Kino
Film der Woche: „Vier minus drei“
Trauer als Thema eines Spielfilms? Da macht sich erstmal Skepsis breit. Wenn schlecht, wird man im Kino mit Sentimentalität überflutet. Wenn gut, dürfte das kaum auszuhalten sein. „Vier minus drei“ ist sehr gut. Man wird emotional stark beansprucht, geht aber alles andere als bedrückt aus dem Kino.
Der Titel des auf Tatsachen beruhenden Films benennt ganz sachlich die Lebenssituation der Österreicherin Barbara Pachl-Eberhart (Valerie Pachner). Ihr Mann Heli (Robert Stadlober) und die beiden gemeinsamen Kinder Thimo (Jonas Recklies) und Fini (Victoria Wild) sind bei einem Unfall umgekommen. Der Film kreist feinsinnig um die Fragen, die sich danach vor Barbara auftürmen: Kann Leben für sie jetzt mehr sein als Überleben? Wie soll sie das Unfassbare begreifen? Was hilft gegen den schier übermäßigen Schmerz? Einfache Antworten gibt es nicht.
Der dem Spielfilm zugrunde liegende, 2010 erschienene Bestseller „Vier minus drei“ von der wirklichen Barbara Pachl-Eberhart ist ein Erfahrungsbericht mit den literarischen Qualitäten eines Romans. Wie die Vorlage, so changiert auch der Spielfilm zwischen verhaltenen Schilderungen und dem rückhaltlosen Eintauchen in tiefe Gefühle, zwischen Verzweiflung und dem unbedingten Willen, sich selbst nicht aufzugeben. Erzählt wird auf zwei geschickt miteinander verwobenen Handlungsebenen, die eine spielt vor, die andere nach dem Unfall, der nicht gezeigt wird.
Wie die Protagonistin, erfährt auch das Publikum vom Schrecklichen durch eine Nachricht. Damit wird jeglicher Anflug von Sensationshascherei vermieden. Nie wird auf die Tränendrüsen gedrückt. Das Miteinander von Barbara und Heli sowie ihr Familienleben werden keineswegs idealisiert. Es war, wie bei Millionen, mal unbeschwert, mal verkrampft. Nichts Besonderes? Erst der Verlust macht Barbara klar, wie besonders das Zusammensein war.
Der gemeinsame Traum
Der Alltag von Barbara und Heli wurde wesentlich von ihrem Beruf, ihrer Leidenschaft, geprägt: der Clownerie. Diese Kunst hat die zwei zusammenfinden lassen. Sie hat ihn eines Tages als Straßenclown entdeckt und angesprochen. Die beiden wurden ein Paar. Er ist dem Traum von der großen Zirkus-Karriere nachgejagt, sie hat todkranken Kindern Momente der Erleichterung geschenkt. Ohne zu viel verraten zu wollen, sei gesagt, dass Barbara schließlich auch durch ihre Profession einen Weg in die Zukunft findet. Dieser Weg wird in der aufs Schönste unspektakulären Inszenierung des österreichischen Regisseurs Adrian Goiginger („Die beste aller Welten“) erkundet. Das Drehbuch stammt von seinem Landsmann Senad Halilbašić. Bekannt wurde dieser durch den ungewöhnlichen Thriller „7500“ und die neuen Frankfurter „Tatort“-Folgen „Dunkelheit“ und „Licht“. Auch da zeigte sich sein Können, psychische Extrem-Situationen frei von Kitsch und Effektsucht zu beleuchten. Nicht eine einzige Szene mutet ausgedacht an. Beachtlich.
Hauptdarstellerin Valerie Pachner hat, seit sie 2019 im Anti-Nazi-Drama „Ein verborgenes Leben“ des US-nRegisseurs Terrence Malick in einer Schlüsselrolle und 2023 in Salzburg im „Jedermann“ als Buhlschaft brillierte, international den Ruf einer exzellenten Charakterdarstellerin. Den bestätigt sie hier eindringlich. Es ist atemraubend, wie sie den Schmerz, die Wut, das Nicht-Verstehen und schließlich Sich-Aufrichten behutsam und dabei ungemein eindringlich erkundet. Sicherlich werden nicht wenige Zuschauerinnen und Zuschauer davon momentweise regelrecht überwältigt werden. Doch es gibt immer wieder Augenblicke, die alles drohende Abgleiten in überbordende Gefühle verhindern. Die Balance von Nähe und Distanz ist verblüffend.
Höhepunkt des Films ist die Trauerfeier für Barbaras Mann und die Kinder, geprägt bei allem Kummer von kraftvollen Clownerien. Hier wird besonders deutlich, dass dieser Film vor allem eines ist: ein Fest der Lebensfreude.