Alltag
Die Gegenwart geht auf die Ohren: Zum Weltgeschichtentag
Heute ist Weltgeschichtentag. Außerdem der Tag der Bibliomanie, der Tag des Sperlings und der Ravioli. Nun, im menschheitsgeschichtlichen Zusammenhang dürften nicht alle diese Gedenktage die gleiche Wucht entfalten. Ein Leben ohne Geschichten jedenfalls ist, sagen wir es so: sinnlos. Von Anfang an war das so. Es gab das Wort, daraus wurden Geschichten. Und jetzt sind wir da, um sie zu erzählen. Interessant ist, wie wir dabei retardieren. Je fortschrittlicher die Produktionsmittel werden, desto mehr gleichen wir uns einer Vorzeit an. Den Neandertalern, oder sagen wir es freundlicher: den alten Griechen. Den Beduinen. Den Minnesängern des Mittelalters, oft Analphabeten mit gutem Gedächtnis.
Im 18. Jahrhunderts forderte der Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock, die Großbuchstaben abzuschaffen, weil: Sie seien ohnehin nur zu sehen und nicht auszusprechen. Goethe, der selbstergriffen von seinem eigenen Vortrag, regelmäßig in Tränen ausbrach, meinte: „Poesie ist nicht fürs Auge gemacht.“ Prosaischer sagt es die Wissenschaft: Lesen = schwierig fürs Gehirn. Komplex, das mit den Buchstaben.
Siri und so
Ist es da verwunderlich, wenn – bei all den Möglichkeiten – die Mündlichkeit regiert? Das Orale? Es ist auf dem Weg, wieder das bestimmende Element unserer Kultur zu werden. Die Fähigkeit, zu lesen, so richtig mit Sinn und Verstand, nimmt ab. Vom Schreiben zu schweigen, was jede/jeder selbst weiß. Genaugenommen bräuchten wir beides jetzt schon fast nicht mehr. Man muss sich nur umhören.
Statt getippt, werden Nachrichten ins Smartphone gesprochen, oder sprechende Emojis verschickt, die einem selbst nachgebildet sind. Google-Anfragen erledigt Siri. Der neueste Schrei (sic!) unter den sozialen Medien ist die App Clubhouse, bei der es sich um ein Sprechformat handelt. Statt eines Faltplans geleitet einem die Stimme durch die Gegend. Statt eine Mail zu schreiben, wird über WhatsApp telefoniert. Politisch soll jetzt immer öfter denen oder jenen „eine Stimme gegeben“ werden statt sie zu repräsentieren. Und die Ansprachen des Bundespräsidenten gipfeln in der Aufforderung: „Lass uns reden“.
Konsequenz Trump
Welche schlimmen Konsequenzen diese Überrepräsentanz des Gesprochenen politisch haben kann, ließ sich derweil in den USA verfolgen. An Donald Trump, dem (Gott sei Dank) Ex-Präsidenten, der vor allem mündlich funktionierte, im Prinzip auch, wenn er twitterte. Kaum vorstellbar, dass Trump mit etwas Ausformulierten hätte reüssieren können. No way. Dafür beherrschte er die nochmalige Komplexitätsreduktion des von ihm Gesagten furios. Durch Dauerwiederholung von Kernbegriffen und die Parolen-hafte Zuspitzung seiner Lügen. Womit wir wieder beim Geschichtenerzählen angelangt wären.
Dessen Modi haben sich in den vergangenen Jahren verändert. Lesungen boomen immer noch, bei denen Autorinnen und Autorinnen ihren Text mit ihrer eigenen Stimme beglaubigen. Was und wie erzählt wird, hat sich verändert. Hin zum vermeintlich Authentischen à la Knausgard, die Erfolgsgattung Memoir in seinem Windschatten.
Noch nicht lange her, hieß es, Filmserien wie die auf Netflix seien so etwas wie der neue Roman. Neuer ist das – lediglich hörbare – Erzählformat Podcast. Oft sind die Geschichten dabei dialogisch aufgelöst. Auch die Literatur kommt jetzt wie bei Christian Krachts neuem Erfolgsroman „Eurotrash“ daher – phasenweise zumindest –, als sei sie eingesprochen. Es ist, als erzähle einem ein Freund von seiner metaphysischen Reise mit der Mutter. Und? Geht gut. Trotz seiner düsteren Abgründe ist „Eurotrash“ das richtige Buch zum Weltglückstag. Der ist nämlich heute auch. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.