Ein Vorhang aus mehreren Streifen erlaubt schnelle Szenenwechsel, die fast wie rasch aufeinander folgende Kameraeinstellungen im Film wirken. Die ganze Produktion hat dadurch einen beabsichtigten Werkstattcharakter. Heyme vertraut der Kraft des Klassikertextes, kürzt ihn aber auch, um Tempo für seine Inszenierung zu gewinnen. Eingesprochene und hinzugefügte Chorgesänge ergänzen Goethes „Götz“ ebenso wie eine weitgehend auf Trommelgeräusche reduzierte musikalische Untermalung. Kulinarisches Freilicht-Sommertheater jedenfalls sieht ganz anders aus. Es wäre ja ein überaus Leichtes an diesem authentischen Ort ein historisches Kulissenspektakel zu inszenieren, in dem alles nur auf jenen einen berühmt gewordenen Satz aus dem Goethe-Drama wartet. Doch Hansgünther Heyme hätte nicht deutsche Theatergeschichte geschrieben, wenn er sich einer zugegebenermaßen beeindruckenden Kulisse wie der Götzenburg in Jagsthausen so einfach ergeben würde. Im Gegenteil. Er lässt gegen sie anspielen, provoziert Reibung und schlägt daraus dramaturgische Funken. Goethes doch recht sperriger, mit seinen vielen Ortswechseln auch nicht gerade übersichtlicher Sturm-und-Drang-Text wird erfolgreich auf seine Zeitgenossenschaft überprüft – und für aktuell genug befunden. Dabei geht Heyme in seinem Ansatz weit zurück in der Geschichte des Sprechtheaters. Bis in die Antike. Aus den zahlreichen „kleinen Leuten“, dem Bauernvolk des Götz-Personals, formt er einen Chor, der immer wieder Bauenkriegsparolen im Sprechgesang wiederholt. Ansonsten sitzt er auf dem oberen Rundgang des Burginnenhofs an der Balustrade und beobachtet und kommentiert das Geschehen der Reichen und Mächtigen auf der Bühne. Deren Intrigen und Ränkespiele, deren Affären und Liebesgeschichten, deren geschworene und wieder gebrochene Eide. Die Freiheit, von der Götz redet und für die er kämpft, ist für sie nur eine ferne, unerfüllbare Sehnsucht. Heyme konfrontiert das einzelne, freie Ich mit der unfreien Masse. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem sich die Masse erhebt und aufbegehrt. Wenn aus Bauern Bauernkrieger werden, die Götz zwingen, ihr Anführer zu werden. Es ist der Anfang vom Ende. Der Bauernkrieg wird niedergeschlagen, mit Götz stirbt die Welt der Ritter endgültig: „Wehe dem Jahrhundert, das dich von sich stieß!“, mahnt seine Schwester Maria. Umsonst. Denn die Gräuel der Bauernkriege sind nur eine Vorstufe jener Apokalypse, die Europa ein Jahrhundert später mit dem Dreißigjährigen Krieg heimsuchen wird. Tim Grobe macht aus diesem Götz von Berlichingen, der quasi für ein ganzes Jahrhundert stellvertretend untergeht, denn auch keinen jovialen Haudrauf – trotz des unvermeidlichen „Leck er mich im A...“-Spruch. Er ist ein nachdenklicher, reflektierender Mann, der weiß, dass das eigene Schicksal quasi von historischer Bedeutung ist. Und er ist ein leidenschaftlicher Familienmensch, der auch mit allergrößter Begeisterung an seinen Freunden hängt. Ein Ritter, wie aus einer anderen Zeit gefallen; das Idealbild eines Mannes, wie ihn Kaiser Maximilian (Gerd Lukas Storzer) schätzt und verehrt, gleichzeitig spürend, ja wissend, dass die Zeit gnadenlos über ihn hinweggehen wird. Diese gehört den Angepassten, den Karrieretypen wie Adalbert von Weislingen. Doch Franz-Joseph Dieken spielt dessen schlechtes Gewissen quasi ständig mit. In jeder Szene wird deutlich, wie wenig er selbst er noch ist, wenn er der schönen, aber ebenso intriganten und gewissenlos kalten Adelheid von Walldorf (Valerija Laubach) verfällt. Sie ist das genaue Gegenteil der Frauen um Götz: Elisabeth, seine Frau (Isa Weiß) und Marie (Luisa Meloni) können bedingungslos lieben, halten auch dann noch an ihren Gefühlen fest, wenn sie übelst betrogen und verraten wurden. Sie sind wie Götz echte, aufrichtige Charaktere, wie auch seine Gefolgsmänner, vor allem sein Knappe Georg (Matias Lavall). Aber auch sie werden in einer Welt, in der es um Verstellen und Vortäuschen, um höfische Etikette, um Verrat und taktische Planspiele geht, keinen Platz mehr finden. Götz geht ihnen nur voraus, wenn er seine letzten Worte vor seinem Tod spricht: „Freiheit! Freiheit!“ Seine Frau Elisabeth hat alles verstanden: „Nur droben, droben bei dir. Die Welt ist ein Gefängnis.“ Und mitten in der Schlussszene wird dem Zuschauer dann schlagartig bewusst, dass diese bitter-resignative Erkenntnis auch der Ausgangspunkt von Heymes Götz-Lesart gewesen sein muss.
Termine Weitere Vorstellungen am 8., 9., 17. 28. Juli sowie am 5., 7., 17., 21. und 26. August; https://burgfestspiele-jagsthausen.de
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