Nachruf RHEINPFALZ Plus Artikel Eine Ikone der Bach-Interpretation: Der Dirigent Helmuth Rilling ist gestorben

Helmuth Rilling, 2001 in Landau dirigierend.
Helmuth Rilling, 2001 in Landau dirigierend.

Im Alter von 92 Jahren ist der Dirigent Helmuth Rilling gestorben. Er hat nicht nur als Interpret der Musik von Johann Sebastian Bach Musikgeschichte geschrieben.

Er war einer der großen Interpreten der Musik Johann Sebastian Bachs, sie musizierend und deutend. Doch ihn darauf zu begrenzen, greift viel zu kurz. Dass wir zum Beispiel das von Verdi angeregte Requiem für Rossini heute kennen, verdanken wir ihm. Auch die Neufassung des Requiems von Mozart durch Robert Levin, unter anderem 2023 von der Deutschen Staatsphilharmonie in Speyer musiziert, wurde von ihm angeregt. Und die Staatsphilharmonie hat er selbst bei Beethovens Neunter dirigiert. Groß ist auch die Zahl der Uraufführungen von Auftragskompositionen der Internationalen Bachakademie Stuttgart, die Rilling 1981 gegründet hatte und bis 2012 leitete.

In der Pfalz hat er viele Konzerte gegeben, eine ganze Reihe in Landau, aber auch im Speyerer Dom. Dort wurden unter anderem Haydns „Sieben letzte Worte“ (als Oratorium) für CD aufgenommen. Und eine ganze Reihe von „Gächingern“, also Mitglieder seines legendären Chores, kamen aus der Pfalz.

Er wirkte in der gesamten Musikwelt

Aber Rilling hat selbstverständlich in der ganzen Musikwelt gewirkt. Er hat als erster deutscher Dirigent nach der Schoa das Israel Philharmonic Orchestra in Israel dirigiert (und die Gächinger Kantorei hat dabei die israelische Nationalhymne mitgesungen). Er hat das Oregon Bach Festival mitgegründet und bei Bachakademien in Osteuropa oder Südamerika Bachs Musik jungen Menschen in ganz unterschiedlichen kulturellen Kontexten vermittelt.

Die geistige Basis

Und das alles auf einer festen geistigen Basis, die im deutschen Südwesten verortet ist. Helmuth Rilling wurde am 29. Mai 1933 in Stuttgart geboren. Er besuchte als Schüler unter anderem das Seminar in Urach, von dort sind es nur ein paar Kilometer hoch auf die Schwäbische Alb nach Gächingen, wo 1954 ein paar Musikbegeisterte unter Rillings Leitung das erste Konzert als Gächinger Kantorei gaben. Die Tiefe und Intensität seiner Bach-Deutung und der anderer geistlicher Musik hatte bei Rilling gewiss ihre Wurzeln in dieser Welt. Immer ging es Helmuth Rilling um die Botschaft der Musik, die klingend vermittelte universelle und existenzielle, nicht nur bei geistlicher Musik theologische Aussage. In unzähligen Gesprächskonzerten hat er dieser nachgespürt und dabei Menschen wahrlich in aller Welt mitgenommen.

Und er hat bei seinen Konzerten das Publikum mitgenommen in nicht unverbindlichen, sondern immer außerordentlich intensiven und bewegenden Wiedergaben. Die großen Chor- und chorsinfonischen Werke von Monteverdi bis Rihm, Gubaidulina und Penderecki fanden in ihm immer einen ihrer stärksten Interpreten.

Und immer wieder Bach

Klar, Bach war das Rückgrat seiner Arbeit. Schließlich hatte er in Stuttgart bei den Bachianern Hermann Keller und Hans Grischkat studiert (später aber in Rom bei dem Star-Organisten Fernando Germani und in New York bei Leonard Bernstein weitere Inspiration bekommen). Rilling hat alle Werke von Bach dirigiert, die man dirigieren kann - und er hatte (nicht nur) alle Kantaten auswendig präsent. 1970 begann er einen Plattenzyklus mit allen Kirchenkantaten von Bach (zeitgleich mit Nikolaus Harnoncourt und Gustav Leonhardt). Er „gewann“ und war im Bach-Jahr 1985 knapp als erster mit dieser Gesamtaufnahme fertig. Diese ist in ihrem linearen Stil noch so ganz anders als die der beiden Protagonisten der Historischen Aufführungspraxis. Doch das änderte sich. Rilling setzte nie auf Originalklang, sondern verwendete immer moderne Instrumente. Aber sein Bach-Stil wurde zunehmend klarer, bewegter und tänzerischer. Als die Bachakademie zum Bach-Jahr 2000 eine Gesamtaufnahme der Werke Bachs vorlegte, waren die Neuaufnahmen unter Rilling äußert belebt und teils differenzierter in Phrasierung und Artikulation als die der Originalklangkollegen. Denen bot er übrigens bei den Stuttgarter Musikfesten der Bachakademie immer auch ein Forum.

Kein Fundamentalist

Rilling war nie ein Fundamentalist, hatte aber klare Vorstellungen – und er war von einem gewinnenden pädagogischen Furor erfüllt. Allein das Zuhören bei seinen Kursen war erfüllend und prägend.

Seine vielen Aufnahmen werden ohne Frage bleiben. Und die vielen Menschen, die Helmuth Rilling persönlich begegnen durften, werden ihn nicht zuletzt wegen seiner offenen und zugewandten Art in dankbarer Erinnerung behalten.

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