Kunstreportage
Feuer und Flamme für BAP-Ikone Wolfgang Niedecken: Wie sein Bronzekopf entsteht
Schon ein Coup: Im vergangenen November stand BAP-Ikone und Rockstar Wolfgang Niedecken dem in Speyer geborenen Künstler Thomas Duttenhoefer Modell für einen Bronzekopf – in Tiefenthal bei Grünstadt. Jetzt ging’s in die Gießerei. Eine Reportage über Silikon, schmelzendes Wachs, Niedeckens Locken – und Günter.
Das Navi ist verwirrt. Der Weg zu Thomas Duttenhoefer führt über knirschenden Kies. Rechts ab. Sein Atelierhaus in der großherzoglichen Parkanlage ist leicht zu erkennen. Köpfe sind auf dem Sims des schmalen Fensterbands aufgereiht. Der Speyerer Duttenhoefer lebt seit 1979 in der Darmstädter Künstlerkolonie – ein Nachmieter des Schriftstellers Frank Thiess (1890 bis 1977) übrigens. Thiess, der nach dem Zweiten Weltkrieg Thomas Mann vorwarf, er habe im Ausland der deutschen Tragödie zugeschaut, statt auf dem wichtigen Heimatposten auszuharren. Inzwischen führt ein Thiessweg durch die Rosenhöhe. Im Wohnzimmer der Neo-Bauhaus-Architektur mit dem geneigten Pultdach obenauf blickt man herrlich durch bodentiefe Fenster in Duttenhoefers privaten Skulpturengarten – und weiter in die Landschaft.
Brecht, Domin, Niedecken
Wir sind hergekommen, um nach Niedernberg im niederfränkischen Landkreis Miltenberg zu fahren. Das Ziel, die Kunstguss-Team Grundhöfer GmbH, siedelt am linken Ufer des Mains im bayerischen Teil des Rhein-Main-Gebiets. Seit weit mehr als 40 Jahren arbeitet Duttenhoefer mit der Gießerei zusammen, um seine Bronzen zu finalisieren. Wie „Sepp“ und „Günter“ genau mit Nachnamen heißen, hat er längst verdrängt. Heute jedenfalls will er den jüngsten seiner über 200 Porträtköpfe, die er bisher geschaffen hat, abholen – „Wolfgang“ dieses Mal. Nachname: Niedecken.
Duttenhoefer hat Hilde Domin porträtiert, den Schauspieler Bernhard Minetti kann er immer noch parodieren. Im Frankfurter Schauspielhaus steht sein Porträtkopf des österreichischen Schriftstellers und Grantlers Thomas Bernhard vis-à-vis von Bertolt Brecht, der aus der Hand des bedeutenden Mannheimer Bildhauers Gustav Seitz (1906 bis 1969) stammt. Zurzeit ist die Philosophin Hannah Arendt bei Duttenhoefer in der Mache, samt der filigranen Brille, porträtiert nach Filmen und Fotos. Auch der Holocaustüberlebenden Margot Friedländer widmet er ein charakterstarkes Porträt.
Den ikonischen BAP-Frontmann und immer noch Wuschelkopf Wolfgang Niedecken hat Duttenhoefer derweil im vergangenen November im Tiefenthaler Kunstkabinett des Galeristen und Kunst-Netzwerkers Wolfgang Thomeczek modelliert. Drei Veteranen unter sich, wenn man so will, denn auch der studierte Künstler Niedecken wird 75 dieses Jahr. Thomeczek hatte ihn nach einem Konzert in Zürich frei heraus gefragt, ob er das machen wolle. Bald danach drehte Niedecken in Tiefenthal als Modell „langsamste Pirouetten“. Duttenhoefer laborierte sich an seinen physischen Rand. Es war eine tagfüllende Session – wir berichteten. Jetzt aber, auf der Darmstädter Rosenhöhe, zeigt Duttenhoefer erst einmal nach rechts und links.
Früher hat der feinnervige Dichter-Doyen Karl Krolow nebenan gewohnt. Gabriele Wohmann schrieb unweit Buch um Buch. Duttenhoefer selbst zählt längst zu den wichtigsten Vertretern seines Fachs. Das heißt: Im Grunde vertritt er ein eigenes Genre.
Kein Bildhauer!
Er ist Privatgelehrter ohne Abi, mythologisch bewandert und anekdotisch begabt, auf eine gute Art barock, versierter Handwerker, der schon mal auf den heiligen Synesius von Nikomedien als Referenz für die Bildidee verweist – einen Bischof mit einem Stier zu konfrontieren. Wir steigen in einen alten, schiffähnlichen Volvo. Auf dem Weg nach Niedernberg sprudelt Duttenhoefer gelehrt-geerdete Anekdoten.
