Architektur
Fest mit Philosoph: Die Architektenkammer Rheinland-Pfalz feiert 70. Geburtstag
Zeichen geschehen, Wunder. Der 1903 gegründete Bund Deutscher Architekten (BDA) hat sich umbenannt, gendergerecht in: Bund Deutscher Architektinnen und Architekten. 101 Jahre, nachdem mit Therese Mogger die erste Frau in den BDA berufen worden ist. Aber immerhin: Die Architektenkammer Rheinland-Pfalz zum Beispiel heißt immer noch so, Architektenkammer, trotz Frauenanteil von einem Drittel der über 5700, na ja, Mitglieder. Vielleicht ein Manko. Sonst ist an der Fortschrittlichkeit der in Mainz ansässigen Landesstandesvertretung wenig auszusetzen. Dieses Jahr feiert sie 70. Geburtstag. Genauso so alt ist ihr harmoniebegabter Präsident, dessen Nachnamen ein lupenreines Palindrom darstellt. Von hinten wie von vorne heißt Gernot Reker, Reker. Nicht seine einzige Besonderheit.
Der Kaiserslauterer Architekt zählt zu den Intellektuellen seiner Zunft, parliert locker auf dem jeweiligen Diskurslevel. Insbesondere seine baukulturelle Verve und entsprechende Pioniertaten haben dazu geführt, der Zusammenschluss in Rheinland-Pfalz für die andern Länderkammern als Vorbild gilt.
Damals: „Zerstörtes in Ordnung bringen“
Von einer „großen, jung gebliebenen Schwester“ sprach so Rainer Nagel, Vorsitzender der Bundesstiftung Baukultur, bei der Jubiläumsfeier, die Virus-gemäß digital stattfand. Sehr ernst, sehr gediegen alles, den Blick nach vorne gewandt: Videobotschaft von Malu Dreyer, Talkrunde auf Abstand, mit Bauministerin Doris Ahnen, Reker und Philosophie-Jungstar Markus Gabriel, alle versunken in von Aluröhren gerahmten Le-Corbusier-Sesseln. Nur der Anschnitt des Geburtstagskuchens misslang.
Durchs Programm moderierte Patricia Küll, eine SWR-Fernsehfrau, die zudem als Autorin von etwas wackelig überschriebenen Ratgebern wie „Kopf zerbrechen oder dem Herzen folgen?“ ausgewiesen ist. Rührend der Einspieler mit dem 96-jährigen Georg F. Weisbrod aus Ludwigshafen, Seite an Seite mit seinem elf Jahre jüngeren Ex-„Lehrbub“ Walter Sinn. „Damals“, sagte Kammer-Mitbegründer Weisbrod, er meinte: vor 70 Jahren, „ging es nur darum, dass Zerstörte wieder in Ordnung zu bringen“.
Heute: „Moralische Fortschritte“
In Mainz stattdessen ging es jetzt um „Moralische Fortschritte in dunklen Zeiten“, wie der Titel des jüngsten Buchs von Markus Gabriel lautet. Der 40-Jährige aus Remagen gehört zum Jetset seines Faches. Mit 29 schon ist er Professor in Bonn gewesen. Wie er ins Gespräch einflocht, berät er in helleren Zeiten Unternehmen in Tokio, konferiert international, lehrt in New York, denkt im Großen. Sein Vortrag, das Ereignis des Events, handelte von Gut und Böse. Von universalen Werten, dem „virologischen Imperativ“, der „Stapelkrise“ der Gegenwart, zu der sich viele, teils verschränkte Einzelkrisen auftürmten – die Klimakrise ganz oben. In deren Windschatten, Stichwort Zoonose, die Pandemie, deren Bekämpfung wiederum durch Verschwörungserzählungen und Fake News unterminiert wird. Dazu die Digitalisierungsfolgen etc.pp. Was tun? Helfen dagegen würde, meinte Gabriel, eine „neue Aufklärung“ über das nicht ganz kleine Thema: „Was der Mensch ist und wer wir sein können.“
Für die Architektur forderte er „massive Formen der Kooperation“. Heißt: Zwischen Architektinnen und Soziologen, Investorinnen und Epidemiologen, BWLern und Philosophinnen selbstredend. Bauen, sagte Gabriel in hohem Ton, bedeute „Träume des gelingenden Lebens in Stein umgesetzt“. Dazu gehöre auch die Nachhaltigkeit – unbedingt. Maßstab, die Griechen, ihr Ewigkeitsanspruch an die Architektur. Man könne ja, sagte er, damit anfangen, nicht einfach willenlos Gebäude abzureißen, die gerade mal 60 Jahre stünden. Mit einem Zeichen. Hier in Ludwigshafen allerdings, wär’s ein Wunder.