Kultur Geisterhaus Deutschland

Matter Räuber: Nikolas Fethi Türksever als Karl, Sarah Zastrau spielt die Amalia.
Matter Räuber: Nikolas Fethi Türksever als Karl, Sarah Zastrau spielt die Amalia.
Ein Stück über Helmut Kohl: Matthias Breitenbach und Viktoria Miknevich in „Elefantengeist“.
Ein Stück über Helmut Kohl: Matthias Breitenbach und Viktoria Miknevich in »Elefantengeist«.

Am neu formierten Schauspiel des Mannheimer Nationaltheaters will man offenbar umstandslos zur Sache kommen, also zu den großen Themen. Auf Theatertraditionen und politische Empfindlichkeiten wird dabei keine Rücksicht genommen. Erst schickte Regisseur Christian Weise die im Nationaltheater 1782 uraufgeführten „Räuber“ ins Seniorenheim, dann stieß der Schweizer Dramatiker Lukas Bärfuss den Kanzler der Einheit Helmut Kohl recht unsanft vom Sockel. Aber eigentlich ging es zweimal um Deutschland.

Die beiden Abende, mit denen die Intendanz von Christian Holtzhauer eröffnet wurde, verband dann doch mehr, als vorab vermutet. Zweimal wurde tief eingetaucht in die deutsche Geschichte, stieß man hinab in dunkle mythologische und politische Ablagerungen. Die ästhetischen Mittel waren dabei so unterschiedlich wie der Erkenntniswert. Und zweimal war der Ort des Geschehens ein sonderbares Haus, bewohnt von Geistern der Vergangenheit. Beim „Elefantengeist“ war es der Kanzlerbungalow am Bonner Rheinufer, ein lichter Bau aus Stahl und Glas aus den Sechzigerjahren. Bei Bärfuss befinden wir uns aber in einer vielleicht 500 Jahre entfernten Zukunft, die Bühnenbildnerin Sabine Kohlstedt zeigt uns das einstige Wohn- und Empfangsgebäude als Schmuddelruine aus Holz und Plastikplanen. Eine archäologische Expedition hat sich hierher aufgemacht, man sucht nach Relikten dieses kriegerisch-brutalen 20. Jahrhunderts und speziell über Kanzler Kohl, der 16 Jahre lang die Geschicke dieses Landes geleitet hat. Die sieben Wissenschaftler kommen aus einem konfliktfreien, von sanften Hierarchien gesteuerten Zeitalter, aber plötzlich ergreifen vergessene Leidenschaften wieder von ihnen Besitz. Sie buhlen um Zuneigung und beruflichen Erfolg und verwandeln sich zusehends in jene Menschen rund um den Kanzler der Einheit, den sie doch nur distanziert-wertfrei zu erforschen hofften. Die Regisseurin Sandra Strunz, die am Zustandekommen dieses Auftragswerkes beteiligt war, bringt Bärfuss’ kritisch-böse Politparabel in einen herrlichen Schwebezustand. Ganz leicht und spielerisch vollzieht sich dieser Übergang von Menschen und Zeiten. Matthias Breitenbach als Expeditionsleiter Dr. Matthias mit seiner lauernden Gemütlichkeit wird zum um Macht und Überleben kämpfenden Kanzler, der am Ende im Rollstuhl sitzt und eine gespaltene Partei und eine zerrüttete Familie hinterlässt. Und Johanna Eiworth als seine alles ertragende Gattin tritt mit betoniertem Blondhaar in einem wunderbaren Solo endlich ins grelle Scheinwerferlicht, wo doch die echte Hannelore Kohl, von einer Lichtallergie geplagt, immerzu zu Hause in Oggersheim hockte. Der faktenreiche Text darf seine Erkenntnisse von Flick-Affäre bis Kohl-Ehrenwort ausbreiten und dabei Verbindungen von den Nazi-Verstrickungen der Großindustrie bis zu den schwarzen Kassen der CDU ziehen, aber das passiert alles ohne den erhobenen Zeigefinger eines Dokudramas. Das garantieren auch die beiden Musiker Karsten und Rainer Süßmilch, die mit Tuba und Posaune vom Tagesschau-Motiv bis zum Pfälzer Volkslied den Soundtrack für diese Zeitreise liefern. Am Ende gingen die ein, zwei Buh-Rufe im begeisterten Jubel ziemlich unter. Bejubelt wurde am Vorabend ein ebenfalls großartig aufspielendes Ensemble, während die Botschaft dieser „Räuber“-Inszenierung doch ein wenig ratlos machte. Der neue Hausregisseur Christian Weise hatte gemeinsam mit seinem Ausstatterteam Jana Findeklee und Joki Tewes das Geschehen ins 19. Jahrhundert und in die koloniale Welt des brasilianischen Urwalds verlegt. In einem Fachwerkhaus mit Biedermeier-Interieur, umgeben von Bananenstauden und Raubtiergebrüll, sind Schillers Figuren gelandet. Vielleicht sind es auch Schauspieler, die wie die gealterten Opernsänger im Mailänder Casa Verdi in einem Ruhestand voller sehnsüchtiger Erinnerungen vor sich hindämmern. Leben in die Bude kommt erst, wenn das Grammophon angeworfen und die alte Geschichte von den ungleichen Brüdern und ihrem unglücklichen Vater noch mal erzählt wird. Um deutsche Mythen und deutsche Seele geht es da, um Heimat und Kulturnation, Leitkultur und Migrationsdebatte. Das Programmheft liefert die Stichworte, die Inszenierung greift sie auf, ohne sich wirklich auf den Diskurs einer dieser Fragestellungen einzulassen. Bärfuss und Strunz haben ein Thema hartnäckig ausgeleuchtet, Weise tippt vieles an, gibt sich aber mit schnellen Antworten und oberflächlichen Gags zufrieden. Ein Flugzeug wirft Deutschland-Fähnchen ab, man singt anrührend die Nationalhymne oder versucht sich erfolglos an sexuellen Übergriffen. Ein Teil des stark gekürzten Schiller-Textes wurde mit triefendem Pathos und rollendem R eingesprochen und kommt nun vom knisternden Grammophon wie die Wochenschau aus dem Volksempfänger. Dazu deklamieren die Darsteller pantomimisch mit großer Stummfilmgeste: Nicolas Fethi Türksever als Karl im weinroten Morgenrock, Christopher Bornmüller als Franz mit Buckel, Gehrock und finster baumelnden Haarsträhnen, Maria Munkert in der Rolle des Spiegelberg als schneidiger Alice-Weidel-Verschnitt im Jagdkostüm. Sarah Zastrau darf als Amalia auch noch herzzerreißende Arien schmettern, während Almut Henkel als in schläfriger Demenz dahinröchelnder Graf von Moor textfrei agiert. Hier stirbt natürlich keiner durch Messerstiche, Pistolenkugeln oder mit einem Strick um den Hals, sondern altersgemäß an Herzversagen. Termine „Die Räuber“ wieder am 7., 12. und 18. Oktober, „Elefantengeist“ am 3., 5., 13. und 20. Oktober.
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