Ludwigshafen
Festival des deutschen Films: Die Gewinner stehen fest
Drei starke, fürs Kino gedrehte Autorenfilme, die sich auf ganz unterschiedliche Weise mit deutscher Geschichte und Fragen der Verantwortung beschäftigen, hat die Jury am Samstagabend auf der Parkinsel mit den Hauptpreisen bedacht. Zuvor hatte das Festival des deutschen Films einen neuen Zuschauerrekord mit rund 135.000 Vorführungsbesuchen vermeldet.
„Das Verschwinden des Josef Mengele“ (Kinostart: 23. Oktober) des russischen, im Berliner Exil lebenden Regisseurs Kiril Serebrennikov, der auch das Drehbuch schrieb, will die Psyche des NS-Verbrechers entschlüsseln und wurde als bester Film des Festivals ausgezeichnet. Er sei, so die Jury, „die Geschichte eines Monsters, ohne es zu glorifizieren“. Der auf dem gleichnamigen Roman des Straßburger Journalisten Olivier Guez basierende Film zeige „die Figur Mengele als Mahnmal menschlicher Abgründe“.
Tatsächlich ist Serebrennikovs Erkundung der Gedankengänge des KZ-Arztes – stark gespielt von August Diehl – sehenswert. Doch gibt der Film eben auch nationalsozialistischer Pseudowissenschaft sehr viel Raum, um zu zeigen: Dieser grausame Mediziner war bis zu seinem Tod 1978 in Brasilien tatsächlich überzeugt von seinem Tun und fühlte sich schlicht nicht schuldig. So lässt ihn Serebrennikov zwischen 1956 und 1977 fabulieren: „Tod und Mut gehen immer Hand in Hand“, „wir mussten unsere Natur verteidigen“ und „Minderwertige müssen beseitigt werden“. Und auf die KZ-Szenen – im Gegensatz zum restlichen Film, der Schwarzweißbilder zeigt, in Farbe gedreht – hätte der Regisseur doch besser verzichten sollen.
Einige ebenfalls schwer zu ertragende Bilder zeigt auch Mascha Schilinski in „In die Sonne schauen“ (seit 28. August im Kino), wobei das eigentliche Grauen hier im Dazwischen liegt, in Verbrechen an jungen Frauen, die eben nicht gezeigt und auserzählt werden. Schilinski ist sehr zu Recht mit dem Preis für die beste Regie geehrt worden. „In die Sonne schauen“ verwebt vier unheilvolle Mädchen- und Frauenleben verschiedener Generationen auf einem Hof in Sachsen-Anhalt. Sie nehme die „Zuschauer mit auf eine Reise, die Zeit und Raum auflöst und dabei eine völlig eigenständige Filmsprache entwickelt“, befand die Jury.
Der dritte Hauptpreis wird in der Kategorie Drehbuch vergeben und ging an Moritz Bender, der in „September 5“ danach fragt, welche Rolle die berichterstattenden Medien beim Anschlag auf die israelische Mannschaft während der Olympischen Spiele 1972 hatten. Das Drehbuch stelle, so die Jury, „die richtigen Fragen“ zum nach wie vor aktuellen Thema „Wann wird Berichterstattung zu Mittäterschaft?“
Der atemlos wirkende Film ist aus der Warte eines Teams des US-Senders ABC erzählt, dessen Echtzeitbilder auch auf TV-Geräten laufen, zu denen die Geiselnehmer Zugang haben. „Ist das nun unsere Schuld?“, fragt sich immerhin ein ABC-Mann, als die Palästinenser das Olympische Dorf mit ihren Geiseln verlassen können. Zwar hat der von Tim Fehlbaum gedrehte Film auch Elemente des Spannungskinos, dennoch sorgt er durch die medienkritische Perspektive in Zeiten nahezu dauerhafter Öffentlichkeit allen Lebens für eine willkommene Gelegenheit auch des Innehaltens und Sinnierens über ethische Fragen.
Auch drei „Ludwigshafener Auszeichnungen“ – lobende Erwähnungen – sprach die Jury aus, die aus Schauspielerin Lina Wendel („Die Füchsin“), Produzentin Martina Haubrich (verantwortlich für den Festival-Siegerfilm 2024, „Klandestin“) und Produzent Wolfgang Esser (verantwortlich etwa für die „Spreewaldkrimi“-Reihe) bestand: Produzentin Melanie Blocksdorf, die den sensibel erzählten Film „Karla“ (Kinostart: 2. Oktober) ermöglichte, wurde gewürdigt. Der 1962 spielende Film nach wahren Begebenheiten, gedreht von Regiedebütantin Christina Tournatzés nach dem Drehbuch von Yvonne Görlach, erzählt von einem zwölfjährigen Missbrauchsopfer, das den Vater angeklagt sehen möchte: Das starke Drama konzentriert sich ganz auf die Würde des Mädchens und blendet bewusst den Vater weitgehend aus.
Eine weitere lobend Erwähnung ging ebenfalls verdient an Schauspielerin Saskia Rosendahl für „Zikaden“: In Ina Weisses Film über zwei Frauen aus ganz unterschiedlichen Schichten glänzt Rosendahl als rätselhafte alleinerziehende Geringverdienerin, die sich ins Leben der gut betuchten Nachbarin (Nina Hoss) schleicht.
Außerdem wurde Regisseur Kai Wessel für „An einem Tag im September“ über die erste Begegnung von Konrad Adenauer und Charles de Gaulle auf dem Weg zur deutsch-französischen Aussöhnung lobend erwähnt. Zuvor hatte Wessel bereits den Regiepreis des Festivals gewonnen.
Das Publikum bevorzugte dagegen zwei Filme, die nicht im Hauptwettbewerb liefen: Der Rheingold-Publikumspreis ging in gleichen Teilen an „Cranko“ über den lange in Stuttgart wirkenden Choreografen John Cranko (Regie & Buch: Joachim A. Lang) mit Sam Riley in der Titelrolle und an die Komödie „Theken-Cowboys“ (Regie & Buch: Orlando Klaus & Alexander Wipprecht).


