Osterfestival RHEINPFALZ Plus Artikel Die Musik, die Demokratie und das Heilige: Streifzug durch Aix-en-Provence

Treten diesen Samstag gemeinsam auf: Geiger Renaud Capuçon, Pianistenlegende Martha Argerich und Dirigent Lahav Shani.
Treten diesen Samstag gemeinsam auf: Geiger Renaud Capuçon, Pianistenlegende Martha Argerich und Dirigent Lahav Shani.

„Französisches Salzburg“ nennt sich Aix-en-Provence schon lange. Mehr denn je trägt die Stadt ihren Beinamen zu Recht, denn es gibt nun auch ein hochkarätiges Osterfestival.

Seit 1948 gehört das Festival lyrique von Aix-en-Provence zu den festen Größen der sommerlichen Festspielsaison, wegen seines Leitsterns Mozart von Anfang an in einem Atemzug mit Salzburg genannt und spätestens seit der Eröffnung des Grand Théâtre de Provence (GTP) 2007 mit der „Walküre“ (als Teil des Rattle-Braunschweig-Rings) auch mit Bayreuth gleichgezogen. Die „kleine Schwester“ zu Ostern in Aix existiert seit 2013, verzichtet auf Oper – und hat sich zu einer der ersten Adressen für Musikfreunde entwickelt. Mit dem Weltklasse-Geiger Renaud Capuçon als künstlerischem Leiter ging es diesmal auch um die großen Fragen der Menschheit – an einem ganz besonderen Ort.

Auch dieses Jahr kam das Publikum in den beiden Wochen vor und nach Ostern in Scharen (die Auslastung wird mit zwischen 90 und 95 Prozent angegeben) – um Martha Argerich zu hören, die „Grande Dame“ der Klavierkunst, Gidon Kremer, den Großmeister der Violine, Jordi Savall, den katalanischen Ausnahmekünstler, Dirigenten, Ensemblegründer und Musikforscher, der im Mai in München den Ernst von Siemens-Musikpreis 2026, den Nobelpreis für Musik, entgegennehmen wird. Aus München in die Provence hingegen reisten für drei Tage die Philharmoniker – mit Lahav Shani, ihrem (noch bis September designierten) neuen Chef am Pult, dann auch in den kommenden beiden Jahren als Orchester in residence.

Ein besonderes Vertrauensverhältnis

Der israelische Dirigent und Pianist, dessen Ausladung beim Genter Festival van Vlaanderen im vergangenen Herbst so viel Wirbel ausgelöst hat, gehört ebenso wie der Geiger Renaud Capuçon zu den Musikern, zu denen die scheue Martha Argerich ein besonderes Vertrauensverhältnis aufgebaut hat. Die drei zusammen sind mit einem kammermusikalischen Programm für den vorletzten Festivaltag angekündigt, bevor die Philharmoniker mit Shani und Renaud Capuçon am Sonntag den Reigen von 21 Konzerten beschließen.

Seine Carte blanche hat der Geiger und künstlerische Leiter, der zunehmend auch als Dirigent aktiv ist, auf ein Werk gesetzt, das die Leitgedanken seines Festivalprogramms wie im Brennglas zusammenfasst: Schostakowitschs 1947-48 komponiertes, David Oistrach gewidmetes und aus Furcht vor Repressalien des Regimes erst 1955, nach dem Tod Stalins 1953 uraufgeführtes erstes Violinkonzert.

Um die Rolle von Kunst und Musik in der Gesellschaft ging es von Beginn an – und weil die Osterzeit dazu einlädt, auch um jene von Religion und dem Sakralen – musikalisch zum Ausdruck gebracht mit Beethoven („Christus am Ölberge“), Haydn („Die sieben letzten Worte des Erlösers am Kreuz“) und natürlich Bach, der Johannes-Passion, am Karfreitag.

Das Orchetsre National de Lille leitete in Frankreich eine Art Demokratisierung ein. Zum Festivalauftakt in Aix-en-Provence spie
Das Orchetsre National de Lille leitete in Frankreich eine Art Demokratisierung ein. Zum Festivalauftakt in Aix-en-Provence spielte das Orchester mit Geiger Renaud Capuçon als Solist.

