Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel „Die Freiheit einer Frau: Monique bricht aus“ am Nationaltheater

„Die Freiheit einer Frau: Monique bricht aus“ erzählt das Leben der Französin Monique Bellegueule.
»Die Freiheit einer Frau: Monique bricht aus« erzählt das Leben der Französin Monique Bellegueule.

Édouard Louis ist der Christian Baron Frankreichs: ein Autor, der die Armutserfahrungen seiner Kindheit in Literatur gießt. Das Nationaltheater bringt sie auf die Bühne.

Der Vergleich mit Christian Baron, der am Mittwoch dieser Woche in seiner pfälzischen Heimat weilen und dem Publikum im Neustadter Casimirianum seinen aktuellen Roman „Drei Schwestern“ vorstellen wird: Er ist keineswegs weit hergeholt. Im Herbst 2023 haben Christian Baron und Édouard Louis die Vorlesungen der Tübinger Poetik-Dozentur gehalten und anschließend das gemeinsame Buch „Um sein Leben schreiben – Texte zu Herkunft und Zukunft“ veröffentlicht. Der in Berlin lebende Pfälzer Baron, 40, und der in Paris lebende Nordfranzose Louis, 33, haben als Kinder sehr ähnliche Erfahrungen gemacht: Sie haben Armut und Ausgrenzung erlebt, trinkende und prügelnde Väter, in Kaiserslautern wie in Hallencourt.

Dort, in einem kleinen Ort in der Picardie, ist Édouard Louis als Eddy Bellegueule aufgewachsen. In seinem autofiktionalen Debütroman („En finir avec Eddy Bellegueule“, deutsch: „Das Ende von Eddy“), den er 2014 im Alter von 21 Jahren veröffentlichte, schildert er seine Kindheit und Jugend, die, von der Armut seiner Familie abgesehen, stark von Homophobie geprägt war, die der schwule Junge im Dorf massiv erlebte. Die Diskriminierung hörte erst auf, als er nach Amiens und später nach Paris zog – und als aus Eddy Édouard wurde. Dem Bestseller „Das Ende von Eddy“ folgten viele weitere Bücher, unter anderem 2021 „Combats et métamorphoses d’une femme“ („Die Freiheit einer Frau“) und 2024 „Monique s’évade“ („Monique bricht aus“). Beide zusammen hat Regisseur Jan Friedrich am Mannheimer Nationaltheater zu dem sehr besonderen Abend „Die Freiheit einer Frau: Monique bricht aus“) verwoben.

Erniedrigt, beleidigt, geschlagen

Im Alten Kino Franklin, dem Schauspieldomizil, steht eine Bühne auf der Bühne. Auf ihr wird in Rückblenden das Leben von Monique Bellegueule erzählt. Wir sehen sie zuerst auf einer Fotografie als junge Frau, dichter schwarzer Pony, melancholischer Blick, nicht ohne Zuversicht. In den folgenden 80 Minuten lernen wir sie und ihr Leben näher kennen: Mit 16 musste sie die Schule abbrechen, weil sie schwanger war, mit 23 hatte sie schon zwei Kinder und keine Ausbildung, Beziehungen scheiterten, immer wieder wurde Monique Opfer häuslicher Gewalt. Wir erfahren von brutalen Erniedrigungen durch Männer, hören wüste Beleidigungen, Schreien, Schläge. Und wir erfahren, welche Kraft es sie gekostet hat, sich aus diesem Elend zu befreien und ein selbstbestimmtes Leben zu leben.

Eine Mutter und fünf Söhne

Die uns diese Geschichte erzählen, sind fünf männliche Schauspieler. Rocco Brück, Eddie Irle, Barış Özbük, Paul Simon, Sandro Šutalo – sie alle sind Édouard und sie sind, wenn sie sich Perücken aufgesetzt haben, auch die Mutter, mit der sie am Handy telefonieren und mit der sie permanent um das richtige Maß an Nähe oder Distanz ringen. Manchmal sind sie auch die Männer in ihrem Leben. Édouard Louis’ erzählt aber nicht nur eine einzelne private Biografie. Seine autofiktionalen Texte sind – ganz in der Tradition seiner Landsfrau, der Literatur-Nobelpreisträgerin Annie Ernaux und, ja, auch ähnlich wie bei Christian Baron – immer auch klassismuskritisch und fragen nach den gesellschaftlichen Ursachen von Armut und Gewalt. Wir selbst, die wir uns das Elend anschauen, werden auch angesprochen: die „privilegierten Theatergänger“. Die Gebildeten, die sich brennend für das Dasein im Prekariat interessieren.

Und es ist auch Theater über das Theater. Im Deutschen Schauspielhaus Hamburg war 2022 die deutschsprachige Erstaufführung von „Die Freiheit einer Frau“, an Falk Richters damalige Arbeit erinnert Schauspieler Eddie Irle mit markanter Regisseursbrille. Fotos auf der Leinwand zeigen eine glückliche Monique Bellegueule beim Schlussapplaus auf der Bühne. Zur Premiere in Mannheim ist sie nicht gekommen. Aber der Applaus: Der war auch hier laut und lang.

Termine

Weitere Vorstellungen sind am 27. Februar, 14. und 27. März.

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