Ludwigshafen / Schifferstadt
Eine Liebeserklärung an den Chor: Über das Geheimnis der „Zugehörigkeitseuphorie“
Einer brummt tief wie eine Hummel. Andere summen golden darüber. Dazwischen mischen sich viele Stimmen, jede in ihrer eigenen Färbung. Es sind einzigartige Töne, die zusammen einen harmonischen Klang formen, der den Raum bis in den letzten Winkel erfüllt und ein himmlisches Gefühl verbreitet: erhaben fürs Publikum und erhebend für die Sängerinnen und Sänger.
Das Summen mag eine banale Übung beim Warmsingen in der Probe sein. Es ist aber auch die Schlüsselszene in dem schwedischen Musikfilm „Wie im Himmel“ (2004) über ein Dorf, in dem ein heimkehrender Stardirigent einen Chor aus den unterschiedlichsten Menschen mit ihren Eigenheiten und Problemen bildet und die daraus die Kraft schöpfen, ihren Weg zu finden. Zum Heulen schön, ja, kitschig und überspitzt, aber mit einem wahren Kern, meint auch die Schifferstadter Sopranistin Angela Hinderberger.
Ein Platz im großen Ganzen
„Man ist in jedem Moment ein wertvolles Mitglied“, deutet sie die Psychologie des Chorsingens. „Es hat mit Selbsterkenntnis zu tun: Ich finde meinen Klang, der dem Gesamtklang zuträglich ist, und ich finde meinen Platz im sozialen Gefüge.“ Die 38-Jährige arbeitet als Diplom-Musikpädagogin in Heidelberg sowie als Solistin. Darüber hinaus mischt sie in vier Chören mit, vom Projektchor Cappella Lacensis, der europaweit konzertiert, über die Kammerchöre Cantabile in Mannheim und Edith-Stein in Schifferstadt bis zum Ludwigshafener Konzertchor. Warum reizt sie das? Es soll Profis geben, die sich für einen Laienchor zu schade sind.
„Manche Menschen träumen davon, vor großem Publikum ein Solo zu singen. Andere Menschen träumen vom Chor“, schreibt der Schriftsteller Stefan Moster in seinem neuen Buch „Vom Glück, im Chor zu singen“. Man kann ergänzen: Manche Menschen träumen von beidem, denn es sind „zwei Paar Schuhe“, erklärt Angela Hinderberger, und ihre Geschichte können vermutlich viele Chorleute nachvollziehen.
Unverwundbar beim Singen
Seit sie als Kind alleine vorgesungen hat, wollte sie Sängerin werden. „Ich kann mich dabei sehr frei fühlen, ein bisschen unverwundbar. Denn es ist meins, und es kann anderen gefallen oder nicht.“ Strahlend und perlend erklingt ihr Sopran. Das Feuer fürs Singen wurde im Chor in ihrem 300-Seelen-Dorf in der Eifel entfacht. Dort gab es als Freizeitangebote nur die Freiwillige Feuerwehr, den Fußballverein, die Blaskapelle und den Kirchenchor. Die Chorleiterin hat sich alle Kinder geschnappt und ließ sie zu Frühlingsfesten und Weihnachten musizieren. Diese Zeit im „Feld-Wald- und Wiesenchor“, in dem vermutlich nicht alle Noten lesen konnten, hat Angela Hinderberger in warmer Erinnerung.
Doch eine neue Sphäre wurde ihr eröffnet, als sie aufs Musikgymnasium wechselte, wo sie Bachs „Weihnachtsoratorium“, Rossinis „Petite Messe solennelle“ und Brahms’ „Deutsches Requiem“ kennenlernte. „Die Musik ist unglaublich ergreifend vom leisesten Pianissimo bis zum Fortissimo, sodass einem die Ohren wegfliegen“, sagt sie. Chorleute wissen: Es geht genauso ums Zuhören, das Lauschen auf den Bass, die Töne des Tenors, das Einsetzen des Alts und die Melodie im Sopran. Man kommt in den Genuss der Mehrstimmigkeit. „Der Chor kann vollwertige harmonische Musik machen, nur aus den Stimmen heraus“, meint Hinderberger. Während sie Gesang an der Mannheimer Hochschule für Musik studierte, durfte sie allerdings anfangs eine Weile nicht im Chor singen.
