Design RHEINPFALZ Plus Artikel Farbe des Jahres: 2026 erscheint ganz in Weiß

Farbe für das Wolkenkuckucksheim: „Cloud Dancer“, die von der Firma Pantone ausgewählte Farbe des Jahres.
Farbe für das Wolkenkuckucksheim: »Cloud Dancer«, die von der Firma Pantone ausgewählte Farbe des Jahres.

Weltflucht in wogendem Weiß. „Cloud Dancer“ ist die Pantone-Farbe des Jahres. Was sie bedeutet? Eine Erkundung.

So also soll das werden, vielmehr sein, 2026. Letzter Ausgang, seliges Wolkenkuckucksheim. Draußen die dunkle Welt, drinnen ein tänzelnd helles Sofa. Pantone, die Firma, die international hochpreisige Farbstandards verkauft, hat „Cloud Dancer“ als Farbe des Jahres ausgegeben. Mehr noch: 11-4201, wie die technische Bezeichnung lautet, ist eine Losung, vielleicht die Lösung: „Wogendes Weiß“ durchsetzt mit Nuancen von Elfenbein und Grau, „durchzogen von einem Gefühl der Gelassenheit“, wie Pantone dichtet. Auf den ersten Blick ein Farbton, der sich gegen die tiefe Schwarzmalerei wendet. Und für alle – Achtung Ironie? – denen Beige zu exaltiert erscheint, taugt er auch.

„Dieses Weiß“, heißt es im – Om – Marketingsound, „ist ein Symbol des beruhigenden Einflusses innerhalb einer frenetischen Gesellschaft, die den Wert der maßvollen Überlegung und des ruhigen Nachdenkens wiederentdeckt.“ Sofort stellt sich beim Betrachter das Bild des hochmögenden Teils der Gesellschaft ein, der, inspiriert von der unbefleckten Erkenntnis und in weißem Kaschmir und Plüsch gehüllt, den Rückzug ins Wogende Abklingbecken beschreitet. Und am flackernden Kamin des Resorts & Spa Bleiche sitzt – in Burg im Spreewald.

Weiß muss man sich nämlich leisten können. Dem Rest wird die Nichtfarbe derweil eher als Defizit- und Rezessionsindikator erscheinen. Vielleicht auch als „Farbe“, die problemlos ins Stadtbild passt. Als, wie der Internet-Community sofort aufgefallen ist, zynische farbliche Untermalung einer geistig-moralischen Wende – der Wiederkehr eines – was sonst? – weißen Nationalstolzes, der Trump und die MAGA-Bewegung bewegt.

Er wolle, meinte der US-Präsident so vor kurzem, nur noch weiße Südafrikaner als Immigranten in sein durch ihn selbst geheiligtes Land lassen. Schwarze Somalier nannte er dagegen mehrfach „Müll“. Ihr Herkunftsland „stinke“. Nicht ohne Grund sind die klassischen Südstaaten-Villen des 18. und 19. Jahrhunderts weiß gestrichen gewesen, von makelloser Eleganz, hinter der die sozialen Unterschiede, die Gewalt und die Sklaverei verborgen bleiben sollten.

„Schwebt hinaus! Der weiße, freie Abgrund der Unendlichkeit liegt vor uns“, dichtete der in Kiew geborene Maler Kasimir Malewitsch, der Begründer des Suprematismus, vom lateinischen supremus, höchst, zuoberst, dem auch schon ein Überlegenheitsgestus eingeschrieben war. 1915 malte Malewitsch sein ikonisches „Schwarzes Quadrat“. Drei Jahre später ein „Weißes Quadrat auf weißem Grund“. Ein Bild wie ein Paradox. An der Grenze des Sagbaren. Das bisschen, was es zu sehen gibt, wirkt umso bedeutungsvoller. Warum?

Eine Nuance Elfenbein – und Grau.
Eine Nuance Elfenbein – und Grau.

Ein weißer Leerraum ist die ideale Projektionsfläche, ein leeres, weißes Blatt, Ausbruchsort und gleichermaßen ein Feld der Erscheinung, um es phänomenologisch auszudrücken. Zu naiv, zu denken, dass eine farbliche Designentscheidung gerade jetzt keine zeichenhaften Konsequenzen hat. Eine Entscheidung für weiße Hemden und flauschige Catsuits zumal, Weiß ist die Farbe, die prachtvollst Ambivalenz verkörpert. Immer schon ist das Weiß gerahmt gewesen: historisch, politisch, kulturell.

In der Antike, bei Platon, verhieß es das metaphysisch leuchtende Licht des Guten. In der Aufklärung war Weiß Sinnbild einer Tabula rasa. Beim Seinsphilosophen Martin Heidegger: Blendwerk. Theodor W. Adorno warnte: Reinheit sei verdächtig, weil sie ausgrenzt und unsichtbar macht. Ein Effekt, den jeder nachvollziehen kann, der je in der Grundschule Deckweiß verwendet hat.

Kunsthistorisch diente die – für Goethe – Mutter aller Farben von Leonardo da Vinci (1452–1519) bis Johannes Vermeer (1632–1675) als Lichtquelle, Heiligenschein, Kontrast- und Dramatisierungsmittel. In der minimalistischen Kunst der 1960er-Jahre, bei Künstlern wie Agnes Martin, Robert Irwin oder Robert Ryman, wurde Weiß dann zum Wahrnehmungsvehikel, mit dem zwischen den Zeilen etwas sichtbar werden sollte, dadurch, dass das Überflüssige verschwunden war.

Cloud Dancer, das Weiß der Stunde, verwandelt sich diese Ästhetik derweil unter umgekehrten Vorzeichen. So, als könnten die herrschenden Gegensätze in Nordic-Bouclé-Sesseln in gebrochenem Weiß ausgesessen und zum Verschwinden gebracht werden. Als Nichtposition jedenfalls ist Weiß die Schweiz der Farben: beruhigend, der schmutzigen Realität enthoben, in der Cloud der privaten Obsessionen archiviert.

„Der Schnee bedeckt das Land mit weißer Stille, und alles Leben scheint in Erwartung erstarrt“, heißt es in Goethes „Faust“, dem ersten Teil. Weiß ist das Sinnbild dessen, was der italienische Philosoph Giorgio Agamben die „potenzielle Leere“ nennt, den heiklen Möglichkeitsraum dafür, erst einmal nicht zu handeln, auch wenn düstere Wolken am Horizont aufziehen. Nehmen wir doch die in AfD-Blau. Die gute Nachricht: Aufzugeben kommt auch für den politischen Philosophen Agamben nicht einmal in Cloud-Dancer-farbenen Sneakern in Frage. Die Signalfarbe der Kapitulation ist im Übrigen ...? Genau!

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