72. Berlinale
Ein französischer Star bereichert den Wettbewerb
Nein, so hat Charlotte Gainsbourg noch nie gespielt: Sanft, verträumt, sensibel und großherzig ist ihre liebenswerte Figur, ja gar ein wenig schüchtern. Doch ganz leicht hätte dieses Szenario schief gehen können.
„Les passagers de la nuit“ (auf Deutsch: Die Passagiere der Nacht) führt zurück ins Jahr 1984. Gainsbourg spielt die Pariserin Élisabeth, Mutter einer Abiturientin und eines 16-Jährigen, zu Hause in einer Hochhaussiedlung – nicht in einem schicken Altbau – und frisch vom Ehemann verlassen. Jetzt sucht sie Arbeit. „Aber du hast doch noch nie gearbeitet“, sagt ihr Vater skeptisch-ignorant. Ein unterdrücktes Heimchen am Herd ist Élisabeth zwar nicht. Aber eine liebende Mutter, die erst lernen muss, sich nicht nur über ihre Kinder zu definieren.
Ein warmherziges Familienporträt
Regisseur Mikhaël Hers ist ein ungemein warmherziges, optimistisches Frauen- und Familienporträt gelungen, das auch eine Liebeserklärung an die 1980er Jahre ist. Nicht unbedingt besser war das Leben damals, aber es schien doch fast alles möglich. Als eine Ode an seine eigene Kindheit sieht Hers seinen Film, der auch von Musik lebt, von englischsprachigem Pop und Punk, wie „Rattlesnakes“ von Lloyd Cole – Élisabeths jugendlich-überschwänglichen, aber braven Sohn zugeordnet – oder Wildes der New Yorker Band Television: Die junge Obdachlose Talulah (Noée Abita), die von Élisabeth unter die Fittiche genommen wird, hört eher Rebellisches. Élisabeth hatte sie bei ihrer neuen Arbeit getroffen: dem Nachtradio, wo sie die Höreranrufe entgegennimmt und der Moderatorin (enigmatisch-streng: Emmanuelle Béart) durchstellt. Und irgendwann darf auch Élisabeth moderieren.
Wohlfühlfilme sind selten im Berlinale-Wettbewerb, und vielleicht liegt „Les passagers de la nuit“ deshalb in der Kritikergunst ziemlich weit vorn. Die Preise werden heute Abend vergeben.
Claire Denis’ Wettbewerbsfilm „Avec amour et acharnement“ (auf Deutsch etwa: Mit Liebe und Hartnäckigkeit), in dem Juliette Binoche eine Frau zwischen zwei Männern spielt, ist dagegen reichlich misslungen. Claire Denis scheint sich nicht wirklich für ihre Figuren zu interessieren und inszeniert Binoche als unentschlossene Manipulatorin.
Ein irritierender Film mit Isabelle Huppert
Irritierend ist auch der neue Film mit Ehrenbärenpreisträgerin Isabelle Huppert, der wohl auch daher nicht in den Wettbewerb geladen wurde, sondern in der Reihe „Special“ läuft, die teils Richtung Unterhaltungskino schielt. Wobei „À propos de Joan“ von Laurent Larivière, der zunächst fürs Theater inszenierte, durchaus experimentelle Züge hat. So scheinen bisweilen auch (Alp-)Traumszenen real zu werden, etwa ein Liebesakt mit einem Oktopus. Ein Geist tritt ebenfalls auf.
Isabelle Huppert wiederum spielt die Titelfigur Joan, eine Verlegerin, die sich gerade zur Ruhe gesetzt hat und über ihr Leben sinniert: Eine Rolle spielen hier ein charmanter irischer Taschendieb, ein deutscher Autor und Geliebter – erwartungsgemäß versponnen verkörpert von Lars Eidinger – und Schuldgefühle gegenüber ihrem Sohn. Auch gehen die Zeiten durcheinander, wobei man Huppert die Enddreißigerin nicht mehr abnimmt. Überzeugender sind da schon die Passagen, in denen sie deutsch spricht. Gern hätte man von ihr selbst mehr zum Film erfahren, doch Corona verhinderte ihre Anreise nach Berlin.
Das Trauma der Terroranschläge von 2015
Der einzige gesellschaftspolitische Film aus Frankreich im Bärenrennen ist eine Koproduktion mit Spanien: „Un año, una noche“ (deutscher Titel: „Ein Jahr, eine Nacht“) von Isaki Lacuesta porträtiert ein Jahr im Leben des französisch-katalonischen Paars Céline (Noémie Merlant) und Ramón (Nahuel Pérez Biscayart). Die beiden haben den Terroranschlag im Bataclan im November 2015 überlebt. Und gerade Ramón fragt sich, ob er dieses Überleben wirklich verdient hat.
Der Film beruht auf Tagebüchern und Augenzeugenberichten und versucht Unmögliches: psychisches Leid und Ängste zu bebildern. Vor allem eine Regie-Entscheidung enttäuscht: jene, die Erlebnisse der Anschlagsnacht, die Panik, die Flucht über die Körper Gestrauchelter hinweg, tatsächlich nachzustellen. Erst gegen Ende vermag der Film, das Publikum zu packen – mit Worten Célines. Manchmal reicht dies.