Dokumentation RHEINPFALZ Plus Artikel Film über Hannelore Kohl: Die Unerklärbare

Seltener Einzeltermin: Hannelore Kohl im September 1998.
Seltener Einzeltermin: Hannelore Kohl im September 1998.

Hannelore Kohl wurde oft belächelt. Doch die erste Frau des Pfälzer Kanzlers war eine starke Persönlichkeit. Das Erste zeigt eine Dokumentation über sie. Warum sie es jetzt macht und was das mit der RHEINPFALZ zu tun hat, erklärt Michael Garthe.

Ihr Leben war wahrlich nicht einfach. Sie mag sich so manches Mal ein anderes gewünscht haben. Aber sie hat es dann doch, so wie es war, entschlossen angenommen. Hannelore Kohl war eine starke Frau – für sich selbst, an der Seite ihres Mannes, bei ihren wohltätigen Aufgaben, aber vor allem für ihre Familie.

Von schüchtern zu schlagfertig

Ende der 1960 Jahre, als Helmut Kohl einen schnellen politischen Aufstieg nahm, da wirkte die Frau an seiner Seite schüchtern und unbeholfen. Sie wurde belächelt. Ein Klischee von der Hausfrau und Dienerin Kohls breitete sich aus. Hannelore Kohl ärgerte sich darüber und begann, an ihren öffentlichen Auftritten zu arbeiten, sie autodidaktisch zu lernen. Und man staunte: über eine Frau Kohl, die sprachgewandt war und charmant und schlagfertig. – Hannelore Kohl war eine Kämpferin. Sie kämpfte sich aus den Trümmern des Zweiten Weltkrieges und nach ihrer Flucht aus Leipzig in die Pfalz ins Leben. Und sie kämpfte sich ins Leben einer Frau an der Seite eines Ministerpräsidenten, eines Bundeskanzlers, eines dominanten, in seinem Selbstbewusstsein bald epochalen Menschen.

Produzent Nico Hofmann blickte hinter die Kulissen

Welch ein Kampf! Welch ein Leben! Voller Höhen und Tiefen, Hochgefühle und Dramen und mit einem tragischen Ende. Nico Hofmann, Kurpfälzer, Deutschlands bekanntester Filmproduzent, Leiter der Nibelungen-Festspiele in Worms, hat sich dieses Lebens angenommen. In dem Journalisten und früheren „Spiegel“-Chefredakteur Stefan Aust und im Norddeutschen Rundfunk hat er die richtigen Partner gefunden, eine große Dokumentation über „die erste Frau“ Helmut Kohls zu erstellen. Am 1. Mai sendet sie das Erste, von 18.30 bis 20 Uhr. Um es vorwegzunehmen: Es lohnt sich, die Doku anzusehen.

Deutsche Geschichte lebendig halten

Nico Hofmann hat ein historisches und ein ganz persönliches Interesse an Hannelore Kohl. Der Produzent von „Unsere Mütter, unsere Väter“ will deutsche Geschichte lebendig in Erinnerung halten. Seine Eltern kannten Hannelore Kohl gut. Seine Mutter, Ulla Hofmann, war mit ihr befreundet. Sein Vater, Klaus Hofmann, war viele Jahre, bis 1989, Bonner Korrespondent der RHEINPFALZ, begleitete journalistisch die Kanzler Willy Brandt, Helmut Schmidt und Helmut Kohl. Die gemeinsame Herkunft Kohls und Hofmanns aus der Kurpfalz brachte sie einander näher als es zwischen Journalisten und Politikern üblich ist. Nico Hofmann lernte Kohls Frau früh kennen. Nach ihrem tragischen Tod sprach er immer wieder mit seiner Mutter über die Kanzlergattin. Ulla Hofmann war beeindruckt von deren Lebensweg, von ihrem Ehrgeiz, ihrem Selbstverständnis.

