Jubiläumskalender RHEINPFALZ Plus Artikel Die ewigen Zweiten: „Last Christmas“ von Wham!

Erfolgsduo (von links): George Michael und Andrew Ridgeley von Wham.
Erfolgsduo (von links): George Michael und Andrew Ridgeley von Wham.

Kalender: Alle Jahre wieder landet der Hit „Last Christmas“ von Wham! in der Vorweihnachtszeit auf Platz zwei der deutschen Hitparade. Diesmal war es sogar früher als je zuvor so weit. Das fluffige Lied als Seelenwärmer in der Corona-Zeit. Im Veröffentlichungsjahr 1984 dauert es in den britischen Hitlisten bis 15. Dezember.

Zum Aufwärmen erst mal ein paar „alternative Fakten“: Falls Ihnen in diesen Tagen jemand unterjubeln will, „Last Christmas“ sei am 15. Dezember 1984 erschienen – vergessen Sie’s! Diese Falschinformation geistert seit Jahren durchs Internet – mutmaßlich, weil eine große deutsche Nachrichtenagentur einmal zwei Daten verwechselte, ihren Fehler trotzdem unverdrossen weiter verbreitet und die meisten Medien ihn einfach ungeprüft übernehmen.

Ein Duo startet durch

Tatsächlich aber wäre dieser 15. Dezember vor 36 Jahren viel zu spät gewesen, um eine Erfolg versprechende Weihnachtssingle auf den Markt zu bringen. Immerhin war es stets das erklärte Ziel dieser ganz besonderen Art von Veröffentlichung, an Heiligabend die Hitparaden anzuführen. Weil es noch kein Internet und folglich keine Downloads gab, beruhten die Ranglisten auf Verkäufen in den Plattenläden. Um diese zu ermitteln, brauchten die damit beauftragten Konsumforscher aber etwas zeitlichen Vorlauf, sodass es mit einer am 15. Dezember veröffentlichten Single zu knapp für Weihnachten geworden wäre. In Wahrheit erschien „Last Christmas“ in Großbritannien daher schon Ende November/Anfang Dezember – und stieg am 15. Dezember auf Platz zwei in die BBC-Charts ein.

Als Pop-Duo unter dem Namen Wham! waren George Michael und Andrew Ridgeley 1984 richtig durchgestartet. Die Hits „Wake Me Up Before You Go-Go“ und „Freedom“ hatten sie als eine der beliebtesten Gruppen beim jungen Publikum etabliert. Darüber hinaus hatte Michael, damals wie sein Duopartner 21 Jahre alt, die Gunst der Stunde genutzt und im Spätsommer mit „Careless Whisper“ diesen Erfolg als Solist noch übertroffen.

Eigentlich ein Oster-Lied?

Kein Wunder, dass die Plattenfirma der beiden jungen Engländer zu einem stimmungsvollen Song mit Weihnachtsglöckchen und viel Zuckerguss drängte, um auch im prestigeträchtigen Geschäft rund um die Feiertage die Nase vorn zu haben. Gerüchten zufolge zog George Michael daraufhin ein schon fertiges Stück namens „Last Easter“ aus der Schublade und änderte kurzerhand den Festtag von Ostern zu Weihnachten. Dass es darin eigentlich um eine unglückliche Liebesgeschichte geht, soll niemanden sonderlich gestört haben. Allerdings bestätigten weder Michael bis zu seinem Tod vor vier Jahren noch die Plattenfirma diese Geschichte jemals offiziell.

Unstrittig ist dagegen, dass Ende Oktober 1984 George Michael, Andrew Ridgeley und ein Filmteam im Fünf-Sterne-Hotel „Walliserhof“ des schweizerischen Wintersport-Ortes Saas-Fee eincheckten, um das Musikvideo zu „Last Christmas“ zu drehen. In den Jahrzehnten danach wussten wackere Eidgenossen, neugierigen Touristen nicht nur Geschichten von Michaels „süßlich riechenden“ Zigaretten zu erzählen. Auch dass die beiden Stars ausdrücklich auf möglichst weit auseinander liegenden Suiten bestanden haben sollen, war da zu erfahren. Ridgeley soll wegen Michaels Solo-Ambitionen reichlich angesäuert gewesen sein.

Jeeps statt Stretch-Limousine

Insofern passt es durchaus ins Bild, dass die zwei Briten im Video zum Hit Rivalen um die Gunst einer Frau darstellten. Auf den Schweizer Ort war ihre Wahl wegen seiner Schneesicherheit schon zu dieser frühen Jahreszeit gefallen. Denn die war für das Konzept des Videos – Liebeswirren und schmachtende Blicke schicker junger Leute in verschneiter Berghütte – nun mal unverzichtbar.

In einem anderen Punkt machten die eigenwilligen Schweizer der Produktion allerdings einen Strich durch die Rechnung: Eigentlich wollte der Regisseur seine Stars zu Beginn des Clips mit einer Stretch-Limousine zu einer Seilbahnstation fahren lassen. Doch die Eidgenossen schüttelten streng die Köpfe, denn Saas-Fee ist autofrei. Nach einigem Hin und Her gab’s immerhin eine Sondergenehmigung für zwei Jeeps.

Niederlage gegen Band Aid

Obwohl die durch das Musikvideo unterstützte Single sich allein in Großbritannien im ersten Jahr 1,6 Millionen Mal verkaufte, schaffte es „Last Christmas“ nie auf Platz eins der britischen Hitparade. Die Spitzenposition ging 1984 an Bob Geldofs starbesetztes Afrika-Hilfsprojekt Band Aid mit „Do They Know It’s Christmas“, an dem Wham! immerhin auch beteiligt waren.

Dem guten Zweck sprach das Duo schließlich alle Einnahmen durch „Last Christmas“ im ersten Jahr nach dessen Veröffentlichung zu. Hintergrund dieser Geste war eine außergerichtliche Einigung mit dem US-amerikanischen Sänger Barry Manilow. Dieser hatte eine zu große Ähnlichkeit zwischen dem Weihnachtssong und seinem eigenen Lied „Can’t Smile Without You“ beanstandet.

Mariah vorn

In Deutschland, wo „Last Christmas“ seit 1996 jedes Jahr aufs Neue in den Radios und dann auch den Hitparaden auftaucht, ging das Lied Anfang Dezember ebenfalls wieder auf Rang zwei. Wie schon in den Vorjahren führte an Mariah Careys „All I Want For Christmas Is You“ erneut kein Weg vorbei. Aber dass George Michaels Lied sich einem anderen Weihnachtsstück geschlagen geben musste, war ja schon bei seinem ersten Chart-Eintritt vor 36 Jahren nicht anders.

Kalender

DIE RHEINPFALZ feiert 2020 ihren 75. Geburtstag. In unserem Jubiläumskalender erinnern wir an ein besonderes Ereignis oder eine ungewöhnliche Geschichte aus den vergangenen 75 Jahren.
Kulisse: Im schweizerischen Wintersport-Ort Saas-Fee entstand das Musikvideo zu „Last Christmas“.
Kulisse: Im schweizerischen Wintersport-Ort Saas-Fee entstand das Musikvideo zu »Last Christmas«.
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