Literatur
„Faserland“, später: Christian Krachts Bestseller-Roman „Eurotrash“
„Faserland“, Christian Krachts Debüt, beschrieb eine Reise durch die Gegenwart, Barbourjacke an, Haltung: von oben herab. Der Held ist jung, reich, ein Jüngelchen, erfüllt von einem markenbewussten Weltekel. Für viele sah er Christian Kracht, dem damals 28 Jahre alten Schweizer Autor, zum Verwechseln ähnlich. Von Sylt aus ging's über Heidelberg nach Zürich. Im Bordbistros von ICEs, Taxis. Showdown auf dem See. „Bald (…) beginnt der letzte Satz. Heißt: Fortsetzung folgt. Jetzt, 26 Jahre später, im neuen Roman „Eurotrash“, fängt wie in „Faserland“ alles von neuem mit „Also“ an.
Die Überwindung der Barbour-Jacke
„Also, ich musste wieder auf ein paar Tage nach Zürich. Meine Mutter hatte angerufen (…)“, erster Satz. Noch so eine Analogie ist die einer lässigen Mündlichkeit angelehnte Erzählhaltung. Der Aufbruch ins Erzählen auch. Nur, dass diesmal ein Autor selbst auf die Reise geht. Christian Kracht, so heißt er. Der Verfasser des Romans „Faserland“, wie der Ich-Erzähler gleich zu Beginn verrät. Mit seiner maladen, seelenkranken, alkoholabhängigen Mutter, der eigentlichen Hauptfigur, bereist der fiktive Kracht von Zürich aus, die Orte der Kindheit des realen Kracht. Statt einer Barbourjacke hat der Autor-Avatar einen zotteligen Öko-Strickpullover an. Und erzählt wird, wenn man so will, statt eines Egotrips, en passant eine gefühlskalte Familiengeschichte aus höheren Kreisen. Samt sadomasochistischen Nazis. Das Geld regiert. Eine „Tragödie mit komödiantischen Elementen“, in der „alles auf die Schweiz, die Nazis und den Zweiten Weltkrieg“ geschoben wird, sei das hier, wird das Genre einmal selbstsarkastisch benannt. Nicht zuletzt ist das Buch des 54-Jährigen neben einer Mediation über die eigene Biografie auch virtuose Literatur über das Schreiben.
Beschädigtes Duo im Saanenland
Mutter und Sohn sind darin – „also“ – im Taxi ins Saanenland unterwegs. Sie haben 600.000 Euro in einer Plastiktüte dabei. Schmutziges Spielgeld zum Verplempern. Sie selbst schenken sich derweil nichts, wenn es darum geht, sich Heuchelei und die jeweiligen psychosozialen Defizite vorzuhalten. Hinzu kommt, der Sohn muss der Mutter ab und an den Kotbeutel wechseln, sie hat einen künstlichen Ausgang. Und sie muss ihn von seinem hohen literarischen Ross runterholen. In beidem entwickeln die beiden routinierte Perfidie. Hinauf geht es für das beschädigte Duo auf den Gipfel des Col du Pillon. Nach Morges zum Château des verstorbenen Vaters geht es. Und während der Held von „Faserland“ das Grab von Thomas Mann damals nicht fand, steht man nun irgendwann doch am Grab des magischen Realisten Jorge Luis Borges. Eine Reverenz und Referenz, eindeutig. Auch sich selbst ist Kracht diesmal nah wie nie. Zahlreich sind „Eurotrash“ die faktischen Koinzidenzen.
Was wirklich geschah
Der Vater etwa, Christian Kracht senior, ist im Roman wie im wahren Leben die legendäre rechte Hand der Verlegerlegende Axel Springer gewesen. Sehr reich. 90-jährig gestorben in einem herrschaftlichen Anwesen am Genfer See. Die Eckdaten sind googlebar. Auch, dass der Junior als Elfjähriger von einem anglikanischen Priester in einem kanadischen Internat missbraucht worden sei, wie in „Eurotrash“ steht, ist in den Berichten über Krachts Frankfurter Poetikvorlesung aus dem Jahr 2018 nachzulesen. Aber ob alles, was in „Eurotrash“ angeführt wird, tatsächlich der Wahrheit entspricht – die Mutter etwa ebenfalls elfjährig missbraucht wurde, 1949 von einem Fahrradhändler in Itzehoe –, bleibt im erzählerischen Unklaren. So wie der traumwandlerische Schluss. Letztes Wort: „Bald.“ Der Roman oszilliert magisch – zwischen Realismus, Autofiktion, Literaturliteratur, Selbstparodie. Die Augen der Forelle blau auf dem Tisch, sie spiegeln – nichts. Einmal gewährt der Erzähler einem einen Einblick in die Gedankenwelt seiner Betrachter, einfach, weil er es kann. Mit der Phrase „Erinnerst du dich (...)“ werden immer neue Geschichten angerissen. „Wahrheit oder Fiktion“, fragt der Erzähler einmal. „Das ist mir egal. Entscheide du“, sagt die Mutter. Ein Wunderwerk der Dekonstruktion hat ihn „Zeit“-Kritiker Ijoma Mangold „Eurotrash“ genannt.
Vorbild Flaubert? Ach was
Lustig auch, wie Christian Kracht sich durch seine Figur der Mutter Flaubert als unerreichbares Idol vorhält. Oder Marcel Beyer. Dessen im gleichen Jahr wie „Faserland“ erschienener Roman „Flughunde“ wurde Kracht und seinen Verteidigern damals mit Vorliebe als Gegenbeispiel eines Romans mit dem Prädikat besonders wertvoll vorgehalten. Dabei kann er, der in der Vergangenheit auch schon als Thomas-Mann-Epigone und rechter Denker à la Ernst Junger missverstanden worden ist, allerspätestens jetzt selbst als vorbildhaft gelten. Kracht, ein formvollendeter Avantgardist.