Festival des deutschen Films RHEINPFALZ Plus Artikel Ein Abend mit Edgar Reitz und zwei verstörende Wettbewerbsfilme

Bei der Ankunft am roten Teppich: Edgar Reitz, der gar andeutete, einen weiteren Film in Arbeit zu haben, mit Festivaldirektor M
Bei der Ankunft am roten Teppich: Edgar Reitz, der gar andeutete, einen weiteren Film in Arbeit zu haben, mit Festivaldirektor Michael Kötz.

In recht philosophische Stimmung hat das 21. Festival des deutschen Films sein Publikum nicht nur mit dem Auftritt des Ehrenpreisträgers Edgar Reitz versetzt.

Der neue Film des 92-jährigen „Heimat“-Regisseurs handelt vom großen Thema Wahrheit. Aber auch einige Wettbewerbsfilme sprengen die üblichen Bahnen des Erzählkinos.

Edgar Reitz strahlt, genießt den Applaus und freut sich ungemein über die Auszeichnung für sein Lebenswerk. Auch über die Laudatio von Festivalleiter Michael Kötz, wobei der 92-Jährige aus Morbach im Hunsrück zugleich eine Brücke zu seinem neuen Film „Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes“ schlägt. In diesem geht es darum, ob das Wesen eines Menschen – hier des Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) – in einem Gemälde überhaupt eingefangen werden kann: „Ich habe immer gedacht, unser Leben verstehen wir erst durch das Filmemachen. Das sei der Versuch, mein eigenes Leben zu verstehen. Doch es ist nicht fassbar.“ Und nun entwerfe Kötz’ Rede, die Reitz als „Wahrheitssuchenden“ skizziert, „ein Bild von mir, das es eigentlich nicht gibt und das mich dennoch zu Tränen rührt.“

Edgar Selge spielt den Philosophen Leibniz in „Leibniz – Chronik eiens verschollenen Bildes“.
Edgar Selge spielt den Philosophen Leibniz in »Leibniz – Chronik eiens verschollenen Bildes«.

Selbst nach gut sechs Stunden Festivalauftritt, in denen er auch seinen Leibniz-Film aus der ersten Reihe noch einmal aufmerksam mitverfolgt, spricht Reitz noch mitreißend über sein Werk. „Damit ein Bild Wahrheit enthalten kann, muss es eine künstlerische Qualität haben“, postuliert der große Regisseur, wobei er auch einräumt: „Jedes Bild ist eine Manipulation.“

In seinem neuen Film entsteht das Bild von Leibniz (das das Publikum nie sieht) daher erst, als die Malerin und der Philosoph „sich erkennen“, wie es Reitz nennt. „Es muss eine Liebesgeschichte werden zwischen dem Künstler und seinem Gegenstand.“ Eine platonische natürlich, es geht vor allem um gegenseitige Wertschätzung, Neugier aufeinander und Zugewandtheit.

Aenne Schwarz spielt die Malerin, die Leibniz porträtiert, in „Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes“.
Aenne Schwarz spielt die Malerin, die Leibniz porträtiert, in »Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes«.

„Chronik“ heißen viele von Reitz’ Arbeiten im Untertitel, einen „filmischen Roman“ versteht der Uhrmachersohn, der sich stets mit dem Einfangen von Zeit beschäftigte, darunter. Der Antrieb für sein künstlerisches Schaffen sei von Beginn an gewesen, „der permanenten Vergänglichkeit der Dinge etwas entgegenzusetzen, den flüchtigen Gedanken Dauer zu verleihen.“ Und er habe dabei beschlossen, nur Filme zu machen „über Leute, die ich mag, die ich lieben kann“. Wie Leibniz, den er als „Vorausdenker für eine friedliche Zukunft“ beschreibt, ganz im Sinne der Aufklärung: „Der Grundgedanke der Aufklärung ist ja: Der Mensch ist durch die Vernunft ein gottähnliches Wesen, und mit dieser Fähigkeit sollten wir es schaffen, die Welt schöner und glücklicher zu machen.“

Eine wohlwollende, optimistische Sicht aufs Menschsein. Leider aber scheint doch zu oft das Brutale im Menschen überhand zu nehmen. Dies illustriert der gewichtigste Beitrag im Rennen um den diesjährigen Filmkunstpreis „In die Sonne schauen“ von Mascha Schilinski ist ein Solitär von einem Film, der ebenfalls Filmgeschichte schreiben kann. Als deutscher Oscarkandidat ist er bereits gemeldet.

Die früheste Episode in „In die Sonne schauen“ ist aus der Perspektive der siebenjährigen Alma (Hanna Heckt) geschildert.
Die früheste Episode in »In die Sonne schauen« ist aus der Perspektive der siebenjährigen Alma (Hanna Heckt) geschildert.

Von vier Mädchen- und Frauenleben auf einem düsteren Hof in der Altmark über etwa 100 Jahre erzählt die Cannes-Gewinnerin, die nun ebenfalls Inselgast war. Ihr Film, der nahezu ein psychologischer Horrorstoff ist, lebt vor allem von der Atmosphäre. Unheimlich geht es zu, unwirklich, es knistert und dröhnt, etwas scheint sich Bahn brechen zu wollen, was sich nicht in Worte fassen lässt. Gerade die zu Beginn des Ersten Weltkriegs spielenden Szenen, die aus der Perspektive einer Siebenjährigen erzählt sind, die die Vorgänge um sich herum nicht ganz durchschaut, fangen subtil ein, wie grausam akzeptiert sexuelle Ausbeutung war. Schilinskis Frauenfiguren finden keinen Ausweg, nicht kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, nicht in den 1980ern und auch nicht in der Gegenwart. Die Filmemacherin scheint eher Pessimistin zu sein.

Geheimnisvolle Begegnung: Luca Brüggemann als Mia mit Lennox Halm in „Missing*Link“.
Geheimnisvolle Begegnung: Luca Brüggemann als Mia mit Lennox Halm in »Missing*Link«.

Wie man zu sich selbst finden kann, wenn ein Teil von einem fehlt, ist wiederum Thema des ebenfalls über seine – deutlich positivere – Atmosphäre erzählenden Films „Missing*Link“, der sich auch Humor gönnt. Im Mittelpunkt steht eine knapp 14-Jährige (Luca Brüggemann) aus einer Patchworkfamilie, die Halt sucht. Inmitten eines Ausflugs in die Feriensiedlung, die ihre Eltern – stark gespielt von Susanne Wolff und Wolfram Koch – seit über 20 Jahren mit Gleichgesinnten besuchen, macht Mia eine Entdeckung, die sie nur schwer verarbeiten kann. Sie streift durch den Wald und die mal einladende, mal gefährlich wirkende Seenlandschaft, trifft einen sie stumm dirigierenden geheimnisvollen Jungen. Das Gefühl einer Bedrohung wird immer stärker, vor allem in den poetischen Unterwasserszenen. Regisseur Michael Baumann aber hat doch Vertrauen in die Menschen in seinem Plädoyer für mehr Aufeinanderzugehen zwischen Eltern und Kindern. Ein schöner Film, der doch wieder etwas Hoffnung macht.

Termine

„Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes“ kommt am 18. September in die Kinos. „In die Sonne schauen“ läuft noch am 28. August und 5. September auf der Parkinsel, außerdem hat der Film am Donnerstag regulären Kinostart. „Missing*Link“ ist noch am 5. und 6. September zu sehen. Weitere Details unter www.fflu.de.

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