„Als Solist muss man alles an Power, Klangfarbe und Technik aufbieten, um seine Stimme als einzigartiges Instrument auszuformen. Das steht dem Chorgesang entgegen, bei dem ich mich dem Kollektiv zur Verfügung stelle.“ Doch ohne Chor fehlte etwas Entscheidendes. „Es ist ein unbeschwerteres Singen und verbreitet ein Gefühl von Getragensein, mit Netz und doppeltem Boden.“ Wenn dem einen die Puste ausgeht, verstärkt der andere seine Leistung. Es ist das, was der Buchautor Stefan Moster treffend „Zugehörigkeitseuphorie“ nennt.
Herzen im gleichen Takt
Denn „im Chor braucht man sich gegenseitig, formt gemeinsam Harmonien und löst Dissonanzen auf“, erklärt Stefan Moster, weil er es selbst als Sänger erlebt hat. Es sei „die Sehnsucht, den Mund aufzumachen und alles zu geben, dabei aber nicht herauszuragen. Die Sehnsucht, hemmungslos loszulegen, ohne negativ aufzufallen.“ Gemeinsam atmen und sich einreihen bis die Herzen nach einer gewissen Zeit im gleichen Takt schlagen. Dass sich der Herzrhythmus stabilisiere, habe eine Studie der Universität Göteborg bei Chorleuten ergeben, schreibt der Autor. Andere Forscher fanden heraus, dass sich die Hirnwellen synchronisieren, weil man etwas gemeinsam gestaltet. Dabei atmet man tief in den unteren Teil der Lunge und fördert zudem die Durchblutung. Singen ist gesund, im Chor ist es noch gesünder.
Essayistisch beleuchtet Stefan Moster das Chorglück in kurzen beschwingten Kapiteln, teils wissenschaftlich unterlegt und mit erhellenden kulturgeschichtlichen Ausflügen.
Kurzer Geschichtsausflug
Er erzählt, dass der altgriechische Ausdruck „chorós“ die Schar der Tanzenden meint, die als körperliche Masse wahrnehmbar wird. Im Amphitheater der Spätantike ist es die große Gruppe, die das Geschehen kommentiert. Und auch später in klassischen Dramen hatte der Chor Gewicht, etwa als Stimme der Gesellschaft. Franz Kafka soll in seinen Notizbüchern sinniert haben: „Erst im Chor mag eine gewisse Wahrheit liegen.“ Also erst, wenn mehrere sprechen. In dieser Tradition stehen heute die Beschwerdechöre, die sich in vielen Städten gebildet haben, um lautstark Missstände zu Gehör zu bringen. Komponisten setzten wiederum Turbachöre (lat. „turba“ von Gedränge) in ihren Oratorien ein, etwa als Menge, die die Kreuzigung Jesu fordert.
Die Anfänge der mehrstimmigen Sangeskunst verortet der Autor in der Zeit von der Spätantike zum frühen Mittelalter, als in der Messe Gesänge der Kleriker kanonisiert wurden – im Gregorianischen Choral. Die ersten Sängerchöre entstanden ihmzufolge als Knabenchöre im frühen Mittelalter, weil der Klerikernachwuchs das tägliche Stundengebet gestaltete und sich entsprechend übte.
