TV-Hinweis
Ein letztes Bild zeigt ihren Mörder: Die Film-Doku über die Kriegsfotografin Anja Niedringhaus
Ein afghanischer Junge, tiefschwarzes Haar, lässt seinen Drachen in den blassblauen Himmel steigen – ein spielerisches Selbstbehauptungszeichen, unter dem Regime der Taliban verboten. Eine dünne Haut aus Staub überzieht die Berge im Hintergrund.
Oder das Mädchen, das versucht, beim Spielen etwas durch die Burka zu sehen, die ihr Gesicht verhüllt. Mit beiden Händen zieht sie den Stoff zurück; es sieht aus, als ob sie eine Kamera hielte wie ihr Gegenüber. Sie schaut durchs Sehgitter wie durch eine Linse. Der Fotografin Anja Niedringhaus, der die ARD jetzt die herzgreifende Doku „Die Fotografin und der Krieg“ von Sonya und Yuri Winterberg widmet, ging es nie um „Bäng Bäng“, wenn sie – wie so oft – in Kriegsgebieten unterwegs war: in Bosnien, im Irak, in Sarajevo, Islamabad, in Kabul, Afghanistan, ihrem Herzensland, in das sie immer wieder zurückkehrte, auch noch, als sie 2011 von Handgranatensplittern verwundet worden war.
Das Maskottchen im Rucksack
Ihre vielleicht berühmteste Aufnahme zeigt einen US-Marine, der mit seiner Einheit im westlichen Teil von Falludscha, Irak, einzieht. Ein Plastiksoldat schaut aus seinem Sturmgepäck – ein rührendes Maskottchen. 2005 wurde Anja Niedringhaus aus Höxter unter anderem dafür als erste deutsche Fotografin mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet. Und dann, neun Jahre später, am 4. April 2014, einen Tag vor den afghanischen Präsidentschaftswahlen, sie war 48 Jahre alt, ist sie in der Provinz Chost erschossen worden – heute noch unfassbar.
Sie war mit der bei dem Attentat schwer verletzten AP-Journalistin Kathy Gannon in ein Camp für Polizisten gereist, die den Transport der Wahlurnen bewachen sollten. Alles scheint friedlich auf ihren letzten Bildern, die sie dort aufnahm. Viele schauen freundlich zugewandt. Fähnchen an den Helmen. Auch der Attentäter ist zu sehen – ein kräftiger Typ mit Sonnenbrille im Hintergrund. Später feuert dieser Polizist namens Naqibullah Gewehrsalven auf die beiden Frauen.
Gannon, die immer noch gezeichnet ist von dem Angriff, wird schwer verletzt, Anja Niedringhaus stirbt wenig später. Die Aufklärung der dubiosen Hintergründe der damaligen Tat durchzieht als Erzählstrang den gesamten Film der Winterbergs über Niedringhaus.
„Ich hänge am Leben“
Ob der Attentäter als Einzelner gehandelt hat – aus Rache für einen US-Luftangriff, wie vorschnell festgestellt wurde – oder im Auftrag der Terrormiliz des „Schlächters von Kabul“, Gulbuddin Hekmatjar, der er nachweislich angehörte, bleibt offen. Die afghanischen und deutschen Behörden haben den Fall offensichtlich nie richtig untersucht. Ein Indiz aber ist: Als Hekmatjar 2016 ins Parlament einzog, wurde der zunächst zum Tod und später zu lebenslanger Haft verurteilte Naqibullah kurz danach freigelassen. Die damaligen Kollegen von Anja Niedringhaus derweil, zeigt der Film, überfällt auch heute noch bestürzende Trauer über die Folge seiner Tat.
Tränen laufen vor der Kamera. Trotzdem bewegt sich der Film nie am Kitschrand. „Ehrlich, rein, silbrig“ sei ihr lauthalses Lachen gewesen, hört man Santiago Lyon, ihren Chef bei der Nachrichtenagentur AP, zu der sie 2002 gewechselt war, sagen. „Ich hänge an meinem Leben“ – ihre Worte. Sie hallen nach. Zwischendurch holt der Film die so warmherzige wie wagemutige Niedringhaus ins Leben zurück.
Diese entsetzliche Lücke
Aufnahmen von ihr bei den Olympischen Spielen in Athen, in Wimbledon, wo sie auch fotografierte, auf dem Bauernhof ihrer Schwester, bei Partys in Islamabad. Sie mochte Hamburg, sprach gern Platt, war aber lieber irgendwo, wo Menschen – so sagte sie einmal – „noch grenzenlose Offenheit haben“. Auch durch das, wie sie ihre Kolleginnen und Wegbegleiter beschreiben, lässt sich erahnen, wer die Frau wirklich war, die diese entsetzliche Lücke hinterlässt.
Drei Monate lang beschwor sie ihre Kollegen von der European Press Agency, für die sie damals arbeitete, sie auf den Balkan zu schicken. Sie blieb drei Jahre, während Scharfschützen Alte und Kinder ins Visier nahmen. „Ich sah es als meine Pflicht an, auch dort zu fotografieren“, sagt sie in einem der verwendeten Interviews von früher, und dass sie mit ihren Bildern etwas „erreichen“ wolle. Auf einem ihrer Fotos aus der Zeit in Bosnien ist eine Passantin zu sehen. Ihr Gesicht ist frisch geschminkt. Sie duckt sich hinter ein Auto – in würdevoller Todesangst, wenn es so etwas überhaupt gibt. Niedringhaus wurde als Konkurrentin gefürchtet, als Mensch sehr gemocht. Sie habe „großartige Fotos“ gemacht, sagt im Film ein Kollege von der New York Times bewundernd. Das ist noch so ein Vorzug des Films über sie: dass er, statt den Effekt, ihre herausragenden Bilder fokussiert. Einige davon waren 2015 in der Ausstellung „At War“ im Museum Pfalzgalerie in Kaiserslautern zu sehen.
Der Krieg kennt keine Sieger
Fotos voller Emphase und einer beharrlichen Menschlichkeit auch im Bombenhagel, geprägt von dem Wissen, dass die Frauen, Männer und Kinder irgendwie weiterleben müssen, wenn der Pressetrupp zum nächsten Einsatz weiterzieht. Ihr Werk siedelt an der Schnittstelle, an der sich Kriegsgrauen und Normalität des Lebens berühren. Ihr Credo: „Im Krieg gibt es keine Sieger – das muss man zeigen.“ Darin war sie meisterhaft. Sie ist tot, ihre Fotos bleiben, ihr Blick auf die Welt.
TV-Hinweis
„Die Fotografin und der Krieg“ ist in der ARD-Mediathek zu sehen.