Medienkunst
Die Macht des Röhrenbildschirms: Das ZKM zeigt seine Sammlung noch einmal neu
So viel Testosteron, eine ganze stählerne Wand. Muskelaufbau auf 27 Monitoren, immer die identischen Aufnahmen: sich quälende Männer mit nacktem Oberkörper und in kurzen Hosen. Ihre schweißschimmernden Schultern und Schenkel, die verbissenen Gesichter beim Gewichte stemmen. Nahaufnahmen, die Bilder im schwarz-weißen Retrolook. Die schönen Kerle mit der dreiwettertaftig sitzenden Frisur, Ego-Diven, besungen mit einer Bellini-Arie von Maria Callas.
„Les larmes d’acier“, nennt die belgische Künstlerin Marie-Jo Lafontaines ihr opernhaftes Werk: Die Tränen aus Stahl, 1987 entstanden. Das pure Klischee, aber die Ironie hat einen ernsten Hintergrund. Tränen aus Stahl, so wurden die Fliegerbomben, die im Ersten Weltkrieg vom Himmel fielen, flehentlich beweint. Zudem war der Mann als gefeierter Krieger zur Entstehungszeit von Lafontaines Schmachtinstallation in den neoliberalen „Rambo“-Achtzigerjahren besonders im Rampenlicht. Und ist es jetzt in der kriegstüchtigen Trump-Putin-Macker-Welt – wieder? „The Story That Never Ends“, die Geschichte endet nie, lautet der vieldeutige Titel der von Clara Runge kuratierten Ausstellung in den Monumentalhallen einer ehemaligen Waffenfabrik, in der das ZKM residiert. Es ist eine sinnlich Sinn ergebende Schau.
Gleich an ihrem Anfang drehen sich rote Ballgewänder im Gleichklang einer von Ursula Neugebauer computergenerierten Choreographie an Roboterkleiderstangen. Rebecca Horns menschenloser Rollstuhl vollführt geisterhafte Manöver und droht die Besucher zu attackieren. Überall blitzt und blinkt es aus Klassikern wie der Videoskulptur „Canopus“ von Kunstkauz Nam June Paik (1932 bis 2006), sternförmig umringen dabei kleine Monitore eine Autoradkappe mit koreanischen Schriftzeichen, bunte Muster flackern psychedelisch auf den Schirmen.
Zweites Bauhaus
Das 1988 als Bauhaus der „Zweiten Moderne“ gegründete ZKM, von dem der britische Direktor Alistair Hudson sagt, es sei die „angesehenste Medienkunstinstitution der Welt“, hat 75 solcher Videoinstallationen mit historischen Videos in seiner Sammlung, 200 Archivbestände von Künstlerinnen und Künstlern, 20.000 Videobänder. Bis jetzt. Die Karlsruher hoffen: Die Story endet nie. Was die erste Neupräsentation aus dem Depot seit 2017 so besonders macht: die rund 100 gezeigten Werke aus den vergangenen 75 Jahren sind maßgeblich von den Restauratoren – unter anderem des Labors für antiquierte Videosysteme – ausgesucht worden. Die Schau ist so auch: eine Technikgeschichte, konservatorische Didaktik, dargestellt in Extravitrinen, die Erzählung der endlosen Geschichte eines Kampfs mit kaputten Röhrenbildschirmen, obsolet gewordenen Blinkschaltern, Glimmlampen, die nicht mehr beschafft werden können, angekokelten Transformatoren, verklebten Videobändern, die bei 60 Grad „gebacken“ werden müssen, um ihnen Feuchtigkeit zu entziehen, dann folgt eine Behandlung mit schonendem Vlies.
