Premiere
Ein entstaubtes „Käthchen von Heilbronn“ am Nationaltheater Mannheim
Mögen muss man es nicht. Aber es ist mittlerweile gang und gäbe, beim Sprechen immer wieder mal einen englischen Ausdruck einfließen zu lassen. „Weird“ ist da gerne genommen (zu Deutsch: seltsam). „Lost“. Eine Umschreibung für Ahnungslosigkeit. Oder „random“. Das beschreibt völlig zusammenhanglos auftauchende Situationen. Friedrich Wetter, Graf vom Strahl, folgt diesem Trend und wiederholt Sätze, selbst ganz banale, immer wieder auf Englisch. Nicht in Kleists Original-„Käthchen“. Aber bei Christian Weise, dem Regisseur des Mannheimer Käthchens.
„Käthchen von Heilbronn oder Die Feuerprobe“, uraufgeführt 1810 in Wien am Theater an der Wien, ist ein im Mittelalter angesiedeltes Ritterschauspiel. Waffenschmied Theobald Friedeborn (Almut Henkel) beschuldigt den Grafen vom Strahl (Jessica Higgins) vor einem Gericht, seine Tochter Katharine, genannt Käthchen (Vassilissa Reznikoff) verzaubert und belästigt zu haben. Tatsächlich folgt sie ihm aber freiwillig. Bis zu ihrem gesellschaftlichen Aufstieg, der Anerkennung als Tochter des Kaisers und der Heirat mit dem Grafen, sind noch etliche Verwicklungen zu entwirren und Intrigen zu überstehen. Der Graf hat zudem eine alte Fehde mit Kunigunde von Thurneck (Christoph Bornmüller), die zwischendurch versucht, sich durch eine Hochzeit mit ihm die begehrten Ländereien zu sichern.
Gegen den Strich
Wenn Sie bis hierhin aufmerksam gelesen haben, werden Sie festgestellt haben, dass Regisseur Christian Weise fast alle Rollen gegen den Strich besetzt hat. Wenn man eine Liste aufstellen würde mit Möglichkeiten, die ein Regisseur hat, um einen literarischen Klassiker in die Moderne zu katapultieren, muss man sagen: Christian Weise hat sie alle genutzt. Radikale Kürzung und auch Veränderung des Textes – erledigt. Knackige 90 Minuten dauert seine Inszenierung, mitverursacht durch die im vergangenen Jahr geltenden Bühnen-Beschränkungen – das „Käthchen“ war seit November fertig. Radikale Kürzung des Personals von über 30 auf sechs Personen – erledigt. Besetzung von Männerrollen mit Schauspielerinnen und Besetzung von Frauenrollen mit Schauspielern – in drei von sechs Fällen erledigt.
Und damit auch jeder versteht, dass wir es hier mit der ultramodernen Variante eines Klassikers zu tun haben, ist der Schauplatz, eine mittelalterliche Burg, nur silhouettenhaft angedeutet. In Flammen steht sie nur digital – aber daran haben wir uns ja mittlerweile gewöhnt. Christian Weise und seine Schauspielerinnen und Schauspieler feiern den Klamauk. Zwischendurch stoppt die Handlung immer wieder abrupt (und ziemlich random), damit sie Songs hören oder singen können von David Bowie („Heroes“), den Beatles („Lucy in the Sky with Diamonds“ ) und Christina Aguilera („Say Something“).
Der Graf als Discoqueen
Apropos David Bowie: Die wunderbare Jessica Higgins als Graf vom Strahl sieht genauso aus wie der androgyne Sänger in seinen „Ziggy Stardust“-Jahren. Er/Sie trägt einen weiß-goldenen Anzug und bis zu den Knien reichende weiße Lederstiefel mit Absatz und hat einen Hüftschwung wie eine Discoqueen. Vassilissa Reznikoffs Käthchen dagegen ist genau die brave, unterwürfige und tendenziell unglückliche Unschuld vom württembergischen Lande, als die Kleist sie gezeichnet hat. Die Marketinggesellschaft der Stadt Heilbronn ernennt übrigens alle zwei Jahre drei junge Damen zu Käthchen als Botschafterinnen der Stadt.
Das Käthchen kann man als zerrissene Figur sehen, als junge Frau auf der Suche nach ihrer Identität, man kann sie unter feministischem Blickwinkel als Opfer in einer patriarchalen Gesellschaft sehen, in der Vergewaltigung salonfähig ist und bei Kleist mit dem Euphemismus beschrieben wird, der Kaiser habe sich mit Käthchens Mutter Gertrud „unterhalten“. Diese psychologische Sicht hat bei Weise keinen Platz, und er hat dafür auch keine Zeit. Die Spielfilmlänge reicht gerade, um all den Klamauk unterzubringen, den er sich ausgedacht hat.
Mit Augenzwinkern
Auf die Spitze treibt er seine Klassiker-Entstaubung, als Käthchen aus ihrer Rolle tritt, Theaterkollegen zu sich ruft („Bernd, ich bräuchte ein Mikrofon!“, „Ist irgendjemand von der Requisite noch da?“) und verkündet: „Den Kaiser spiel’ ich jetzt einfach selbst, damit das Ganze ein bisschen in Schwung kommt.“
Mehr Unterhaltung geht nicht? Doch. Da schauen wir zum Beispiel die ganze Zeit auf zwei Porträtgemälde an der Wand. Irgendwann geht bei einem Bild eine Klappe auf, und der Rheingraf vom Stein (Robin Krakowski in Bikerkluft) schaut neckisch durch. Es scheint, als würde Regisseur Weise 90 Minuten lang mit den Augen zwinkern. Der gräfliche Knecht Gottschalk (László Branko Breiding) schöpft fortwährend Wasser aus einem Brunnen und schüttet es wieder aus. Der Krug, möchte man meinen, geht so lange zum Brunnen, bis er ein zerbrochener ist. Christian Weise kennt seinen Kleist, völlig klar. Und deswegen darf er ihn so herrlich respektlos (und ein bisschen weird) demontieren.
Termine
Weitere Vorstellungen am 19. und 27. Juli, jeweils um 18.30 Uhr, im Mannheimer Schauspielhaus.