Roman RHEINPFALZ Plus Artikel Ein unmöglicher Spaß: Der neue Roman von Wolf Haas

Der österreichische Stephen King mit Linguistikhintergrund: Wolf Haas.
Der österreichische Stephen King mit Linguistikhintergrund: Wolf Haas.

Der neue, verrückte, herrliche Roman des österreichischen „Brenner“-Krimi-Erfinders Wolf Haas .

Franz Escher liebt nun mal Puzzles. Ein sinnbildlicher Fimmel, denn das ordnungsliebende Gefummel erinnert ihn „an unsere allgemeine Unfähigkeit, gute Methoden zu haben, die Welt zu erkennen“. Schuld ist im Übrigen Martine, sein heimlicher Jugendschwarm, der bald verblasst. Ihr Geschenk zu seinem Geburtstag, einst als noch junger Mann: der Klassiker seines berühmten Namensvetters M. C. Escher (1898 bis 1972) in Einzelteilen. Der Niederländer ist für seine Figuren der Unmöglichkeit berühmt. Treppen, die nur aussehen, als führten sie irgendwohin, Spiralen, die sich um sich selbst drehen. Franz ist sofort entflammt für die besonders kirre machende Darstellung der beiden Hände, die einander zeichnen – ähnlich einer Katze, die sich in den Schwanz beißt. Eine Handlung, die der ähnelt, in die der Wiener Kauz Escher 30 Jahre später gerät.

Ein Autor dreht Schleifen

Sie dreht Möbiusschleifen, beginnt alltäglich und endet speziell – auf dem Friedhof. „Wackelkontakt“, der neue Roman des österreichischen Literaturpreis-tauglichen „Brenner-Krimi“-Beststellerautors Wolf Haas, ist der Wahnsinn und ein riesiger Spaß. Vielleicht das beste Buch des über „Sprachtheoretische Grundlagen der konkreten Poesie“ promovierten Linguisten und literarischen Hasardeurs. Ein wagemutiges Werk, das an Italo Calvino erinnert, an Jean Paul – in seinem Duktus vielleicht auch an den früh verstorbenen Kollegen Jakob Arjouni. Ach was, es ist ein echter Haas, bei dem sich der Autor neuerlich neu erfindet.

Der 64-Jährige hat neben den verwirbelten Brenner-Krimis auch schon einen Liebesroman in Interviewform geschrieben: „Das Wetter vor 15 Jahren“. „Die Verteidigung der Missionarsstellung“ handelte vom Schreiben eines Romans“ und hatte poetologische Merksätze am Rand – „hier noch Atmosphäre einbauen“. In „Wackelkontakt“ ist sein Spieltrieb noch eine Stufe weitergedreht.

Warten auf den Elektriker

Franz Escher also, die Hauptfigur seines aktuellen Werks, ein wegen seines belehrenden Charakters nur mäßig gebuchter Trauerredner, der wacklige Kontakte zu seinem Umfeld unterhält, er sitzt zu Hause und wartet, bis der Elektriker kommt, um eine instabile Stromkreisverbindung in der Küche zu reparieren. Und das dauert.

Literatur als Pingpong

Er nimmt also - eine zweite Leidenschaft – einen Roman über die Mafia in die Hand. Er liest alles über die Ndrangheta, Cosa Nostra, Camorra, verschlingt das regelrecht. Diesmal geht es um Elio Russo einen einschlägigen Kronzeugen, der in Italien im Gefängnis einsitzt, um demnächst, gesichtsoperiert als Marco Steiner in Deutschland ein neues Leben zu beginnen – inkognito. Derweil beginnt dieser Russo am Vorabend seiner Steiner-Werdung im Knast ein Buch zu lesen, das sich um einen gewissen Franz Escher dreht, einen Wiener Kauz, Trauerredner von Beruf, der in seiner Wohnung sitzt, ein Buch liest und auf einen Elektriker wartet. Und weiter so. Verstehen Sie? Auch der Roman selbst hat einen Wackelkontakt.

Hin und her schreiben sich die beiden Geschichten jeweils im Buch des anderen fort, bis sie aufeinander zu und schließlich parallellaufen. Dann passieren die Dinge, während davon erzählt wird, dass sie passieren. Dabei ist eine zusätzliche Erschwernis, dass die erzählten Zeiten sich beträchtlich unterscheiden. Wie das geht, keine Ahnung.

