Mannheim
Die schuldige Mutter: Die eindrucksvolle Oper „Lucrezia Borgia“ am Nationaltheater
Das Werk wurde am 26. Dezember 1833 in Mailand uraufgeführt und just an diesem Tag elf Jahre später erstmals in Mannheim. Zunächst ein Renner, geriet es wie viele ernste Opern der mit den Namen Rossini, Bellini und Donizetti verbundenen Belcanto-Ära der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts in Vergessenheit. Es waren Primadonnen wie Montserrat Caballé, Joan Sutherland, Maria Callas oder Edita Gruberova, die das Repertoire wiederbelebten.
Belcanto heißt ja schöner Gesang und meint hier die Vermittlung des dramatischen Ausdrucks in kunstvollen Melodielinien und virtuosen Zierfiguren, also Koloraturen. Die Sänger, besonders die Sängerinnen und ihr Gesang stehen also im Fokus. Das Orchester tritt zurück. Der Dirigent der neuen Produktion, Roberto Rizzi Brignioli, sagt das im Programmheft ganz deutlich: „Der Dirigent muss ein orchestrales Gewebe schaffen, das die Stimme stützt, mit ihr atmet und mit ihr dialogisiert, ohne sie jemals zu ersticken. Der Taktstock ,kommandiert’ nicht, sondern begleitet die Atmung der Phrasierung.“
Wie gesagt, bei der Belcanto-Oper sind vor allem die Primadonnen gefragt. Und deshalb stehen in den meisten Opern auch Frauen im Mittelpunkt. Bei Donizetti ist die berühmteste mit der Lucia di Lammermoor zwar eine fiktive Figur. Der Meister aus Bergamo hat aber eine ganze Reihe seiner rund 70 Opern historischen Damen gewidmet, Anna Bolena, Maria Stuarda und eben Lucrezia Borgia. Die Renaissance-Fürstin, die um 1500 lebte, steht ja – wie ihre ganze Familie einschließlich ihres Vaters, dem späteren Papst Alexander VI. – in keinem guten Ruf. Ihr und ihren Verwandten werden üble Dinge vorgeworfen wie Ehebruch, Inzest und allerhand Mordtaten.
Davon lässt sich vieles nicht belegen, aber als Stoff für (früher) Theaterstücke und (heute) TV-Serien ist das natürlich sehr ergiebig. Donizettis Oper stützt sich auf Victor Hugos Drama und erzählt eine erfundene Geschichte. Giftmorde mit Wein kommen zwar als „Markenzeichen“ der Lucrezia Borgia vor, aber eigentlich wird sie in der Oper gar nicht so negativ dargestellt. Am Ende muss sie den Tod ihrer Sohnes miterleben, den sie selbst verschuldet hat.
„Hier geht es um eine Frau, die Mutter ist und zugleich Schuld auf sich geladen hat. Die zentrale Frage, was sie in diesen inneren Konflikt treibt, was sie dazu bringt, so widersprüchlich zu handeln, ist für mich der Kern dieser Inszenierung. Wir möchten die Figur in all ihren widersprüchlichen Facetten erforschen und sichtbar machen“, das betont Regisseurin Rahel Thiel.
Es ist wie in allen Belcanto-Opern: Wer so schöne Musik zu singen hat, kann nicht durch und durch schlecht sein. Und übrigens: Katholiken begegnen der Familie Borgia regelmäßig, bei jedem Ave Maria. Lucrezias Vater, eben der spätere Papst Alexander VI., hat nämlich diesem Gebet den Satz „Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes“ angefügt. Und im Ernst, das ist eigentlich gar kein unpassendes Motto für diese Oper.
Termin
Gaetano Donizettis „Lucrezia Borgia“, Premiere ist am Nationaltheater in Mannheim im Opal, der Oper am Luisenpark, am Sonntag, 7. Dezember, um 18 Uhr.