Kein Zufall, dass zum Festival-Auftakt im GTP das Orchestre national de Lille eingeladen war: Vor 50 Jahren gegründet, war es das erste große Orchester in Frankreich, das – fern der Hauptstadt – eine Art Demokratisierung der Kultur einleitete. Mit dem charismatischen Gründer, dem mittlerweile 90-jährigen langjährigen Chefdirigenten Jean-Claude Casadesus, gingen die Musiker ab 1976 in die Arbeitersiedlungen des Nordens, spielten in Fabrikhallen und Schulen – kurz: Sie kamen zu all jenen, die wohl niemals einen Konzertsaal betreten hätten. Eine Pionierarbeit, die in der Region bis heute Früchte trägt und mit dem neuen Chef, dem jungen US-Amerikaner Joshua Weilerstein, fortgesetzt wird.

Beide, das Orchester aus dem Norden und Renaud Capuçon, Gründer und künstlerischer Leiter des Festivals im Süden, feiern in diesem Jahr ihren 50. Geburtstag. Und wie in Lille verlässt auch in Aix-en-Provence die Musik die Konzertsäle und kommt zu den Menschen – in die Dörfer und Kleinstädte im Umland, auf Plätze und Straßen in den so genannten „Problemvierteln“ von Aix oder Marseille. Da gibt es Konzerte für die ganz Kleinen, die ihr Lieblingsspielzeug mitbringen dürfen. Da können mittels hochmoderner Übertragungstechnik aber auch Patienten in Krankenhäusern oder die Bewohner von Altenheimen etwa Brahms erste Sinfonie und Samuel Barbers Violinkonzert erleben oder mit dem Publikum im Grand Théâtre die Musik von Elsa Barraine (1910-1999) entdecken: Komponistin, Widerstandskämpferin, Jüdin, Humanistin … eine faszinierende Frau, deren Biografie die Geschichte des 20. Jahrhunderts ebenso widerspiegelt wie den Geist des Osterfestivals.

Konzert mit Live-Illustration: Bratschenlegende Gérard Caussé, das Quatuor Fidelio und Cellistin Caroline Sypniewski.
Konzert mit Live-Illustration: Bratschenlegende Gérard Caussé, das Quatuor Fidelio und Cellistin Caroline Sypniewski.

„Musique en partage“ heißt dieser Teil des Festivals, 30 kostenlose Konzerte zusätzlich zum offiziellen Programm. Was sie lieben, die Musik, mit anderen zu teilen, ist das Ziel von allen, die dabei mitwirken. Ob das nun Mitglieder der Philharmoniker sind, die auf der Terrasse des Theaters jazzen, oder Solesne Loy, die Geigerin, die Sieben- bis Zehnjährige für dieses bei der Jungend meist nicht sonderlich geliebte Instrument begeistern will. Auch wenn das sicher nicht bei allen gelingt – so manche zunächst Unwillige hat sie wohl schon bekehrt. Und wenn das nicht hilft, dann vielleicht eine Fassung von Beethovens sechster Sinfonie für Streichsextett, bei der sich Bratschenlegende Gérard Caussé zu den jungen Musikerinnen des Quatuor Fidelio, verstärkt durch die Cellistin Caroline Sypniewski, gesellt und der Illustrator Grégoire Pont live Bilder zeichnet.

Für Ältere und Fortgeschrittene gibt es ein Masterclass-Angebot, für das Publikum Auftritte der unter 30-jährigen „Génération@Aix“ und ihrer Dozenten, wie etwa das Recital der Pianistin Yulianna Avdeeva geradezu magisch hörbar machte, was Johann Sebastian Bach und dessen Chromatische Fantasie und Fuge mit Liszt und Chopin, den Klavierheroen des 19. Jahrhunderts verbindet.

 Yulianna Avdeeva ist nach Martha Argerich die erste Frau, die beim Warschauer Chopin-Wettbewerb den ersten Preis gewann.
Yulianna Avdeeva ist nach Martha Argerich die erste Frau, die beim Warschauer Chopin-Wettbewerb den ersten Preis gewann.

Die in München lebende Yulianna Avdeeva, Jahrgang 1985, ist nach Martha Argerich (1965) die erste Frau, die beim Warschauer Chopin-Wettbewerb den ersten Preis gewann. Sie spielte im Saal des Konservatoriums, das den Namen des in Aix-en-Provence aufgewachsenen Darius Milhaud trägt.

