Mannheim
Ein Ballett von Nackten: Spektakulärer Neuankauf der Mannheimer Kunsthalle
In der Mannheimer Kunsthalle präsentiert sich das Obergeschoss im historischen Billing-Bau in neuer Ordnung. Lieblingsstücke wie Caspar David Friedrichs kleiner „Abend“ sind wieder da, passend begleitet von Georg Friedrich Kestings ikonischem „Carl David Friedrich im Atelier“ (auch klein). Wenn man schon beim kleinen Format ist: Zwei Spitzweg-Bildchen hängen nicht weit weg. Und wer möchte den „Hagestolz“ und den ganz unkriegerischen Soldaten auf seiner einsamen „Bastion“ nicht schon irgendwie gern haben.
Was aber wirklich überraschen kann, ist ein echter Klassiker, den man eigentlich für aus der Mode gekommen hielt. Es wurde ein eigener Saal für den kompletten Feuerbach-Bestand der Mannheimer Kunsthalle geschaffen, alle sieben Bilder: das glamouröse – und manche sagen pompöse – Frühwerk „Hafis vor der Schenke“, aber dann auch seine düstere „Medea mit dem Dolche“ von 1871. Ebenso ist der undatierte „Junge Mann in Schwarz“ ist zu sehen, ein Meisterwerk der Porträtkunst. Und wie der Zufall so spielt, hat spiegelbildlich zum Feuerbach-Saal im Westflügel des Galeriegeschosses ein spektakulärer Neuankauf seinen Platz bekommen.
Propaganda bloßgestellt
Itamar Govs brachial tönende Mehrkanal-Videoinstallation „Breker CCTV“ wurde 2023 im Studio gezeigt und vom Förderkreis der Kunsthalle angekauft und ist jetzt in überarbeiteter und in einer auf den Saal abgestimmten Form zu sehen – ein toller Erfolg für die Arbeit der Studio-Mannschaft, die immer wieder neue und qualitätvolle junge Kunst im Angebot hat. Bei Breker, na klar, hört der Spaß schnell auf. Itamar Gov, 1989 in Tel Aviv geboren und in Berlin lebend, hat sich gewundert, wie viele Werke von der Hand Arno Brekers (1900-1991) und anderer auf der sogenannten „Gottbegnadeten-Liste“ von 1944 stehender Künstler noch heute im öffentlichen Raum stehen. Auf dieser Liste hatte das NS-Propagandaministerium Joseph Goebbels ein Verzeichnis von über tausend Kulturschaffenden zusammengestellt, die als „unverzichtbar“ galten und für propagandistische Zwecke eingebunden werden sollten. Sie wurden zugleich vom Kriegsdienst und anderen Verpflichtungen befreit. Gov, der Autodidakt ist und – wie er sagt – Kunst einfach macht, hat nun solche Arbeiten katalogisiert und lässt auf sechzehn Monitoren in toto und im Detail ein Ballett von Nackedeis aufführen, die im Takt der Tonspur buchstäblich den Raum durcheilen. Hermann Geibels „Jungfräulichkeit“ (1939/40) und Rudolf Scheibes „Morgenröte“ (1937) sind dem als betrachtende und geistesverwandte Assistenzfiguren beigegeben. Govs ausladendes Spektakelstück wirkt wie ein Spielverderber in den befriedeten Galerieräumen.
Es gibt zudem einen Einspruch der Moderne gegen diese ganze „Brekerei“: Er wird formuliert von drei informellen Plastiken von Norbert Kricke und dem merkwürdig unterschätzten Emil Cimiotti, der aber vom ehemaligen Kunsthallendirektor Heinz Fuchs geschätzt und 1977 ausgestellt wurde.
Zur Malerei des Informel – Hartung, K.O. Goetz, Hoehme, Dahmen und anderen – sind hier schon aus Platzgründen nur Stichworte möglich. Und wer sich die weiterhin im Altbau zugängliche digitale Rekonstruktion von Gustav F. Hartlaubs bahnbrechender Ausstellung zur „Neuen Sachlichkeit“ ansieht, sei daran erinnert, dass die Kunsthalle auch beim Informel ganz vorne war: 1957/58 zeigte sie unter der Überschrift „Eine neue Richtung in der Kunst“eine der ersten Museumsausstellungen der damals noch frischen Bewegung, die sich ab Anfang der 50er-Jahre in Deutschland zu etablieren begann.
Als es LU noch nicht gab
Unter den deutschen Impressionisten paradieren vor allem die üblichen Verdächtigen, etwa Lovis Corinth oder Max Slevogt mit der auf den ersten Blick unüblichen „Trauernden Witwe“. Max Liebermann, von dem es in Mannheim jede Menge Graphik gibt, ist mit einem sehr privaten Mittelformat „Blumenterrasse im Wannseegarten nach Norden“ (1919) vertreten. Liebhaber von dezent und nicht farbig auftrumpfend getönten Wänden und aufwendiger Goldrahmen werden hier prächtig bedient. Für unkontroverse Seherlebnisse sorgen unterschiedliche Rubriken mit ausgewählten Bildern von Schönleber, Settegast, Rottmann.
Dabei ist die von Carl Kuntz 1812 gemalte Ansicht von Mannheim vom linken Rheinufer aus, neben den malerischen Qualitäten ein unschätzbares Dokument. Ludwigshafen gab es noch nicht, Kühe weiden am Ufer, die Stadt Mannheim ist bereits entfestigt, das Schloss liegt im Grünen am Strom, Mannheim eine Idylle, die den Aufschwung zur Industriemetropole noch vor sich hat.
Die Ausstellung
Die Mannheimer Kunsthalle ist geöffnet, dienstags, donnerstags, sonn- und feiertags von 10 bis 18 Uhr mittwochs von 10 bis 20 Uhr. Eintritt von 10 bis 14 Euro. Jeden ersten Mittwoch im Monat MVV Kunstabende von 18 bis 22 Uhr mit freiem Eintritt.