Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Ein Fest für Lautre: Kultursommer in Kaiserslautern eröffnet

Blick auf Ingo Brackes Lichtkunst am Rathaus.
Blick auf Ingo Brackes Lichtkunst am Rathaus.

Kaiserslautern feiert 2026 seinen 750. Geburtstag. Als Geschenk an den Jubilar verlegte das Land die Eröffnung des Kultursommers in die Barbarossastadt. Es war ein Fest.

Es gibt so Termine, die verwandeln die Pflicht in eine Kür zum Genießen. Kultursommereröffnung in der Heimatstadt, wobei das ja nicht ganz richtig ist. Geboren im Landkreis Kaiserslautern ist Lautre ja nicht wirklich Geburtsstadt. Aber es ist Heimat. Wer in Niederkirchen davon sprach, dass er in die Stadt fahren müsse, der meinte immer nur: Kaiserslautern. Was auch sonst?

Und seit der Heim-WM 2006 hatte man nicht mehr so sehr das Gefühl, dass die Liebe zu dieser, meiner, Stadt komplett alternativlos ist. Und das an einem Tag, an dem der FCK auswärts spielte. Und verlor!

Was war denn golden an den Zwanzigern?

Doch das ist an diesem Tag ohne Bedeutung, obwohl natürlich zahlreiche Fußballfans mit Trikots unterwegs sind, um das Spiel in einer der Altstadtkneipen zu schauen. Aber es ist eben nicht der Sport, nicht der FCK, sondern die Kultur, die an diesem wunderbaren Mai-Tag die Stimmung in der Stadt beherrscht. Die Goldenen Zwanziger lautet das Motto des Kultursommers in diesem Jahr, und Musik aus den Roaring Twenties erklingt quasi an allen Orten der Stadt, auf dem Schillerplatz, in der Fruchthalle, vor der Pfalzgalerie. Menschen tragen die passende Kleidung der 1920er Jahre, vor dem Museum kann man sich verkleiden und in zeitgenössischen Automobilen fotografieren lassen. Im Pfalztheater liest Kollege Rainer Dick aus seinem Buch über Stan Laurel und Oliver Hardy und macht dabei deutlich, dass die beiden vermeintlichen Witzbolde, deren Anfänge ja im Stummfilm der 1920er Jahre liegen, alles andere als dick und doof waren.

Wir wissen ja längst, dass die Goldenen Zwanziger alles andere als golden waren. Sicher, es war eine Dekade der Freiheit und der Lebenslust nach dem Schrecken des Ersten Weltkriegs und dem autoritären Regime unter Kaiser Wilhelm II. Aber es war eben auch eine Epoche der gesellschaftlichen Spaltung, eine Zeit, in der alles möglich schien, aber am Ende des Jahrzehnts standen die Zeichen dann auf Katastrophe. Das NS-Regime warf seine blutigen Schatten bereits voraus.

Bitte nicht noch mehr Blau!

Dass der rheinland-pfälzische Kultursommer in diesem Jahr diesen Goldenen Zwanzigern gewidmet ist, sollte aber hoffentlich kein Menetekel sein. Noch mehr Stimmen für die Neo-Faschisten von der AfD will man sich nun wirklich nicht ausmalen, weil sonst aus dem rauschenden Fest, mit dem der Kultursommer Rheinland-Pfalz in Kaiserslautern eröffnet wurde, sehr schnell im Rückblick vielleicht ein Tanz auf dem Vulkan werden könnte.

Kaiserslautern jedenfalls hat sich mächtig herausgeputzt und zeigt sich von seiner besten Seite, die beweist, wie viel Kultur in der Westpfalzmetropole steckt. Abschreiten kann man diese entlang einer Kulturmeile, die auf dem Schillerplatz beginnt, wo es den ganzen Tag über Livemusik gibt, über die Fruchthalle zum Pfalztheater und schließlich zum Museum Pfalzgalerie führt. Dazwischen kann man auch beim Bezirksverband der Pfalz vorbeischauen, der sich vor dem und im Pfalztheater präsentiert, kann atemraubende Luftakrobatik des Bencha Theaters vor der Fassade des Rathauses bewundern oder auch einen Abstecher ins Zwanziger-Jahre-Café des Albert-Schweitzer-Gymnasiums machen.

Luft-Akrobatik vor dem Rathaus von dem Bencha Theater.
Luft-Akrobatik vor dem Rathaus von dem Bencha Theater.

