Literatur
Eine melancholische Balkanreise: Drei neue Essays von Karl-Markus Gauß
Es gibt Autoren, in deren Texte man sich einfach wohlfühlt. Man richtet sich in ihren Büchern häuslich ein, fühlt sich angesprochen durch die Vertrautheit der Sprache, angeregt durch die Originalität der Ideen, berührt und bewegt durch die angestimmten Emotionen. Karl-Markus Gauß ist so ein Autor, dessen Weltsicht und Weltweisheit sich nie aufplustert, sondern eher bescheiden, zurückhaltend daherkommt. Und gerade deshalb umso mehr fesselt.
Schon der Titel ist ein Tiefschlag
Das gilt auch, wenn Gauß ein von Trauer und Melancholie verschattetes Buch schreibt. Schon der Titel ist ein Tiefschlag: „Die Liebe kommt immer zu spät.“ Diese zwei Wörter, „zu spät“, sind ja vielleicht in ihrer unerbittlichen Aussage das Schlimmste, was man in deutscher Sprache formulieren kann. Implizieren sie doch, dass die Chance da war, das es da eine Tür gab, dass es Grund zum Hoffen gab. Aber für all dies ist es jetzt zu spät. Die Chance kehrt nicht wieder. Die Tür bleibt auf immer geschlossen. Die Hoffnung ist der Verzweiflung gewichen.
Das Buch ist auch eine Art Requiem – zumindest die zweite Reiseerzählung – auf einen guten Freund von Karl-Markus Gauß, auf den bosnischen Schriftsteller Dževad Karahasan, der 2023 gestorben ist. Als die beiden Literaten beide schwer erkrankt waren, machten sie sich am Telefon Mut und verabredeten sich: „Nächstes Jahr in Sarajewo“. Dazu ist es nicht mehr gekommen, Gauß bereist die Heimat des Freundes zusammen mit seiner Frau und erfährt auf der Reise von dem Tod des Mannes, der auch als „Stimme“ und als „Gewissen“ Bosniens galt.
Der Geist der Versöhnung
Diese Bosnien-Erkundung ist, wie immer bei Gauß, durchzogen von dem Geist der Versöhnung und vom Wissen auch, dass gerade diese zum Schwierigsten gehört, was sich der Mensch zur Aufgabe machen kann. Und wo wären in Europa Versöhnung und Vergebung notwendiger, als in Sarajewo? Und wo wären sie, nach alledem, was vor allem die Serben dieser Stadt und ihren Bewohnern im Jugoslawienkrieg angetan haben, komplizierter?
Schon der Weg vom Flughafen zum Hotel führt Gauß vorbei an einem makabren Touristen-Hotspot. Einem Ort des Grauens, an dem heute Selfies gemacht und bei TikTok gepostet werden. Wie zynisch kann man in seiner Geilheit nach Aufmerksamkeit und Klicks und Likes eigentlich sein? Es geht entlang der „Snipers-Allee“, der Scharfschützen-Allee. In den Vorstädten hatten diese sich eingerichtet in den Hochhäusern, die ihnen einen wunderbaren Überblick über die Stadt und der darin eingekesselten Menschen boten. Bevorzugt auf Frauen und auf Kinder wurde geschossen. Auf letztere gerne gerade dann, wenn diese auf Spielplätzen waren, weshalb sich laut Gauß auch viele Gräber direkt neben den Spielplätzen finden, weil die Sniper sich auch einen Spaß daraus machten, Trauergemeinden unter Beschuss zu nehmen. Und wenn man dann noch bedenkt, dass es wohl einen Sniper-Tourismus gab, dass Menschen aus dem Westen Europas nach Bosnien reisten, um dort auf Menschenjagd zu gehen, dann wird einem schlecht. Es ist einfach nur noch widerwärtig.
Der Krieg mitten in Europa
Wie so vieles in diesem Krieg mitten in Europa, bei dem die Europäer zuschauten und der erst 1995 durch das Friedensabkommen von Dayton beendet wurde. Aber zu welchem Preis? Uns allen hat sich das Massaker von Srebrenica als eines der größten Kriegsverbrechen in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg eingebrannt. Als europäische Schande. Und was ist mit Srebrenica heute? Es gehört eben nicht zu Bosnien, obwohl abertausende Bosniaken in dieser Stadt von Serben hingemetzelt wurden. Es ist Teil der Republika Srpska, also jenem Teil Bosniens, der nach dem Vertrag von Dayton der serbischen Minderheit in Bosnien-Herzegowina zugeschlagen wurde.
Gaus kann sich über solche Ungerechtigkeiten nur noch wundern. Und eine tiefe Trauer über den Verlust einer ehemaligen Multikulturalität und Multiethnität auf dem Balkan durchzieht seinen Text. Nein, natürlich träumt er nicht von der untergegangenen kuk-Monarchie. Aber eben von dem Bosnien, von dem Sarajewo, wie es vor dem Krieg war und wie es wohl nie wieder sein wird. Von einer Stadt, in der die Religionen nebeneinander lebten, in welcher die Liebe die Religionen überwand und Bosniaken Serben und umgekehrt heirateten. Das alles ist unwiederbringlich vorbei.
Eingerahmt wird diese zentrale Geschichte von zwei kürzeren, von denen die eine in Slowenien, die andere im österreichischen Krems an der Donau spielt. In Slowenien, jenem Staat des ehemaligen Jugoslawiens, dem es gelungen ist, sich weitgehend aus dem furchtbaren Krieg herauszuhalten, macht sich Gauß auf eine Spurensuche, die ihn zu zwei ganz besonderen Frauen führt: zu der Rechtsanwältin Ljuba Prenner und zu der Schriftstellerin Alma M. Karlin. Erstere war eine der ersten Frauen, die in Slowenien als Anwältin arbeiteten, und sie nutzte ihre Position, um politisch Verfolgte in welchem Unrechtsregime auch immer zu verteidigen. Dabei setzte sie sich auch über Normen und Konventionen hinweg, zeigte sich nur in Männerkleidern und mit Zigarette im Mund und lehnte jede geschlechtliche Fixierung ab.
Karlin war für einige Jahre eine weltweit gefeierte und sehr erfolgreiche deutschsprachige Reiseschriftstellerin. Die von Geburt an eher kränkliche Frau setzte ihren schwachen Körper unfassbaren Strapazen aus, blieb aber, wie Gauß deutlich macht, immer die überhebliche weiße Europäerin, die sich den fremden Völkern, die sie auf ihren Reisen kennenlernte, weit überlegen fühlte.
Erinnern an die Opfer
Der letzte Text erinnert an griechische Widerstandskämpfer. Und an ein Massaker in Krems an der Donau. Hier ließ die SS unter gütiger Mithilfe der Bevölkerung kurz vor Kriegsende bereits freigelassene politische Gefangene erschießen. Doch in der Stadt will sich niemand so wirklich an die „Kremser Hasenjagd“ erinnern, wie der grausame Vorfall zynisch bezeichnet wird. Gauß sorgt dafür, dass das nicht so bleibt. Sein Schreiben ist immer auch ein Appell zur Erinnerung. An die Opfer. An die Vergessenen. An die, über die es sich lohnt, Geschichten zu erzählen. So, wie Karl-Markus Gauß das tut.
Lesezeichen
Karl-Markus Gauß: „Die Liebe kommt immer zu spät“, 137 Seiten, 24 Euro, Zsolnay-Verlag.