Gefangene des Berufes und ihres Mannes“

Das ist gewissermaßen der persönlich-emotionale Hintergrund dieser Dokumentation, die Stefan Aust, lange ein bekennender Kritiker der Kohls, dann gleichermaßen kritisch und mit Sympathie und Akribie angeht. Das Ergebnis ist ein beeindruckender Film über zwei Menschen, die ein Team waren, über Hauptereignisse bundesdeutscher Geschichte und letztlich über einen Kanzler, der ohne seine erste Frau nie geworden wäre, was er war. Aust reiht viele Bilddokumente von hohem Wiedererkennungswert aneinander, er lässt die Kritiker Helmuts (etwa Kurt Biedenkopf) oder Hannelores (etwa Alice Schwarzer) zu Wort kommen. Er lässt sich nicht zu Spekulationen über das Eheleben oder die Spendenaffäre hinreißen. Beide Söhne, Walter und Peter, kommen immer wieder zu Wort. Dass sie nach anfänglichem Einverständnis die Dokumentation torpediert haben, ist durch die Presse gegangen. Das ging bis hin zu Rechtstreitigkeiten. Ansonsten wäre der Film schon längst erschienen. „Mein Vater war ohne sie nicht funktionsfähig“, sagt etwa Peter Kohl über seine Mutter. Walter stellt unverblümt fest: „Sie war die Gefangene des Berufes und ihres Mannes.“

Die eigene Rolle gefunden

Der Film aber dokumentiert ebenso, wie Hannelore Kohl ihre eigene Rolle findet, wie sie sich als Präsidentin des Kuratoriums ZNS für Unfallverletzte mit Schäden des zentralen Nervensystems und mit ihrer Stiftung für Unfallopfer zur Förderung der Rehabilitation Hirnverletzter großes Ansehen und viele Verdienste erwirbt. Zu kurz kommen Zeugnisse ihrer Schlagfertigkeit und Ironie. Älteren etwa ist unvergessen, wie sie im ARD-„Wunschkonzert“ 1989 einen peinlichen Fehler des Moderators Max Schautzer ausbügelte. Der hatte sie als „Gemahlin des Bundeskanzlers Helmut Schmidt“ begrüßt. Sie konterte: „Ach, wenn das hier so ist – guten Abend, Herr Gottschalk.“ Die Zuschauer schlugen sich auf die Schenkel.

Stark und zerbrechlich zugleich

Hannelore Kohl hat sich 2001 nach langer, schlimmer Krankheit, sorgfältig geplant, das Leben genommen. So nah ihr Nico Hofmanns Produktion auch kommt. Am Ende bleibt der Eindruck von einer Persönlichkeit, die unglaublich stark und doch zerbrechlich war, die ihrem Mann diente, ihn aber auch abhängig von sich machte, die ihre Familie schier selbstlos zusammenhielt und doch wichtigen politischen Einfluss auf ihren Mann nahm. Am Ende bleibt das Bild von einer so faszinierenden wie unerklärbaren Frau.

Termin

„Hannelore Kohl – Die erste Frau“; Freitag, 1. Mai ; 18.30 bis 20 Uhr; Das Erste.

Klassisches Foto aus dem Urlaub: das Ehepaar Kohl.
Klassisches Foto aus dem Urlaub: das Ehepaar Kohl.
Auf dem Weg zu einem offiziellen Termin: Hannelore Kohl auf einer Aufnahme aus der Dokumentation.
Auf dem Weg zu einem offiziellen Termin: Hannelore Kohl auf einer Aufnahme aus der Dokumentation.
In der Dokumentation zu sehen: ein Jugendfoto von Johanna Klara Eleonore „Hannelore“ Kohl, geborene Renner.
In der Dokumentation zu sehen: ein Jugendfoto von Johanna Klara Eleonore »Hannelore« Kohl, geborene Renner.
1986 traf Hannelore Kohl mit ihrem Mann auf Mutter Teresa.
1986 traf Hannelore Kohl mit ihrem Mann auf Mutter Teresa.
Ungewohnt mondän: Hannelore Kohl auf einer USA Reise in Washington.
Ungewohnt mondän: Hannelore Kohl auf einer USA Reise in Washington.
Fankontakt bei einer Signierstunde für ihr Kochbuch: Hannelore Kohl 1999 im Pfarrhaus Oggersheim.
Fankontakt bei einer Signierstunde für ihr Kochbuch: Hannelore Kohl 1999 im Pfarrhaus Oggersheim.
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