Kunst
Die Kunst, die Nazis, die Mädchen: Mannheim erzählt Geschichten über den Expressionismus
Die Pfeife dampft, ein Gemälde wird mehr umarmt als gehalten. Herbert Tannenbaum hat auf Max Beckmanns Extremhochformat eine kleine Tanne in der Hand.
Das berühmte Werk ist 1947 entstanden, kurz vor der Abreise des Galeristen nach New York, wo er nach schweren Zeiten noch einmal neu begann. Ein sprechendes Bild. Tannenbaum war ein Mannheimer Jude, Kriegsteilnehmer, als Händler Avantgarde. 1920 eröffnete er „Das Kunsthaus“ in den Quadraten und wurde zu einer der maßgeblichen Figuren beim Aufbau der Kunsthallen-Sammlung, bevor er 1936 – wie damals leider Usus – seine Galerie verkaufen und vor den Nazis ins Exil nach Amsterdam fliehen musste.
Was davor geschah
Noch vor sechs Monaten hing das Porträt des vifen Manns, dem die Stadt so viel verdankt, in der sehr erfolgreichen Mannheimer Jahrhundertschau über die 1925 von Gustav Friedrich Hartlaub Jahren „erfundene“ Neue Sachlichkeit. Und jetzt ist das ikonische Gemälde, das 2004 für die hauseigene Sammlung erworben wurde, in der Edelinstitution am Wasserturm schon wieder an prominenter Stelle zu sehen. Als Scharnier einer Ausstellung über das, was davor geschah: vor Hartlaubs epochaler Präsentation, die – so hieß der Untertitel – die „Deutsche Malerei nach dem Expressionismus“ bilanzierte.
Am Eck einer diagonalen Wandflucht also hängt Beckmanns wortwörtlich verdoppelter Tannenbaum zwischen den Blockbusterbildern der „Kirchner, Lehmbruck, Nolde“-Epochenschau. In der Kunsthalle war man der Bewegung schon sehr früh verbunden. Jetzt geht es der Ausstellung abseits der Großkaräter darum, „Geschichten des Expressionismus in Mannheim“ zu erzählen.
Bilder, Schicksale, Sally Falk
Von Menschen und Bildern also, dramatischen Schicksalen, zeitgeschichtlichen Verwerfungen. Von dem jüdischen Unternehmer Salomon „Sally“ Falk (1888 bis 1962) aus dem Stadtteil Feudenheim, der über seine Sammelwut und Lehmbruck-Vernarrtheit bankrottging, fliehen musste, aber vorher mit seinen Einsatz dafür sorgte, dass die Kunsthalle zu einem Bildhauermuseum avancierte. Völlig verarmt, zahlte ihm die Stadt nach dem Krieg eine Art Rente. Und nun steht seine Bildnisbüste, von Wilhelm Lehmbruck gestaltet, unter den licht gruppierten Werken der anderen Heldinnen und Helden der expressionistischen Bildhauerei wie Georg Kolbe, Rudolf Belling oder Renée Sintenis.
Postkarten für eine tolle Frau
Großartige Gemälde, exquisite Epoche-typische Holzschnitte, wilde Bilder sind auf hellblau gestrichenen Wänden inszeniert. In einer Vitrine hat das Kuratorenteam Johan Holten, Luisa Heese, Ursula Drahoss und Dorotea Lorenz (Assistenz) bemalte und gezeichnete Postkarten ausgelegt. Grüße von Künstlerfreunden wie Erich Heckel an Rosa Schapire (1874 bis 1954), eine der ersten Frauen, die in Kunstgeschichte promoviert haben – in Heidelberg. Noch so jemand, deren Geschichte in der Ausstellung en passant aufscheint.
Ganz besonders eng war die Sammlerin, Mäzenin. Kunstkritikerin und Autorin, die als passives Mitglied der legendären Künstlergruppe Die Brücke firmierte, demnach mit Karl Schmidt-Rottluff befreundet. Seine durchwirbelte „Landschaft mit früher Sonne“ (1919), auf der der Baum im Zentrum wirkt wie ein bunter Fußball auf Stelzen, hängt an der Wand.
Eine der ovalgesichtigen Jawlensky-Frau ist in dem Raum ausgestellt, Max Pechsteins verdüsterter „Frühen Morgen“, 1911, darauf ein Aktmodell mit rotglühenden Wangen. Die Mannheimer Schau versammelt Expressionismus at it’s best und en suite. Großtaten wie Ernst Ludwig Kirchners zum Zerreißen gespanntes, giftig glühendes Programmbild „Gelbes Engelufer“ sind darunter. 1913 gemalt, der schräge Blick auf Kirchners Bild fällt auf den blauschwarz durchflossenen Berliner Luisenkanal, dort staksen Strichmenschen, die der Wind bewegt. Und noch was, auf der Rückseite hat Kirchner vier Jahre zuvor das typisierte Bild eines „Marokkaners“ hinterlassen, das die Fachwelt wegen seines kolonialen Blicks inzwischen allerdings skeptischer sieht.
Kunst der Herzensfülle
Was die Kunstepoche ausmacht, ist ihre Herzensfülle, der gesteigerte Ausdrucksgehalt, die prangenden Farbenflächen, zertrümmerten Formen, ihre verzerrte Perspektive, gepfiffen ist auf die Harmonie. Oder wie der melancholisch verschattete, spätere Selbstmörder Wilhelm Lehmbruck (1881 bis 1919) an den Schriftsteller Fritz von Unruh schrieb: „Was wir Expressionisten suchen, ist: präzis aus unserem Material den geistigen Gehalt herauszuziehen. Seinen äußersten Ausdruck, und das ist’s gerade, warum man zerquetscht wird, in einer Welt, die so tief im Materialismus steckt.“ Und natürlich dürfen bei diesem kunstgeschichtlichen Fest auch die Werke des norddeutschen Seelenmalers und „Fixsterns“ (Hartlaub) Emil Nolde nicht fehlen. Seine aufgewühlten Wolken, die schneidenden Horizontlinien, die atmosphärischen Bildmeditationen darüber, wie die Natur ihre Kraft entfaltet.
