Design
Für Stubenhocker: Wohntrends in „plastischen Zeiten“
Normalerweise – schluchz – ginge jetzt um die Zeit die Kölner Möbelmesse über die internationale Bühne. Dass sie abgesagt wurde, ist schon das neue Normal. Genau wie die Tischware der Zagreber Firma Boir, die genau so heißt – The New Normal. Dazu gehört beispielsweise ein Dessert-Set für zwei, die Stiele der Löffel ellenlang. Damit man sich auch beim wechselseitigen probieren lassen nicht virenlästig auf die Pelle rücken muss.
Beinahe Usus ist jetzt die LED-Ringlampe, die einem ins rechte, weiche Licht rückt und schattenlos ausleuchtet im Videochat mit der Chefin. Als Lichtgestalt am besten – mit einem weißen Kreis, der immer so leicht sardonisch in den Pupillen aufscheint. Dass Klorollendepots jetzt formschön aussehen sollen. Oder wie die Nachbildung eines Schafs, dessen Korpus aus dem jeweiligen Stapel des gehorteten Hygieneartikels besteht. Klar, dass Corona wie im richtigen Leben auch im Möbel- und Interior-Design durchregiert.
Aktivmöbel Bockleiter
Die Pandemie, eine „plastische Zeit“, wie der Philosoph Gersholm Sholem die Schlüsselmomente nennt, „in denen es möglich wird, zu handeln, weil alles im volatilen Fluss ist“. Die Trendforscherin Oona Horx-Strathen vom Zukunftsinstitut sieht in ihrem „Home Report 2021“ durch das Virus zum Beispiel den fließenden „Wandel vom Authentischen zum Aktivischen“ angestoßen.
Laptop statt Mett-Igel
Kann gut sein, dass damit die Bockleitern gemeint sind, die jetzt in steigender Quantität überall herumstehen. Vor Buchregalen, als Nacht-, Couch- und Schreibtisch, Laptop-Ablage, Menetekel, dass die Kurzarbeit ein guter Zeitpunkt wäre, die Neutapezierung aktivisch anzugehen. Auch, dass der Teewagen, auf dem man in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts Sekt und Mett-Igel herumschob, wiederkommt, passt zu der pandemischen Gefühls-Gemengelage. Im Sinne von, vielleicht hilft’s ja gegen die Phantomschmerzen, mit Alvar Altos klassischem Servier- und Küchenwagen 901 über das Parkett der Dreizimmerwohnung zu bollern. Ersatzweise quasi, während der Reise-Rollkoffer auf dem Dachboden verstaubt.
Das Pantone Color Institut hat statt einer zwei Trendfarben des Jahres 2021 bestimmt, das kieselsteinige „Ultimate Grey“ und „Illuminating“, das Gelb strahlt wie die Sonne auf Kinderbildern. Soll bedeuten: Eine Farbe allein rockt diese Krise nicht. Die Pantone-Wahl ist ja immer auch angewandte Psychologie.
Grau, heißt es, stehe für Stärke, Belastbarkeit, den Fels an der Brandung, an dem sich festhalten lässt in Gedanken. Das illuminierende Gelb indes für Hoffnung, Positivität, das Licht am Ende des Tunnels, den Himmel, der sich aufklärt für einen sonnigen Tag. Zusammengesehen aber, orakeln die Pantone-Analytiker, werde aus der Farbkombi eine anfeuernde Botschaft, die ungefähr lautet: Steinstark zu bleiben! Und in der Gewissheit, dass irgendwann die Sonne wieder scheint.
Nicht zu vermeiden allerdings dürfte auch sein, dass manche dabei an die ausgebeulte, graue Jogginghose denken werden, die uns seit geraumer Zeit im Homeoffice unschön kleidet und begleitet. Verkleckert mit Ei-Gelb unter fahrigen Umständen. Keine (zwiespältige?) Erfahrung jedenfalls treibt die Kassandras der Zunft derzeit mehr um als die Arbeit zu Hause.
Am Küchentisch-Desk
Das Homeoffice ist das Großraumbüro der Gegenwart – und der näheren Zukunft zumindest. Der Küchentischdesk der von vielen erwünschte Normalfall. „Hoffice“ nennt die vorhin schon erwähnte Trendforscherin Oona Horx-Strathern die Heimarbeit hoffnungsfroh und mit Hintergedanken. Sie prophezeit, dass das anhaltende Daheimbleiben den Zuschnitt unserer Wohnräume grundlegend umdisponiert. Zurück zur räumlichen Trennung von Arbeitsplatz und Freizeitarealen. Zurück in die Zukunft. Schwere Zeiten für das Loft und freistehende Küchenzeilen. Laut Horx-Strathen wird die Nachfrage nach ergonomischem Mobiliar steigen, Mietwohnungen werden sich multifunktionalen Hotelsuiten für Geschäftsreisende annähern. Hobbykeller womöglich als Büro wiederauferstehen.
„Co-Living“ in Battweiler
Wachsen wird demnach auch der Bedarf an sogenannten „Co-Living“-Haus- und Wohnlösungen, bei denen sich mehrere Menschen, Generationen oder unterschiedlich körperlich Befähigte Gemeinschaftsräume teilen und in private Räume zurückziehen können. Die Frage ist, ob auch in Battweiler, Niederkirchen und Maudach? Jedenfalls dräuen Samtsofas, Backsteinwände und rustikale Essräume als Insignien einer robusten Heimeligkeit. „Heldenmaterialien“ wie Kork, vegane „Ledersessel“, sogenanntes Cradle-to-Cradle-Design, heißt: Möbel, die komplett recycelbar sind. Das Indoor-Gewächshaus wird der neue Frankfurter Palmengarten. Wie überhaupt in dieser Stubenhocker-Gedankenwelt die Lockdown-getriebenen Blütenträume sprießen.
Romanze mit dem Balkon
Oona Horx-Strathern nennt es herrlich durchgeknallt „Romancing the Balcony“. Sie meint damit, dass man dem Balkon oder der Terrasse per Aufhübschung aufhilft zum Nahesterholungsgebiet. Zu genießen, immer. Schon bezahlt mit der Miete oder der Hauskreditabbezahlung. Das angedockte Refugium ist CO2-neutral erreichbar, ohne Impfbescheinigung und Schnelltest ad hoc zu genießen. Eine Kürzest-Reise. Früher nannte man es Urlaub auf Balkonien.