Klang und Kunst RHEINPFALZ Plus Artikel Die Musik der Stadt: Nevin Aladag stellt in Darmstadt aus

Nevin Aladag mit „Color Floating“.
Nevin Aladag mit »Color Floating«.

Bei Nevin Aladag spielt das Spielplatzkarussell Geige. Die Künstlerin bringt die Welt zum Klingen. Jetzt stellt sie in Darmstadt aus. Ein Erlebnis.

Vom Winde bewegt, triangeln Triangeln, die im laublosen Geäst eines Baums hängen. Eine Geige, an einem geisterhaft kreisenden Spielplatzkarussell arretiert, schrammt jammernd einen Geigenbogen, immer wieder. Der Schellenring eines wild gewordenen Kleinkinderschaukelpferds rasselt hektisch. Eine Blockflöte gibt Laute von sich, während sie entschwebt – irgendwo Richtung Himmel über Stuttgart. Das Wetter auf den Aufnahmen ist durchgängig mäßig. Die Kulissen eher trist.

„Traces“, Spuren, nennt Nevin Aladag das verspielt-unsentimentale klingende Videoporträt der Stadt, in der sie aufgewachsen ist. Es läuft versetzt auf einer saalbreiten Drei-Kanal-Installation, auf deren drei Screens zudem zu sehen ist, wie eine Trommel durch den Park am Berliner Gleisdreieck rollert. Wie auf dem Dach eines Autos, das die Hauptstadt durchquert, eine Querflöte im Fahrtwind barmt, Springbrunnentropfen eine Darbuka betrommeln. Derweil hoppeln in „Session“, 2013 anlässlich der Biennale dort aufgenommen, Fußglöckchen an der Leine durch den Wüstensand des Emirats Schardscha. Es ist das erste Werk der Reihe, die als „urbane Landschaften“ in der von Sandra Bornemann-Quecke kuratierten Ausstellung auf der Darmstädter Mathildenhöhe gezeigt werden.

Die Musik der Stadt: Ein Schellenkranz, angebracht an einem Fahrer macht beim Fahren über das Kopfsteinpflaster Töne.
Die Musik der Stadt: Ein Schellenkranz, angebracht an einem Fahrer macht beim Fahren über das Kopfsteinpflaster Töne.

Geboren ist Nevin Aladag in Van an der türkisch-iranischen Grenze. 1973 kam sie mit ihrer Familie nach Deutschland, gerade einmal ein Jahr alt damals. Ihr Vater, in seiner Ursprungsheimat Volksschullehrer, arbeitete sich bei Porsche vom Arbeiter zum Betriebsrat mit Büro hoch. Tochter Nevin, die jetzt in Berlin lebt und mit ihren hintergründigen Ideationen an der Schnittstelle von Malerei, Textilkunst, Performance, Video und Klangkunst laboriert, zählt inzwischen zu den wichtigen, international gefragten deutschen Künstlerinnen.

Stiller Tanz bei der Venedig-Biennale 2017: Nevin Aladags Performance „Raise the Roof“.
Stiller Tanz bei der Venedig-Biennale 2017: Nevin Aladags Performance »Raise the Roof«.

High-Heels-Musik

Sie stellt in großen Häusern aus, 2017 war sie bei der Venedig-Biennale mit einer Arbeit vertreten, die der Darmstädter Retrospektive ihren Titel gibt, „Raise the Roof“, lüfte das Dach. Schwarz gewandte Frauen mit Kopfhörern und in High Heels betanzten damals Podeste, auf denen Kupferplatten auslagen. Beyonces „Drunk in Love“ im Ohr, „A Better Tomorrow“ von Matt Simons oder den Depeche-Mode-Klassiker „Enjoy the Silence“, jede der versunkenen Tänzerinnen hatte andere Musik im Ohr, welche, stand jeweils auf ihrem T-Shirt. Es ging auch raten. Jetzt auf der Mathildenhöhe läuft ein Video der Aktion. Und einige Kupferplatten sind ausgestellt, in die sich die Tanzspuren eingeschrieben haben. Für Aladag war die Weltausstellung ein Meilenstein.