„Kein Bildhauer“ – so hieß der Titel einer Werkschau, die ihm anlässlich seines 75. Geburtstags vergangenes Jahr im Bremer Gerhard-Marcks-Haus und in der Städtischen Galerie in Speyer gewidmet war. Er selbst sieht sich mehr als einen „Bildner“ – „ein schönes altes Wort“, wie er sagt. Und wer ihn je bei der Arbeit erlebt hat, versteht sofort, was es damit auf sich hat. Seine Porträtköpfe sehen aus wie praktische Psychologie.
Duttenhoefer besuchte die Werkkunstschule in Wiesbaden, studierte dort Bildhauerei an der Fachhochschule für Gestaltung, war DAAD-Stipendiat in London, wo er am renommierten Goldsmiths College als Gastdozent lehrte. Es folgten Reisen, Lehraufträge, Professuren in Trier und Mannheim, Auszeichnungen, zu denen seltsamerweise noch immer nicht der Pfalzpreis zählt. Mehr als alles aber, erzählt er, hätten ihn die Erlebnisse in einem Wiesbadener Schlachthof und beim Zivildienst in einem Altenpflegeheim geprägt. Er sei auch „Go-Go-Tänzer“ in einer Diskothek gewesen, sagt er. In der Niedernberger Gießerei angekommen aber fühlt der handfest wie ein Werkzeugmacher oder Schreiner gekleidete Künstler sich sichtlich wie zu Hause.
Großes „Hallo“ also, es riecht und staubt, dazu das Winkelschleifersirren im Hintergrund. Duttenhoefer in seinem Element hält alsbald seinen mit Silikon ummantelten Niedeckenkopf in der Hand. „Da ist unser Freund“, sagt er. Was hier passiert, nennt man Wachsausschmelzverfahren. Die Methode, die Duttenhoefers beseeltem Stil am nächsten kommt, hat eine sehr lange Tradition – bis hin ins 5. Jahrtausend vor Christus und zu den indigenen Völkern Kolumbiens und Mittelamerikas.
Wie beim Rolls-Royce
Die originale Kühlerfigur des Rolls-Royce ist so entstanden – oder der biblische Figurenschmuck der Bernwardtür, der erste Bildzyklus der deutschen Plastik, der um das Jahr 1015 datiert und zum Hildesheimer Weltkulturerbe von Dom und Michaeliskirche gehört. Nicht zufällig ist Duttenhoefer dort mit einer Schatten in die Apsis werfenden Christusfigur vertreten. Wie“s funktioniert, erklärt er jetzt von Station zu Station.
„Cire perdue“, verlorenes Wachs, ist der französische Begriff dafür. Das Silikon, in das sich Niedeckens Locken aus dem Tonmodell drücken, bildet die Negativform, mit der ein Wachsabguss erzeugt wird. Danach werden wächserne Entlüftungskanäle daran angebracht, um den Materialfluss und die Luftabfuhr zu sichern. Duttenhoefer führt uns zu Bottichen mit Schlickermasse, in die die Wachsfigur dann getaucht wird. Darauf kommt Sand.
Nach und nach, erklärt er, entsteht eine Hülle, die das Wachsmodell perfekt umschließt. Zum Ausschmelzen wird die getrocknete Ummantelung mit Hitze malträtiert, bis das Wachs ausfließt und verdampft. Zurück bleibt eine hohle Negativform. In die kommt die flüssige Bronze, die die Hohlräume ausfüllt. Die Hülle wird abgeschlagen. Was jetzt folgt, ist Teamwork mit Günter, den Duttenhoefer auch schon 40 Jahre kennt.
„Ein wahrer Meister“, sagt er. Günters Beruf nennt sich Ziseleur. Für Künstler sind sie so etwas wie die rechte Hand. „Will heute keiner mehr werden“, erklärt der schmale Mann mit dem offenen Gesicht, der die Entlüftungskanäle absägt und die Reste der Gussform von Niedecken bürstet und kratzt. Ihre Kundschaft sei auch schon deutlich angejahrt. Günter setzt die Maske auf – zum Löten. In zwei Jahren will er, zu Duttenhoefers großem Leidwesen, aufhören, sagt er und stellt den bestens präparierten Niedecken-Kopf auf eine Werkbank. Davor steht der kritische Künstler dann, der in der einen Hand eine Bürste, in der anderen eine Art Bunsenbrenner hält – und schaut und schaut und schaut.
Die Haare – schön
Er pinselt eine Flüssigkeit auf die Büste, auf der er dann herumflammt. Wie belebt wirkt der Bronze-Niedecken nach und nach. Die Haare noch eisgrau von den schlickigen Rückständen. „Du bist ein schöner Mann“, hatte Duttenhoefer in Tiefenthal beim Modellieren angemerkt. In der Gießerei geht es hin und her mit den Prozeduren, bis der Künstler entscheidet, dass es jetzt reicht für heute. Bald darauf liegt die Bronze – der Kopf des BAP-Idols – eingeklemmt zwischen dem Enkelkindersitz in einem Deckennest im Volvo. Zurück zur Rosenhöhe. Zum knirschenden Kies. Der Rest wird im Atelierhaus erledigt. Was dabei herauskommt, wird demnächst in Tiefenthal ausgestellt werden.