Man kann aber auch den jungen, zwischen 13 und 19 Jahre alten Musikerinnen und Musikern des Jugend-Ensembles Neue Musik Rheinland-Pfalz/Saar zuhören. Was leider viel zu wenige tun, denn das Große Haus des Pfalztheaters ist doch eher spärlich besucht. Wer nicht gekommen ist, hat absolut etwas verpasst. Zum Beispiel die Komposition „In C“ von Terry Riley. 21 Minuten serielle Minimal Music. Musik quasi in der Endlosschleife. Ständige Wiederholung (was so nicht stimmt, denn es gibt kleine, aber feine Veränderungen) als Formprinzip. Das wirkt leicht, ist aber verdammt schwer und setzt höchste Konzentration voraus. Die jungen Heldinnen und Helden der Neuen Musik, die auch Kompositionen zur Uraufführung bringen, meistern das grandios.

Dann geht es abwärts. In den Untergrund von K-Town. Ziemlich coole Location, die sich der Kunstverein KunstRaum Westpfalz da ausgesucht hat für seine Ausstellung „Unterirdisch: Licht“. Der Felsenkeller unter dem Turnerheim war im 19. Jahrhundert ein Gewölbe, in dem Bier und Eis gekühlt wurden. Zu einer Zeit, wie Birgit Weindl, die Vorsitzende des Kunstvereins bei der Führung erzählt, als Kaiserslautern noch 20 (!) Brauereien hatte. Heute ist BBK nur noch eine – leider schlechte – Erinnerung.

Kunst im Bierkeller

Doch dort, wo Bier gekühlt wurde, passierten in den furchtbaren Bombennächten während des Zweiten Weltkriegs, die Kaiserslautern erdulden musste, auch noch ganz andre Dinge. Der Felsenbunker bot zwar Schutz, und zwar für bis zu 600 Menschen, meist nur Frauen und Kinder. Aber er war eben nicht nur ein Schutzraum, sondern auch ein Gefängnis, in dem jeder Insasse hoffte. dass das Gewölbe doch bitte standhalten möge.

Es ist also auch ein Ort der Beklemmung, der hier mit Lichtkunst bespielt wird. Ingo Bracke, der später, als es langsam dunkel wird, sowohl das Rathaus als auch die Pfalzgalerie mit Lichtspielen verzaubert, fungiert als Ko-Kurator. Und natürlich als Künstler. Einer der Räume, die er gestaltet hat, ist eine Art Persönlichkeitskatalysator. Man steht darinnen, und etwas passiert mit einem. Und dann wären da noch die fliegenden Kissen von Frauke Eckhardt. Die stellen einen dann schon vor eine Probe in dem düsteren Raum mit unebenen Boden. Eine Berührung wäre fatal, also heißt es, in den Rhythmus der schwingenden Objekte zu kommen, um ihnen auszuweichen. Was glücklicherweise gelingt.

Dota, i love you!

Das Angebot ist riesig an diesem Tag. Man müsste sich aufteilen können, um alles zu sehen und zu hören, was man möchte. Die Entscheidung fällt dann auf Dota. Die Songwriterin und Produzentin aus Berlin heißt eigentlich Dorothea Kehr, nannte sich auch schon mal Kleingeldprinzessin und ist nun mit ihrer Band in Kaiserslautern zu Gast. Den Tisch mit den CDs, Büchern und LPs bestückt sie vor dem Konzert noch selbst. Und auf der Bühne bleibt sie eine großartige Teamplayerin in einem fantastischen Team. Sie singt Texte von der wirklich wunderbaren Dichterin Mascha Kaléko. Eine Sängerin des Alltags, der kleinen Dinge, die man der Neuen Sachlichkeit zurechnet, womit wir wieder in den 1920ern sind. Aber eben auch eine jüdische Dichterin, die uns sehr viel zu berichten weiß von den Anfängen des Nazi-Regimes. Vertreter der AfD Rheinland-Pfalz wurden übrigens nicht gesichtet bei der Kultursommer-Eröffnung. Aber vielleicht ist man ja auch nur auf dem braunen Auge blind.

Und was bleibt? Ein großartiger Tag für Kaiserslautern. Und für einen selbst. In einem Liegestuhl vor dem Pfalztheater sitzend mit einer Riesling-Schorle kann das Leben richtig schön sein, zumal, wenn das Pfalzlied der „Anonyme Giddarischde“ erklingt. Auch an einem Tag, an dem der FCK verloren hat.

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