Vor allem Noldes „Vorabend (Marschlandschaft)“ aus dem Jahr 1916 passt dabei ins erzählerische Konzept. Darauf die Sonne, die in einem warmen Gelb untergeht, verhängt von geschwärzten Wolken, ein abstraktes Bild im Prinzip, auf dem Himmel und Erde verschmelzen. 1920 hat es die Kunsthalle direkt vom Künstler gekauft. 1933 hing es in diffamierender Absicht in der dort veranstalteten nationalsozialistischen Propagandaschau „Kulturbolschewistische Bilder“, die direkt nach Gustav Friedrich Hartlaubs schroffer Ablösung veranstaltet wurde. Später gehörte das Bild zu den 570 Werken, die aus dem Museum 1937 bei der Aktion „Entartete Kunst“ beschlagnahmt worden sind. Es ist in der gleichnamigen Münchner Ausstellung angeprangert gewesen. Es wurde veräußert. 1939 kam es über Umwege in das Kunstmuseum Basel. Jetzt endlich hängt es wieder vor Ort – wenn auch nur als Leihgabe. Ein Sinnbild, wie es in dieser Schau zugeht. Hinter beinahe jedem ausgestellten Werk, eine (Zeit-)Geschichte.
Wer „Fränzi“ war
So gehört zu Nolde noch dazu, dass seine Haltung zum Nationalsozialismus so uneindeutig war, dass er nach dem Krieg lieber Däne gewesen sein wollte. Zu Heckels Holzschnitt „Fränzi liegend“ aus dem Jahr 1910 ist unbedingt mit zu bedenken, dass die dargestellte Lina Franziska Fehrmann, die jüngste von zwölf Geschwistern einer Familie aus Dresden, zum Zeitpunkt ihrer Darstellung zehn Jahre alt war.
Heckel, von dem Kirchner einmal schrieb, er habe ein 16-jähriges Mädchen „abgevögelt“, nannte „ein spezielles Ereignis aus dem Jahr 1909“. Das heißt, ob „diese asymmetrische Machtstruktur“ tatsächlich nur „retrospektiv Fragen“ aufwirft, wie im Katalog steht, ist selbst fraglich. Dagegen ist die „Story“ um Gabriele Münters „Gebirgslandschaft“ aus dem Jahr 1910 eindeutig erfreulich. Denn das zu Herzen gehend anheimelnde Gemälde schließt eine Lücke.
Die Münter und ein Mäzen
Die Kunsthalle hat kein einziges Werk der lange unterschätzten Blauen Reiterin. Dafür gehört die Gebirgslandschaft einem wichtigen Mannheimer Mäzen, dessen Besitz die Expressionistenschau auf temporärer Leihbasis sinnfällig ergänzt. Kann sein, dass sie irgendwann überwechselt.
Manfred Fuchs jedenfalls, der seine Künstlerkarriere aufgab, um ein erfolgreicher Unternehmer zu werden, hat es gekauft, nachdem er Anfang der 1960er-Jahre im Heidelberger Kunstverein eine Münter-Schau gesehen hatte. Voller Begeisterung. Das Bild, das sich bis zu ihrem Tod im Besitz der Künstlerin befand, ist seither Teil der bedeutenden, immer weiter erweiterten Expressionismus-Sammlung Fuchs-Werle. Sie geht zurück auf Hans Werle, den Vater von Lilo, der Frau von Manfred Fuchs.
„Mein größer Wunsch, ein Nolde“
Werle kam 1948 während der Währungsreform mit dem Im- und Export von Weizen und Mehl zu Geld. Bald florierte sein Unternehmen so, dass er in Kunst investieren konnte. Werke von Adolph von Menzel, Hans Thoma oder Max Liebermann zunächst. Dem Expressionismus gegenüber blieb er anfangs skeptisch. Eine Haltung, die ihn mit dem großen Gustav Friedrich Hartlaub verband. Der hat die Kunstrichtung noch 1912 als „Donquijoterie“ abgetan. Ein Jahr später kaufte er Heckels um 1913/14 herum entstandene „Gewitterlandschaft“ an. Derweil begann Hans Werle unter dem Einfluss eines Mannheimer Kunsthändlers seine Meinung zu ändern. Dass er seine Kunstauffassung über die moderne Kunst, insbesondere den Expressionismus, nicht habe teilen können, schrieb Werle 1961 in einem Brief an Rudolf Probst. Und weiter: „Heute muss ich ihnen reumütig Recht geben (…) Mein größter Wunsch wäre, ein schönes Ölgemälde von Nolde zu kaufen.“ Der Galerist Probst, so viel noch am Rand, war übrigens der, der 1937 Herbert Tannenbaums Kunsthaus übernommen und in dessen Sinn weitergeführt hatte. So schließen sich die Kreise in dieser tollen Schau.
Die Ausstellung
„Kirchner, Lehmbruck, Nolde. Geschichten des Expressionismus in Mannheim“, bis 11. Januar 2026. Begleitet wird die Schau von einem umfangreichen Rahmenprogramm unter anderem im Cinema Quadrat und der Jüdischen Gemeinde in Mannheim, in dem die Geschichten des Expressionismus in Mannheim beleuchtet werden. Zur Ausstellung erscheint eine zweisprachige Publikation im Deutschen Kunstverlag.