Kultur Eine Gemeinschaft über Grenzen hinweg

Ein Mann aus dem Norden liebt eine Frau aus dem Süden: Szene aus „Im Zentrum Europas“ von Tindaro Granata mit Alfonso De Vreese
Ein Mann aus dem Norden liebt eine Frau aus dem Süden: Szene aus »Im Zentrum Europas« von Tindaro Granata mit Alfonso De Vreese und Annapaola Trevenzuoli, erarbeitet vom Piccolo Teatro di Milano.

Das Theaterfestival „The Future of Europe“ am Stuttgarter Schauspiel hat in fünf Bühnentagen die Gegenwart und Zukunft Europas verhandelt. Gäste kamen unter anderem aus Barcelona, Mailand, Athen und Lyon, um Theaterarbeiten vorzustellen. Am Wochenende präsentierten sie unter dem Titel „6 x 20 – A Trip Through Europe“ ein Panorama des Nachdenkens über eine Europäische Union am Scheideweg.

Wenn das Weltgeschehen und die Theaterkunst parallel zur Gipfelstürmerei neigen, ist das in der Regel nicht geplant. Nun wollte es der Zufall, dass es so weit war. In Stuttgart feierte das Staatsschauspiel einen europäischen Gipfel, während die Europäische Union auf dem kanadischen G7-Gipfel erneut darauf aufmerksam gemacht wurde, dass sie gemeinsam und geschlossen auf die unilaterale Twitterpolitik des US-Präsidenten Donald Trump reagieren sollte. Wie das mit der EU ausgehen wird, weiß niemand. Dass das Stuttgarter Festival die Kraftanstrengung wert war, die es kostete, steht dagegen fest. „6 x 20 – A Trip Through Europe“ war während des fünftägigen Europaspektakels so etwas wie ein Zeichen der bedingungslosen Einigkeit. Die beteiligten Theater beschränkten sich auf jeweils 20 Minuten Spielzeit und ließen den zum Ende der Spielzeit scheidenden Stuttgarter Schauspielintendanten Armin Petras den Abend einrichten. Petras sorgte dafür, dass sich alles reibungslos fügte. Auf die künstlerische Qualität der Beiträge hatte er keinen Einfluss, was wiederum zur Folge hatte, dass der Abend mit „EUpheMythos“ des Teatre Nacional de Catalunya eher rumpelnd startete. Man verstand, dass es im Nationaltheater aus Barcelona durchaus Anhänger separatistischer Begehrlichkeiten gibt, der künstlerische Ertrag hielt sich jedoch in Grenzen. Die Katalanen beschäftigten sich mit dem antiken Gründungsmythos der schönen Königstochter Europa, die an der östlichen Mittelmeerküste Blumen sammelt und vom als Stier getarnten Zeus entführt und begattet wird. Dass die Gründung Europas auf einer Vergewaltigung beruht, ist ein kulturgeschichtlicher Allgemeinplatz und in etwa so aussagekräftig wie der zweite Beitrag des Abends, „Domestizierung“ des National Theatre of Greece. Die Athener kreuzten die antike Historie mit Untiefen des heutigen Flüchtlingselends. Es gab Stimmen aus dem Off, die offensichtlich von in Griechenland gestrandeten Flüchtlingen stammten. Dazu sprachen zwei Schauspieler Partikel eines klassischen Textes, der von der Zerstörung Milets und vom Beginn der Perserkriege ab 494 vor Christus handelte. Was das eine mit dem anderen zu tun haben sollte, blieb im Ungefähren, und man hätte den Eindruck gewinnen können, die europäischen Theater seien überfordert, sobald sie in einem Festival zusammenfinden sollen. Dann aber wurde die Bühne doch noch, wie geplant, zu einer „Dialogplattform“. Dass Theaterkünstler mit ganz eigenen Mitteln über europäische Grundsatzfragen nachdenken können, zeigte das Piccolo Teatro di Milano mit einem Beitrag, der als Liebesgeschichte zwischen einem Mann aus dem Norden und einer Frau aus dem Süden anfängt. Immer mehr wird aber auch das wirtschaftliche Nord-Süd-Gefälle thematisiert, das Italien und die Europäische Union zu zerreißen droht. Das war geschickt gemacht und zeigte mit einfachen dialogischen Mitteln, dass in Europa nun mal ganz unterschiedliche Lebensrealitäten aufeinander prallen. Dass die Zukunft Europas in den Händen derjenigen liegen wird, die als einzige die Zukunft gestalten können, thematisierten die Gastgeber. Das Stuttgarter Schauspiel überließ die Bühne 13 Kindern und Jugendlichen, die eine frische Befragung der Zukunft Europas boten. In „Sterntaler“ regneten nicht Euros vom Himmel, sondern Briefe, in denen die Kinder und Jugendlichen davon unterrichtet werden, wie unvorhersehbar die Zukunft Europas sich gestalten könnte. Es ging unter anderem um den Vormarsch der künstlichen Intelligenz und den Rückzug der europäischen Landmasse mit einem im Mittelmeer versunkenen Venedig. Wie die Italiener brach auch das Théâtre de Lyon mit „Birgit – EU Garantie“ das europäische Elend dialogisch auf eine Paarbeziehung herunter. Ein Mann und eine Frau verlieren sich in Machtspielen, und es wächst der Verdacht der Frau, ihr Mann betrüge sie. Hat der etwa was mit jener Birgit aus Deutschland, von der man irgendwann nicht mehr wusste, ob das nun eine Bekannte des französischen Paars ist oder eine jener zuverlässigen deutschen Waschmaschinen, die auch dann noch schmutzige Wäsche waschen werden, wenn Europa längst eine Etappe der Erdgeschichte gewesen sein wird. Geschrieben hat das Stück Rémi de Vos und seine Dialoge sind so anspielungsreich und treffend ausgefallen, dass man gern eine Fortsetzung der europäischen Paarzerfleischung sehen würde.

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