Kino RHEINPFALZ Plus Artikel Film der Woche: Das berührende Drama „A Missing Part“

Neun Jahre hat Jay seit der Trennung von seiner Frau seine Tochter nicht mehr gesehen.
Neun Jahre hat Jay seit der Trennung von seiner Frau seine Tochter nicht mehr gesehen.

Der Franzose Romain Duris fesselt in dem Culture-Clash-Drama mit einer wirkungsvollen Einheit von Kraft und Sensibilität.

Romain Duris („L’auberge espagnole“, „Der wilde Schlag meines Herzens“) verkörpert in „A Missing Part“ den Franzosen Jérôme, kurz Jay genannt. Der ehemalige Pariser Profikoch lebt als Taxifahrer in Tokio. Bei jeder Tour begleitet ihn die Hoffnung, seine jetzt zwölfjährige Tochter Lily (Mei Cirne-Masuki) zu finden. Seit neun Jahren hat er sie nicht mehr gesehen. Nach der Trennung von seiner japanischen Frau Keiko (Yumi Narita) wird ihm das verwehrt. Der Hintergrund ist eine juristische Besonderheit in Japan: Kinder dürfen nur eine oder einen Erziehungsberechtigten haben. Eine Regelung, die nicht allein Gaijins, wie in Japan in einem anderen Land geborene Mitbürger genannt werden, betrifft.

Jay darf seine Tochter offiziell erst treffen, wenn sie 18 Jahre alt ist. Doch er möchte mehr sein als nur der Mann, von dessen Konto allmonatlich die Unterhaltszahlungen abgebucht werden. Also hält er Ausschau nach ihr. Das hält sein Umfeld für problematisch, etwa Frauen und Männer einer Selbsthilfegruppe oder auch sein Vater (Patrick Descamps). Aber Jay gibt nicht auf. Und eines Tages steigt eine Jugendliche zu ihm ins Auto, die tatsächlich seine Tochter sein könnte.

Verzweifelt: Jay (Romain Duris) ist gezeichnet von der Suche nach seiner Tochter.
Verzweifelt: Jay (Romain Duris) ist gezeichnet von der Suche nach seiner Tochter.

Was nach einer womöglich weinerlichen Geschichte um einen verzweifelten Mann mittleren Alters klingt, erweist sich als äußerst sensible Studie zu Fragen familiärer und kultureller Zugehörigkeit. Dabei wird darauf verwiesen, dass es immer die Kinder sind, die von den Entscheidungen ihrer Eltern profitieren oder darunter zu leiden haben. Das Nachsinnen darüber wird nicht vordergründig oder lautstark präsentiert. Deutlich wird das insbesondere in Momenten stummen Nachdenkens, seltener auch in solchen von heftiger Emotionalität.

Hauptdarsteller Romain Duris fühlt man sich verbunden, bereits von der ersten Einstellung an. Da ist noch gar nicht klar, worum es gehen wird. Sein zerfurchtes Gesicht und der fast ausgezehrt wirkende Körper wecken beinahe Beschützerinstinkte. Der Star überzeugt vollkommen, ist nahezu durchweg präsent, dabei frei von Allüren. Er macht beispielsweise ohne Worte klar, was es bedeutet, trotz exzellenter Sprachkenntnisse und fester wirtschaftlicher Verankerung, in einer Kultur, in die man nicht hineingeboren wurde, immer als Fremder behandelt zu werden.

Der angenehm unspektakuläre Film weist damit weit über die Geschichte von Jay, Lily und Keiko hinaus, berührt viele allgemeingültige Aspekte zu den begrenzten Möglichkeiten des Miteinanders von Menschen unterschiedlicher Herkunft. Höchst feingeistig werden damit Debatten zum Thema Integration reflektiert, wie sie derzeit in vielen Ländern geführt werden. Darum ist es für die Rezeption des Dramas auch unerheblich, dass das japanische Parlament 2024, als die Dreharbeiten des Films bereits beendet waren, einer Gesetzesänderung zugestimmt hat, die es geschiedenen Paaren ab diesem April erlauben soll, zusammen das Sorgerecht für die gemeinsamen Kinder auszuüben.

Liebe ist harte Arbeit

Bemerkenswert: Der belgische Regisseur Guillaume Senez und seine für die Kameraführung verantwortliche Landsfrau Elin Kirschfink haben jeden Anflug von Kitsch vermieden. Nippon-Romantik bleibt völlig aus. Die Hauptfigur mit wachem, dabei aber immer auch etwas distanzierten Blick begleitend, wird Tokio fern von jeglichem Touri-Schick erkundet. Viele Szenen wirken recht sachlich und entfalten genau darum eine große Eindringlichkeit. Erfreulicherweise wird nicht in einem bitteren Ton erzählt. Es darf erstaunlich oft geschmunzelt werden.

Aus dem Kino entlassen wird man mit einem verblüffenden Finale: Jay scheint einen neuen Lebensweg finden zu können. Doch es ist klar, dass er nicht im Paradies ankommen wird. Wie heißt es doch so klug: Liebe ist Arbeit, harte Arbeit, ganz besonders die Liebe zu sich selbst.

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