An einem anderen Ort hingegen erwartet man Musik nicht ganz so selbstverständlich, und doch fand dort ein ganzer Sonntag des „Teilens“ statt: im Camp des Milles, jenem in einer ehemaligen Ziegelei im Umland von Aix eingerichteten Internierungslager, in das Frankreich nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs „unerwünschte Ausländer“ zwang, seit 2012 Museum und Mémorial. Les Milles – von Lion Feuchtwanger in „Der Teufel in Frankreich“ literarisch verewigt – sah gewissermaßen die ganze zuvor in Sanary-sur-Mer exilierte deutsche Geisteselite. Unter den Häftlingen waren die Maler Wols und Max Ernst, die Schriftsteller Walter Hasenclever und Golo Mann, der Tenor Joseph Schmitt, auch Heinrich Strobel, der spätere Musikchef des nach dem Krieg gegründeten Südwestfunks in Baden-Baden und mit Hans Rosbaud – 1948 Dirigent von Mozarts „Così fan tutte“, der ersten Premiere des Sommerfestivals von Aix – wesentlicher Förderer der Neuen Musik.

Im Camp des Milles internierten die Franzosen im Zweiten Weltkrieg unerwünschte Ausländer, darunter auch Golo Mann und Max Ernst
Im Camp des Milles internierten die Franzosen im Zweiten Weltkrieg unerwünschte Ausländer, darunter auch Golo Mann und Max Ernst. Beim Osterfestival wurde der Erinnerungsort einen ganzen Sonntag lang bespielt.

Vom ehemaligen Buchenwald-Häftling und späteren Diplomaten Stéphane Hessel, dessen Vater Franz Hessel ebenfalls in Les Milles interniert war, hat das Mémorial die Aufforderung „Créer pour résister“ als Leitmotiv übernommen. Darüber, wie Kunst und Kreativität ermöglichen, Widerstand zu leisten, wie Musik Erinnerung wachhält und in andere Dimensionen, ins Sakrale (?) überleitet, und ein Überleben ermöglicht, kreisten hochkarätige Gesprächsrunden.

Für Jacques Attali, den ehemaligen Berater von Präsidenten François Mitterrand, Ökonom, Soziologe und schillernde Persönlichkeit, gibt die Musik dem Leben ebenso Sinn wie dem Tod und allem, was danach folgt. Es war an Bernard Foccroulle, 2007 bis 2018 Direktor des Festival lyrique in Aix, Organist und Komponist – unter anderem einer Kammeroper nach Motiven des Tagebuchs der Hélène Berr, einer jungen, 1945 in Bergen-Belsen ermordeten Pariser Jüdin – die Musik in die Gegenwart zu holen: als Leitbild für demokratische Auseinandersetzungen, zu denen unbedingt auch das Aushalten von Dissonanzen gehöre.

Das letzte Wort

Der Musik – mit Werken von Hans Krása, Erwin Schulhoff, Gideon Klein und Victor Ullmann, entstanden im KZ Theresienstadt, sowie mit Bachs Goldberg-Variationen in der Bearbeitung für drei Streicher, mit Renaud Capuçon und zwei Vertretern der Generation@Aix, Paul Zientara (Bratsche) und Krzystof Michalski (Cello) – gehörte das letzte Wort. Und wenn danach Verdis Requiem zur Aufführung kam, bedeutete dies keineswegs Rückkehr zur Kulinarik: Unter unvorstellbaren Bedingungen und mit 16 Aufführungen dieser Totenmesse hatten einst Theresienstadt-Häftlinge geistigen Widerstand geleistet.

Ein gleichermaßen anspruchsvolles wie erfolgreiches Festival wie in Aix zu realisieren, braucht nicht nur einen künstlerischen Kopf (Renaud Capuçon), sondern neben den notwendigen Finanzen – die CIC-Bank an erster Stelle – auch einen erfindungsreichen Organisator. Der heißt hier Dominique Bluzet, Theaterleiter, Schauspieler, Regisseur und „Exekutiv-Direktor“. Dass Kunst und Musik tatsächlich für alle da und gesellschaftlich relevant, ja sogar überlebensnotwendig sind: Wer mitunter daran zweifelt, erlebte in Aix-en-Provence an Ostern 2026 mehr als nur einen Hoffnungsschimmer.

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