Lobende Worte RHEINPFALZ Plus Artikel Die Postkarte – WhatsApp für Romantiker

Postkarte aus dem Archiv der Caritas.
Postkarte aus dem Archiv der Caritas.

Ein herzvoller Gruß aus einer anderen Welt: die Postkarte. Sie dreht Zeitschleifen und zeigt, das jemand (wirklich) an einen denkt.

Hinter mir die Postkarte auf dem Sideboard, ein Segelboot auf dem blauen Wasser der Adria. „Wiedersehen mit Kroatien“, Frau W. sendet die herzlichsten Grüße aus der „traumhaft schönen Kvarner Inselwelt“. Ein Seeigel ziert die Briefmarke im Wert von 8,60 Kuna, der Währung, die seit 2023 nicht mehr existiert. Die Karte muss schon älter sein. Sie rührt mein Herz, warum sonst hab’ ich sie aufgehoben, auch als die ferne Erinnerung an die Zeit, als WhapsAPP ein Stück Karton war.

Ein Gruß ohne Pling, ohne Insta-Filter, kein Snapshot vom Frühstücksbüfett, der sich löscht. Stattdessen Frau W.s Handschrift, die sich diagonal über den Weißraum links neben den Adresszeilen zieht, dem Platz für Poesie oder mehr dokumentarische Prosa nach dem Schema UWE, Unterkunft, Wetter, Essen. Dazu superlativische Wendungen. Sehr oft kam der Gruß aus Riminicorfumadeira, der gefühlt noch etwas Sand vom Strand mit sich führte bei den Adressaten an, als man selbst schon wieder zuhause war. Eine Postkarte dreht wunderbare Zeitschleifen. Postkarten sind eine großartige, stilvolle Art der Ausbremsung der rasenden Zeit. Und was für ein Aufwand, der betrieben wird für die, die sie bekommen, was für eine romantische Verschwendung von Ressourcen.

Jemand hat die Karte ausgesucht, die Briefmarke dazu gekauft, sein lyrisches Ich aktiviert. Eine schnelle Antwort wird – anders als bei der auf der Liege schnell hingetippten SMS, WhatsApp und Sonstwas – nicht erwartet. Kein Ad-hoc-Like und -Herz für das Insta-Selfie mit Schmollmund am Beckenrand des Infinity-Pools. Wer Postkarten schreibt – mit der Hand! - kann sich, eine Erkenntnis der neurologischen Forschung, besser erinnern, wo, wie und in welcher Stimmung sie verfasst worden sind. Die Bildmotive – herzförmige Ausschnitte, brutalistische Bauwerke - sind tiefenpsychologisch interpretierbar. Manchmal auch ein augenzwinkernder Scherz.

Langweilig, ach was!

Martin Parr etwa, der Dokumentar des Alltagsskurrilen, sammelt seit Jahrzehnten Exemplare, auf denen seltsam stolz Autobahnen, Verkehrsinseln oder Einkaufszentren abgebildet sind. „Boring Postcards“, langweilige Postkarten, nennt er einen Bildband mit einer Auswahl daraus. Der Mensch liebt halt alle Ausformungen der Erfindung, seit es sie und Briefmarken gibt – und der englische Schriftsteller Theodore Hook 1840 die allererste Postkarte an sich selbst versendete; mit einer von ihm verfertigten Karikatur von Postbeamten, die die eigentlichen Adressaten gewesen sein dürften.

Lau wie das karibische Meer

In Berlin, damals noch Hauptstadt des Königreichs Preußen, gingen am 25. Juni 1870, dem ersten Verkaufstag, 45.000 sogenannte „Correspondenz-Karten“ über den Ladentisch. Ein heutiges Indiz, dass die herzwarme Zuneigung zu den bebilderten Kartons die Digitalisierung überdauert hat, ist das Paradox, dass sich vergangenes Jahr bei einer Umfrage des Reiseportals Urlaubsguru 82 Prozent der Befragten wünschten mehr Postkarten zu bekommen, aber nur 42 Prozent angaben, noch welche zu verschicken.

Ganz ehrlich, wie sieht Ihre Bilanz am dräuenden Ende des Urlaubssommers aus? Auch so lau wie das karibische Meer? Die Statistik der Deutschen Post jedenfalls wies 2014 noch 210 Millionen zugestellten Exemplare aus, 2023 95 Millionen. Dabei sei allen mit Schreibhemmung und -blockade der neue Werbefilm des US-Filmregisseur-Genies Wes Anderson („The Royal Tennenbaums“, „Grand Hotel Budapest“) für die noble Schweizer Schreibwarenmanufaktur Montblanc empfohlen. Eine wunderbare metaphorische Reise in einer historischen Zugabteilkulisse, bei der Anderson selbst mitspielt.

Die Tugend der Schreiberlinge

Der Markusplatz in Venedig zieht am Abteilfenster vorbei, dann quert der per Fahrradantrieb betriebene Fakezug die Pyramiden von Gizeh. Alles eine Frage der Vorstellungskraft. Neben der Tugend des Postkartenschreibens wird Wes Andersons für die Firma entworfener, sehr herrlicher (schon ausverkaufter) Füllfederhalter „Schreiberling“ beworben. Eggnog wird serviert – Alkohol mit Ei, Milch und Sahne. Anderson kramt Postkarten aus seinem Reisegepäck. Ach ja, das Motto noch. „Let’s write!“ – Komm, lass uns schreiben!

Postkarte aus Kleinkarlbach, um 1980.
Postkarte aus Kleinkarlbach, um 1980.
Postkarte aus Zweibrücken.
Postkarte aus Zweibrücken.
Für den Gruß aus Oggersheim.
Für den Gruß aus Oggersheim.
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