Auch dunkle Kapitel wie den Missbrauch in Knabenchören, die Deutschtümelei im Männergesangverein, die Zwangsvereinigung von Chören in der NS-Zeit und den Eskapismus im Liedgut erwähnt Moster, ebenso wie eine unerhörte Tatsache: Ein Netzwerk der Mädchenchöre wurde erst 2015 gegründet. „Als wären die Mädchen tausend Jahre lang vergessen worden, während mit zuchtmeisterlichem Ehrgeiz Singknaben ausgebildet wurden.“ Nein, den Frauen war das öffentliche Chorsingen im christlichen Europa bewusst untersagt. Erst Mitte des 20. Jahrhunderts wurden Chöre für Mädchen gegründet. Ironischerweise sind es heute die Männer, die Bässe und Tenöre, die händeringend gesucht werden. Stefan Moster vermutet, dass sich das Selbstwertgefühl von Frauenchören weiter festigt und sie die Zukunft sind. So viel Geschichtliches muss sein. Daneben lebt das Buch von autobiografischen Beobachtungen, die liebevoll das Typische des Chorlebens einfangen, etwa den „Glanz ohne Glamour“ der wöchentlichen Probe.
Die Passage ist so schön, dass man ein Eselsohr ins Buch machen und sie zitieren muss: „Zur Probe kommt jeder und jede in einer anderen Verfassung. Entspannt der eine, gestresst die andere. Der eine wartet seit dem Morgen auf den Probenbeginn, die andere hat sich in letzter Minute von ihren Kindern losgerissen. Einer ist immer viel zu früh da, eine andere trifft in letzter Sekunde ein. Bevor sich der Klangkörper bildet, bevölkern unterschiedliche Körper mit unterschiedlichen Befindlichkeiten den Raum. Und allein in diesem Gedanken steckt schon etwas von der Magie, die im scheinbar banalen Format der Probe steckt.“ Einige haben sich nicht genügend vorbereitet, was andere ärgert. Und doch hilft man sich, leiht sich Bleistifte für Anmerkungen und tauscht Blicke.
Eine Heldenreise
Auch wenn es in der Probe noch hakt, an den falschen Stellen geatmet wird, die Konsonanten nicht sauber artikuliert sind und der Sopran mal schrill rüberkommt: Es gibt dieses stille Einvernehmen, dass alles bis zum Konzert sitzen wird, sagt Sopranistin Angela Hinderberger. „Das Ziel ist klar: Jeder gibt sein Bestes, damit es erreicht wird.“ Leute, die ein Instrument beherrschen, spielen sich ihre Noten zu Hause vor. Andere hören sich spezielle Aufnahmen mit einzelnen Stimmen an. Aber dann kommt Tag X, mit ihm eine Grippewelle, der halbe Chor fällt zur Aufführung des Brahms’ Requiem aus, und es werden Ersatzleute von Gottweißwoher aufgetrieben – wie es Hinderberger mit dem Konzertchor Ludwigshafen erlebt hat. Jeder Auftritt ist ein bisschen auch eine Heldengeschichte, in der am Ende allen Widrigkeiten zum Trotz die Aufgabe gemeistert wird.
Der Applaus ist nur das Sahnehäubchen. Das Glück liegt in dem Wissen, es gemeinsam gewuppt zu haben. Im stolzen Blick der Chorleitung, die das Risiko auf sich nimmt, mit ihrem ambitionierten Projekt zu scheitern. Und in der Stille: Wenn das Publikum von der Wucht der Stimmen so berührt wurde, dass es sich erst fangen muss. „Heute kann man sich Musik jederzeit streamen“, meint Hinderberger. „Und es gibt Leute, die noch nie in einem Chorkonzert gewesen sind. Sie wissen nicht, wie es ist, wenn hundert Leute vor dir stehen.“ Das gibt es nämlich auch: das Glück, einen Chor singen zu hören.
Lesezeichen
Stefan Moster: „Vom Glück, im Chor zu singen“ (2025), Insel-Verlag, 219 Seiten
Termine
- „Romantische Chorlieder“ des Konzertchors Ludwigshafen am 14. Juni, 17 Uhr. Karten über konzertchor-ludwigshafen.de.
- „Ein deutsches Requiem“ von Johannes Brahms am 1. November, 18 Uhr, Projekt von St. Jakobus Schifferstadt, Camerata Vocale, Heidelberger Kantatenorchester.