Anfangs, meinte sie, die bei Olaf Metzel an der Münchner Akademie studiert hat, einmal nüchtern, sei sie vor allem wegen ihres türkisch-kurdisch-iranisch-armenischen Migrationshintergrunds eingeladen worden. Zu Kunstvereinsschauen meist. Irgendwann antwortete sie auf die Herkunftsfestlegung ironisch mit einem Werk, für das sie mit wissenschaftlicher Akribie Wasserproben aus unterschiedlichen Tiefen des Bodensees entnahm. Vorgeblich, um zu erforschen, ob sich damit Grenzverläufe und kulturelle Unterschiede der drei Anrainerstaaten Deutschland, Österreich und Schweiz nachweisen lassen. Mittlerweile ist die erhellende Vermischung verschiedener Welten so etwas wie ein verbindendes Werkprinzip.

Möbel machen Musik: „Piano Chair“.
Möbel machen Musik: »Piano Chair«.

Stuhlharfe und Gitarrensessel

So verwebt sie Materialien aus dem Maghreb bis China, von den USA bis zum Iran, Gebets- und Zier- und Wandteppiche, wie auch immer entstanden, zu Teppichcollagen, bei denen real existierende Konflikte zur Kenntlichkeit verschleiert und eingeebnet sind. Zu ihren Zentralerfindungen zählt auch das Mobiliar, das sie zu Musikinstrumenten umfunktioniert und in Klangskulpturen verwandelt. Zu Gitarrensesseln und Tischglockenspielen, zu Stuhlharfen und zu der Multifunktionscouch mit Flamencogitarre, die Exponat bei der Kasseler Documenta 14 war.

Wie die Kinder

In Darmstadt wird unter anderem ein sitzhöhenverstellbarer „Piano Chair“ gezeigt, in den der Balg einer Konzertina eingebaut ist, eine Art Akkordeon. Derweil ist das Hybridprinzip in der Kunsthalle in Mannheim zum „Resonanzraum“ ausexerziert. Er erinnert an die Musikzimmer des 18. und 19. Jahrhunderts. Nur, dass ein Sound-Teppich aus Textilien unterschiedlicher Epochen und Herkunft ausliegt – und der Raum selbst mit einem Eck-Cello, einer Eck-Harfe in Form einer Leier, mit der Eck-Trommel und den trichterförmig angeordneten Eck-Glocken bei entsprechender Bespielung zum Klangkörper mutiert.

Das Werk gehört zur ständigen Sammlung des Museums, in dem auch die Körperinstrumente von Nevin Aladag in Aktion zu erleben waren, die in Darmstadt vorerst nur ausliegen. Die mit Kopfbewegungen aktivierbaren Huttrommeln, die an Fußmanschetten befestigten Schellen und die beiden flügelförmigen Akkordeons, die sich durch das Heben und Senken der Arme betreiben lassen. 2021 derwischte ein Performer damit durchs Kunsthallenfoyer – als Abordnung des Museumsschiff Tinguely AHOY, das am Neckar uferte. Auf der Mathildenhöhe wird eine entsprechende Performance am 23. August aufgeführt. Bis dahin aber steht immerhin Nevin Aladags „Public Resonator“ für das Publikum zur freien Verfügung, eine metallische Mitmach-Kugel, die wie eine Raumkapsel im Ausstellungssaal steht. Orgelpfeifen thronen, geometrisch geformte Trommeln sind appliziert, Klangstäbe umreihen den Sockel. Als das Teil 2023 bei seiner Premiere auf der Grünfläche vor dem Baden-Badener Kurhaus stand, gab’s vor allem für die Kinder kaum ein Halten. Jetzt in der Darmstädter Museumsstille scheinen alle auf den einen stillen, heimlichen Moment zu warten – für ein finales Klingklongbumm. Schönes Ding – wie die Schau.

Die Ausstellung

Nevin Aladag : „Raise the Roof“, bis 1.2. 2026, Mathildenhöhe Darmstadt; www.mathildenhoehe.de

Filmstill aus dem Video „Session“ aus dem Jahr 2013, aufgenommen in Schardscha.
Filmstill aus dem Video »Session« aus dem Jahr 2013, aufgenommen in Schardscha.
Mann mit Trommeln am Hut: Performance in Mannheim, 2021.
Mann mit Trommeln am Hut: Performance in Mannheim, 2021.
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