Kino RHEINPFALZ Plus Artikel Film der Woche: „Der Salzpfad“ nach einem umstrittenen Bestseller

Ihr Weg führt in „Der Salzpfad“ führt das in gleich zwei Notlagen geratene Paar (Gillian Anderson, Jason Isaacs) an der Küste en
Ihr Weg führt in »Der Salzpfad« führt das in gleich zwei Notlagen geratene Paar (Gillian Anderson, Jason Isaacs) an der Küste entlang – und zu sich selbst.

Der Kinofilm „Der Salzpfad“ basiert auf einem erfolgreichen Buch, das die Bestsellerlisten gestürmt hat – und für eine Kontroverse gesorgt hat.

Zu reden wäre angesichts des Kinostarts von „Der Salzpfad“ vor allem über die beeindruckenden schauspielerischen Leistungen des Hauptdarsteller-Duos Gillian Anderson („Akte X“) und Jason Isaacs (bekannt als Bösewicht aus den Harry-Potter-Filmen). Doch diskutiert wird derzeit vor allem, ob Raynor Winn, die britische Autorin des 2018 erstmals herausgekommenen Reiseberichts gleichen Titels, die Leserschar getäuscht hat: Jüngst kam der Vorwurf auf, es sei nicht wirklich ein Sachbuch. Wesentliche Details seien erfunden oder gar verfälscht.

Das Buch schildert eine Wanderung entlang des South West Coast Path, einem berühmten, mehr 1000 Kilometer langen Wanderweg an der Küste Südenglands. Laut den Schilderungen in ihrem Buch waren unverschuldete finanzielle Probleme und eine schwere Erkrankung von Raynor Winns Gatten Moth die entscheidenden Auslöser für die Tour. Die Strapaze, so legt es das Aufgeschriebene nahe, und das Aufgehen in der Natur habe dem Paar schließlich Kraft gegeben und seinen Lebensmut gestärkt, in Maßen sogar zu einer gewissen gesundheitlichen Stabilität von Moth beigetragen.

DIe Ruhe genießen: Gillian Anderson und Jason Isaacs.
DIe Ruhe genießen: Gillian Anderson und Jason Isaacs.

Die Recherchen einer Journalistin aber sollen nun beispielsweise ergeben haben, dass die beiden in Wahrheit Sally und Tim Walker heißen, Sally sich finanzielle Unregelmäßigkeiten habe zuschulden kommen lassen und das Paar deshalb in Not geraten wäre, und Tim überdies nie derart krank gewesen sein soll wie beschrieben. Ob die Vorwürfe stimmen oder Raynor Winns öffentliche Beteuerungen, sie seien falsch, der Wahrheit entsprechen, ist bisher nicht zweifelsfrei geklärt.

Viele, die der Verfilmung des Buches gespannt entgegensahen, haben den Text als Zeugnis von Tatsächlichem verstanden. Nicht wenige haben daraus Schlüsse für ihr eigenes Schicksal gezogen, haben die Hoffnung gestärkt gesehen, dass selbst aus den widrigsten Lebensverhältnissen Rettung möglich ist. Sie fühlen sich nun mindestens verunsichert, wenn nicht gar betrogen.

Schlüpft in die Rolle der Autorin: Gillian Anderson.
Schlüpft in die Rolle der Autorin: Gillian Anderson.

Das trübt die Aufnahme des Spielfilms, was bedauerlich ist. Denn für sich betrachtet, hat „Der Salzpfad“ Beifall verdient. Was auch gilt, wenn man ihn als reine Fiktion einordnet. Kino-Welthits wie „Love Story“ (1970), „Zeit der Zärtlichkeit“ (1983) oder „Brokeback Mountain“ (2005) haben Millionen ergriffen, obwohl die erzählten Geschichten eindeutig erfundene sind. Aber sie wirken durch die Inszenierung, die visuelle Gestaltung und das Schauspiel wahrhaftig, haben bei vielen Kinobesuchern zum Nachdenken über die Wirklichkeit und über das eigene Leben angeregt. All das trifft auch auf diesen Spielfilm zu, egal, ob die Handlung auf Tatsachen beruht oder nicht. Der Film ist überaus wirkungsvoll. Zu danken ist das insbesondere den beiden Hauptdarstellern.

Gillian Anderson verkörpert Raynor ohne den kleinsten Anflug von Star-Allüren. Sie agiert bar jeden Glamours, ganz anders als in der Rolle, mit der sie berühmt wurde. Das ist die der FBI-Agentin Dana Scully in dem seit 1993 erfolgreichen Fernsehserien-Hit „Akte X“. In „Der Salzpfad“ tritt sie nahezu ungeschminkt auf. Ihr Ringen um Würde und Hoffnung, die Auseinandersetzung mit Angst und Schmerz, offenbart Gillian Anderson meist mit kleinsten schauspielerischen Mitteln. Die stärksten Momente des Films sind solche des verhaltenen Nachdenkens der Frau über das eigene Schicksal. Es mutet im Film absolut glaubwürdig an, wie sie gleichsam über sich selbst hinauswächst. Was Gillian Anderson nicht dazu verführt hat, so etwas wie eine Superfrau zu zeigen. Ihre Raynor wirkt durchweg authentisch.

Es wird gecampt: „Der Salzpfad“ mit Gillian NAderson udn jason Isaacs.
Es wird gecampt: »Der Salzpfad« mit Gillian NAderson udn jason Isaacs.

Die schönsten Szenen sind dabei jene, in denen das selbstverständliche Miteinander des Ehepaares gespiegelt wird. Jason Isaacs, vermutlich vielen insbesondere bekannt als Lucius Malfoy in den „Harry Potter“-Kinoabenteuern, harmoniert bestens mit seiner Schauspielpartnerin. Die Chemie zwischen den beiden ist perfekt. Auch er setzt nie auf große Attitüden, auch bei ihm dominiert Hintergründigkeit.

Wer Schauspielkunst genießen möchte, sich im Kino emotional packen lassen will, gern über den Sinn des Lebens nachdenkt, sollte „Der Salzpfad“ nicht versäumen. Was die Debatte über Ehrlichkeit im Literaturbetrieb nicht abwürgen darf. Aber für diesen Film als eigenständiges Kunstwerk gilt: Selten wurde im Kino der vergangen Jahre ohne auch nur den leisesten Anflug von Kitsch derart eindringlich die Wahrheit eines der bekanntesten Sinnsprüche bestätigt: Der Weg ist das Ziel.

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