300 Endgeräte hält das ZKM vor, um die Abspielbarkeit der Kunst zu gewährleisten. Nicht selten waren die Pioniere der Medienkunst Ingenieure und Techniktüftler wie der US-Amerikaner Michael Noll. Künstler aus Zufall, schmallippig beäugt von dem an Caravaggio, Picasso, Mondrian, Warhol und Konsorten hängenden Betrieb. So ist der erste Vorläufer von Nolls computergenerierten Grafikkunst aus einem Programmierfehler entstanden. Die Software produzierte plötzlich etwas, das aussah wie abstrakte Kunst. Daraus wurden dann Werke wie „Gaussian Quadratic“, das im ZKM an der Wand hängt und mit Diagramm-artigen Linien durchdekliniert, was alles auf einmal als Quadrat durchgehen kann.
Computerkunst Baujahr 1963
„Baujahr“ 1963, erstellt mit einem IBM-7000-Großrechner und einem damals neuartigen Mikrofilmplotter. Eine Kamera zeichnete die leuchtenden Linien mit einer 16-mm-Kamera auf, die auf einem Röhrenbildschirm erschienen. Von diesen „Negativen“ wurden anschließend fotografische Abzüge hergestellt. Über deren Mehrwert lässt sich natürlich streiten. Nolls erster Versuch, sich das Werk urheberrechtlich schützen zu lassen, ist damals an dem Argument gescheitert, schließlich habe nicht er, sondern eine Maschine das Kunstwerk hergestellt. Künstlerinnen und Künstler sind halt oft ihrer Zeit voraus, „early adopter“, Frühanwender technischer Neuerungen, die sie nicht nur kritisch, sondern auch begeistert verwenden. Auch das zieht sich durch die Medienkunstgeschichte und die Schau selbst.
So staunt man 1995 noch über Alba D’Urbanos Installation „Touch me“, einen Röhrenmonitor mit Touchscreen, der auf Kopfhöhe in eine viereckige Holzstele eingelassen ist. Darauf ist zu sehen, wie die Künstlerin Handküsse verteilt. Wer über ihr Gesicht streicht, kann bestimmt Partien mit seinem eigenen Betrachterangesicht überblenden. Im Zeitalter der Deep Fakes wirkt das natürlich putzig. In den jüngeren Arbeiten wird denn auch mit Künstlicher Intelligenz operiert, wie in Justine Emard „Superorganism“.
In ihrer Installation glimmen robotische Glasskulpturen, wenn man sie betritt. Ihr Takt folgt den Verhaltens- und Bewegungsmustern einer Bienenkolonie, die Emard mit Hilfe eines Algorithmus identifiziert und analysiert hat. Tatsächlich wie ein Organismus, der eine kollektive Intelligenz aufweist, verhalten sich die einzelnen Elemente – schon gespenstisch. Fast geisterhaft flimmert derweil die eigentliche Entdeckung der Schau über den Röhrenschirm. Bilder, aufgenommen mit einer handelsüblichen Sony Portpak, der ersten tragbaren Videokamera mit Akku. Eine Revolution damals. Plötzlich konnten sogenannte Closed-Circuit-Installationen entstehen, – mit Bewegtbildern von den Betrachtenden inklusive. Videoperformances kamen auf, Dokumentationen von Aktionen. So fand sich in der zum ZKM gehörenden Sammlung von Videobändern des italienisch-amerikanischen Künstlerpioniers Aldo Tambellini (1930 bis 2020) auch die Aufnahme einer gemeinsamen Performance von Yoko Ono und John Lennon. Bisher eine Legende, jetzt sind die beiden wahrhaftig bei der Beerdigung eines Künstlerfreundes zu sehen. „Silent Piece“ ist ihre Aktion aus dem Jahr 1972 auf dem Friedhof betitelt. John Lennon trommelt auf dem Rücken eines Mannes, der vor ihm sitzt. Yoko Ono sieht man knien, ein Mikrofon in der Hand. Sie bewegt die Lippen. Kein Ton. Sie sagt nichts. Ihre Trauer, schreiend still.
Die Ausstellung
The Story That Never Ends. Die Sammlung des ZKM, bis 20. September 2026; www.zkm.de