Die Geschichte von Ex-Mafioso Elio jedenfalls umfasst 15 Jahre, die Welt des in einen Mafia-Thriller geratenen Trauerredners Franz gerät in ein paar Wochen aus den Fugen. Alles eine Schwindel erregende Konstruktion, leichthändig wird ein vertracktes, komisches Geschehen erzählt, das Ganze: ein spannender Thriller und eine höhere Gaudi mit sprachphilosophischen Lachern und zeitdiagnostischen Seitenhieben. Selten hat man sich leichteren Herzens amüsiert als bei dieser avancierten Slapstick-Nummer.

Die Heilkraft des Puzzelns

Escher wird in deren Verlauf zum vermeintlichen Mafia-Killer. Das heißt, dass er aus Versehen und fehlgeleitetem Ordnungssinn die Sicherungen wieder eindreht, als der endlich angekommene Elektriker noch am Stromkreis hantiert, dürfte eigentlich als fahrlässige Tötung durchgehen, wäre es nicht ohnehin als unglücklicher Arbeitsunfall akzeptiert. Derweil zieht Elio Russo alias Marco Steiner auf der Flucht vor seiner Vergangenheit von Duisburg über Berlin nach Wien, wo sich die Wege der beiden Mitleser des jeweiligen anderen Lebens kreuzen.

Elio/Marco heiratet, er und seine ähnlich Vergangenheits-verschwiegene Frau bekommen Ala, deren verständliche pubertäre Neugier ihnen allen zum Verhängnis zu werden droht. Derweil treibt Escher das schlechte Gewissen wegen seines tödlichen Fauxpas um. Er pflegt eine biestige Zuneigung zu seiner Trauerrednerkollegin Nellie Wieselburger, die er in einem vor Jahren erschienenen Schlüsselbüchlein verunglimpft hat.

„Eine traurige Angelegenheit“ ist ein Flop auf dem Buchmarkt, hat aber im Nachhinein ungeahnte Folgen. Mitzi Stiegl hat Escher die Kunsthistorikerin in dem Machwerk genannt, sie der vorgetäuschten Empathie bezichtigt – und ihr ein falsches Dissertationsthema zugeschrieben. Statt über „Die Enthauptung des Johannes“ war Nellie Wieselburger damals mit der „Madonna mit dem langen Hals“ beschäftigt. Dem glatten Gegenteil, wenn man so will. Inzwischen allerdings forscht sie ausdauernd und „mehr formal“ an Allgemeinerem, dem „Schnitt in der Malerei“ nämlich – und seiner verschiedenartigen Heilung. Und auch die beiden haben sich – natürlich – beim Puzzeln wieder angenähert.

Das fehlende Teil

„Off“ und „On“ lauten die beiden Großkapitel des Buches. Im „On“-Teil holt alle zusammen Elios mafiose Vergangenheit wieder ein. Es geht um eine Entführung, geheime Verstecke, einen Mafia-Boss und den gezielten Einsatz von „Trick 17“, der in Wien – wie man erfährt - „Einserschmäh“ genannt wird. Haas erzählt mit lakonischem Witz, wie sich das Geschehen zum Road-Trip weitet. Nach und nach kommt ein Puzzleteil kommt zum anderen. Alles endet – wie es sich gehört – auf dem Friedhof. Und bei einem Gemälde, das in realiter am 27. Oktober 1969 aus dem Oratorio di San Lorenzo in Palermo geklaut worden ist; Caravaggios „Die Geburt mit den Heiligen Laurentius und Franz von Assisi“ aus dem Jahr 1602 – im Roman taucht es in 8000 kleine Quadrate zerschnitten wieder auf. Wird alles gut? Zum Schluss erhält Franz Escher auf jeden Fall die nicht mehr erwartete Nachlieferung zu Michelangelos „Die Erschaffung Adams“. Das letzte noch fehlende Teil, das das Werk von Michelangelo, Escher und Haas komplettiert – zur großen Kunst.

Lesezeichen

Wolf Haas: „Wackelkontakt“; Roman; Hanser, München; 240 Seiten, 25 Euro.

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