Kultur Draußen vor der Tür
Das 2006 uraufgeführte Drama „Motortown“ wird von seiner bitteren Aktualität in den kommenden Jahren vermutlich nichts verlieren. Der britische Autor Simon Stephens erzählt darin von einem Kriegsrückkehrer, der sich in seiner Heimatstadt nicht mehr zurechtfindet. Yvonne Kespohl inszenierte das Schauspiel in einer Bühne-auf-Bühne-Konstellation im Großen Haus des Pfalztheater Kaiserslautern. Am Samstag war Premiere.
Das Thema Krieg ist in unseren Tagen omnipräsent. So viele kriegerische Auseinandersetzungen, so viel Leid und Elend wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr überziehen den Globus. Immense Flüchtlingsströme und traumatisierte Soldaten sprechen in Europa davon. Um letztere dreht sich das Schauspiel „Motortown“. Zur Handlung: Danny kehrt aus dem Irak-Krieg heim in ein britisches Autoindustriestädtchen. Es gelingt ihm nicht, dort wieder Fuß zu fassen. Seine Freundin hat ihn durch einen anderen ersetzt, und die Bilder in seinem Kopf wird er auch nicht mehr los. Eine Abwärtsspirale aus Arbeitslosigkeit, Selbstbetrug und Aggression zieht ihn unweigerlich hinunter. In einer losen Abfolge von Szenen schildert der Text Dannys tragischen Niedergang. Yvonne Kespohl, am Pfalztheater vor allem durch langjährige Regieassistenz bekannt, erzählt die Geschichte flüssig in eineinhalb Stunden (ohne Pause). Die Bühne-auf-Bühne-Einrichtung, bei der das Publikum an den Seiten der Bühne sitzt und das Geschehen zum Greifen nah in seiner Mitte abläuft, bringt Unmittelbarkeit. Das Thema rückt uns allen näher – wie im wahren Leben eben. Die Aktionen der Schauspieler sind also hautnah zu erleben. Auch wenn der Autor die Figuren hart am Klischee anlegt, füllt das Ensemble sie doch mit Leben. Allen voran lässt Daniel Mutlu seinen Danny changieren zwischen Großmäuligkeit und Depression. Er spielt ihn als einen Typen, der stets kurz vorm Explodieren ist – die Spannung ist mit Händen greifbar. Maike Elena Schmidt gibt seine Ex-Freundin als abgezockte Vorstadtschönheit. Nicht weniger cool sind Harry Schäfer als Pistolendealer und Oliver Burkia als Waffenspezialist; Nadine Kiesewalter spielt dessen 15-jährige Freundin Jade, mit der es ein schlimmes Ende nimmt. Ein Swinger-Ehepaar, auf das Danny im Laufe seiner Irrfahrten trifft, wird von Hannelore Bähr und Stefan Kiefer verkörpert. Die Glanzleistung des Abends jedoch liefert Luca Zahn: Er spielt Dannys geistig behinderten Bruder bis in die letzte linkische Zuckung seiner Hände hinein unglaublich authentisch. Eine Meisterleistung. Mit manchem Regieeinfall wird die Handlung belebt auf einer Bühne (Miriam Haas und Lydia Huller, auch Kostüme), die im Wesentlichen mit einem alten Ford Escort bestückt ist. So zeigt eine Band mit Sängerin Schmidt, Bassist Schäfer, Keyboarder Burkia und Schlagzeuger Zahn, wie vielseitig das Ensemble ist. Man sollte sie öfter zu hören bekommen. Daneben gibt es Videoprojektionen aus dem Fahrzeuginneren, und selbst der (Bühnen)himmel weint angesichts der Tragik der Geschichte. Der tiefe Fall von Kriegsheimkehrern beschäftige Generationen von Autoren. Georg Büchner, auf dessen Dramenfragment „Woyzeck“ sich Stephens explizit bezieht, ist einer davon. Aber auch an Wolfgang Borcherts Text „Draußen vor der Tür“ erinnert das Stück des Briten Stephens, der aus der Kaderschmiede des Londoner Royal Court Theatres stammt. Offensichtlich wird an dieser Stelle, dass die Menschheit selbst in unseren aufgeklärten Tagen so weit nicht gekommen ist. Ganz im Gegenteil. Man könnte verzweifeln. Termine 7., 13., 16., 27. März, 13., 17., 19., April, 19.30 Uhr; Karten unter 0631/3675-209 und www.pfalztheater.de.