Literatur RHEINPFALZ Plus Artikel Fahrt doch mal hin: Der Roman „Sanditz“ von Lukas Rietzschel

Der Autor Lukas Rietzschel.
Der Autor Lukas Rietzschel.

Lukas Rietzschel erzählt zwar die Geschichte eines kleines ostdeutsche Dorfes in der Oberlausitz. Aber was wir da lesen, ist eben auch ein Stück deutsch-deutsche Geschichte.

„Sanditz. In seinem Kopf klang das wie Atlantis. Ein unentdeckter, unbekannter Ort. Ob hinter einer Mauer oder am Meeresgrund – unerreichbar. Bis jetzt.“ Diese Gedanken schießen dem westdeutschen Sparkassenleiter durch den Kopf, als der Wendeprofiteur in Lukas Rietzschels äußerst lesenswerten, gleichnamigen Roman, in dem fiktiven Dörfchen – in einem ehemaligen Braunkohlerevier in der Oberlausitz – ankommt. Er ist nur eine der Nebenfiguren, die in dem mosaikartig erzählten Buch des erst 32-jährigen ostdeutschen Autors auftauchen und ein Schlaglicht auf die individuelle Geschichte der in der (ehemaligen) DDR geborenen Menschen werfen.

Eine kurze Geschichte der DDR

Der aus wechselnden Perspektiven erzählte Roman beginnt sagenhaft mit dem Weiterspinnen des Krabat-Mythos und erzählt dann in Zeitsprüngen von der DDR Ende der 1970er Jahre, den Zeiten des Mauerfalls, sowie dem Lockdown-Winter 2021 bis nah an unsere Gegenwart.

Im Zentrum steht die protestantische Familie Wenzel, über deren verwandtschaftliche Beziehungen man sich im Vorsatzpapier einen raschen Überblick verschaffen kann: Da ist die Lokaljournalistin Maria und ihr rebellischer Zwillingsbruder Tom, Ex-Polizist und Coronamaßnahmengegner, der gegen Ende des fast 500 Seiten starken Romans in einem exzellent recherchierten Showdown im Kampfverband der Ausländer für die Ukraine und gegen gnadenlose Drohnenschwärme kämpft.

Ihr gutherziger Ziehvater Roland lebt seine Homosexualität nur heimlich. „Kurz hatte er erfahren, was es bedeutete, wenn das Herz hüpfte und die Haut unter bloßer Erwartung einer Berührung kitzeln konnte“, hält der Autor behutsam fest. Rolands innige Liebesbeziehung zu Achim, der an Lutz Seilers „Kruso“ erinnert, reißt für viele Jahre ab und lässt den Leser mit einem dicken Kloß im Hals zurück.

Mit Dorfbewohnern und seiner Frau Marion, die Roland aus Freundschaft geheiratet hat, als sie unehelich schwanger war, wird er nach dem Mauerfall verhindern, dass in Sanditz Stasi-Unterlagen verbrannt werden.

Marions Bruder Dirk schließlich, der als Bausoldat auf Rügen schwer traumatisiert wurde, vermag erst nach dem Tod seiner dominanten Mutter zaghafte Schritte ins Leben zu wagen. Deren Ehemann Norbert durfte wiederum als Orgelbauer ausreisen und schmuggelte bei seiner Rückkehr stets Westliteratur über die Grenze. Das Ehepaar Haufe tippt sie in der Pfarrwohnung heimlich für die Gemeindemitglieder ab – einfach weil sie Bücher lieben. Ihre Widerständigkeit ist kein dissidentischer Akt und dennoch womöglich eines der schmetterlingsflügelgroßen Mosaiksteinchen, das den Lauf der Geschichte beeinflusst. Ebenso wecken Diavorträge der Pastorin über ihre Reisen Sehnsüchte bei den Gemeindemitgliedern, und im Gottesdienst wird über Wehrdienstverweigerung aufgeklärt.

Eine Familiensaga als Kammerspiel

Und da wäre man schon bei den großen Fragen der kammerspielartigen Familiensaga: Wie wirkt das Individuum in die Geschichte hinein und wie sehr prägt das politische Geschehen wiederum den Einzelnen? Welche Werte vertreten diese ostsozialisierten Menschen? Unterscheiden sich deren Lebenswege im Kern wirklich von denen der „Wessis“ – oder haben wir nicht viel mehr gemeinsam: Geplatzte Träume, das Arrangieren mit neuen Realitäten, das Verheddern in Lebenslügen und natürlich - die Irrwege der Liebe?

Die Antworten müssen sich die Leser von Rietzschels drittem Roman jedoch selbst geben. Der Schriftsteller und Theaterautor, dessen Werk „Mit der Faust in die Welt schlagen“ bereits kongenial verfilmt wurde, moralisiert nicht, hat keine einfachen Erklärungen parat, sondern lässt seinen Figuren vielmehr ihr Geheimnis. Man lebt noch lange nach Lektüre des Buches mit ihnen und grübelt über ihre Motive und Lebensentscheidungen nach. Denkt mit Schaudern an das tragische Schicksal Toms, der Sinn in einem mörderischen Stellungskrieg sucht und so gar nicht dem dummen Klischee des russlandfreundlichen „Ossis“ entspricht. Weint ein paar heimliche Tränen mit Roland, der die große Liebe seines Lebens verliert und im Alter völlig vereinsamt.

Auch fragt man sich, was in Sanditz von den einst versprochenen „blühenden Landschaften“ geblieben ist: Eine fortschreitende Erosion, die sich nicht nur im Stadtbild, sondern auch im Demografischen spiegelt. Kinder scheinen in dieser Kulisse des Abgehängtseins nicht mehr vorzukommen.

Mehr Trennendes – oder doch Gemeinsamkeiten?

Maria auf jeden Fall, die ebenso wie der Autor in Kassel studiert hat, dort ständig mit Ost-Klischees konfrontiert wurde und deshalb nach Sachsen zurückgekehrt ist, „war es Leid, über den Osten zu reden, über ihre Herkunft, ihre Familie; war es leid, die zweifellos bestehenden Unterschiede zu rechtfertigen, manchmal sogar zu entschuldigen; war es leid, sich als Vermittlerin zu versuchen und ihre kurzen Ausführungen damit zu beenden, dass sie sagte: ,Fahrt doch mal hin, schaut es euch an.’“ Diese Resignation ist nachvollziehbar. Wer den Osten verstehen will, ohne Maria zur Rede zu stellen, sollte mit diesem nachdenklich stimmenden Roman dorthin reisen.

Lesezeichen

Lukas Rietzschel: „Sanditz“; Dtv; 480 Seiten; 26 Euro.

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