Pfalztheater Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel „Die Ärztin“: Applaus für Premiere des „Moral-Thrillers“

Ärztin im Zwielicht: Hannelore Bähr spielt eindringlich die Titelrolle in „Die Ärztin“.
Ärztin im Zwielicht: Hannelore Bähr spielt eindringlich die Titelrolle in »Die Ärztin«.

Heftigen Applaus gab es im Pfalztheater Kaiserslautern fürs Schauspiel „Die Ärztin“ von Robert Icke. Regisseur Maik Priebe hat daraus einen „Moral-Thriller“ gemacht.

„Die Ärztin“ ist ein Ensemble- und brillant durchkomponiertes Dialogstück (Übersetzung: Christina Schlögl), das Regisseur Maik Priebe in einem selbst entworfenen, klar strukturierten Bühnenbild mit schier schmerzlicher Zwangsläufigkeit absurren lässt.

Eine Krankenhausärztin verweigert einem katholischen Pfarrer den Zutritt zum Zimmer eines sterbenden Teenagers – und stößt damit einen erbitterten Diskurs an, der um ethische Fragen ebenso kreist wie um Rollen- und Geschlechterdenken, Machtverhältnisse, Minderheiten, persönliche und gesellschaftliche Denkmuster sowie jenes zeitgenössische Phänomen unserer Kommunikation, das wir Shitstorm nennen.

Im Geiste Schnitzlers

In etwa ist das auch die Geschichte des 1912 uraufgeführten „Professors Bernhardi“ von Arthur Schnitzler; der Londoner „Guardian“ sprach 2019 von einer „genialen Fortschreibung“ durch Paul Icke. Pfalztheater-Dramaturg Victor Pohl verweist im Programmheft zudem auf Parallelen zur 400-Seiten-Schwarte „Der menschliche Makel“ des beredsam permanenten Identitäts-Suchers Philip Roth.

Ringen um das „richtige“ Handeln (von links): Siir Eloglu, Hans Ehlers, Hannelore Bähr und Josephine Raschke in der Pfalztheater
Ringen um das »richtige« Handeln (von links): Siir Eloglu, Hans Ehlers, Hannelore Bähr und Josephine Raschke in der Pfalztheater-Inszenierung von »Die Ärztin«.

Der 1986 geborene Icke hat sich durch Bearbeitungen klassischer Vorlagen von Sophokles über Shakespeare und Schiller bis Tschechow bekannt gemacht. Jetzt ist Schnitzler an der Reihe, selbst praktizierender Arzt im Wien des Fin de siécle, der so gnadenlos wie zeitlos unser aller Lebenslügen und (Charakter-) Schwächen, Selbstgefälligkeit, die modrig faulende Gesellschaft der ungeschriebenen Vorgaben und Verbote, der Tabus und überkommenen Ehrbegriffe sezierte.

Sozio- und Seelen-Schmodder

Die titelgebende „Ärztin“ ist Jüdin ohne Glaubensbindung, außerdem Witwe eines selbstmörderischen Demenz-Patienten sowie Gründerin jener Klinik, an der sie jetzt mit antisemitischen, rassistischen, chauvinistischen, andeutungsweise auch sexistischen Tendenzen konfrontiert ist. Der abgewiesene Geistliche ist ein Schwarzer. Die 14-jährige Patientien stirbt an den Folgen eines selbst vorgenommenen Schwangerschaftsabbruchs.

Es ist also starker Tobak zu erwarten, wenn all der Seelen- und Sozio-Schmodder in zweieinhalb Stunden abgehandelt, zumindest aber angetippt werden soll. Die Fülle der Topoi könnte womöglich noch unübersichtlicher erscheinen, weil Ickes Text nicht nur Frauen in Männerrollen vorsieht, sondern auch die Hautfarbe der Figuren und ihrer Darsteller vertauscht. Diese Klippen umschifft Priebe entschlossen bis mühelos.

Stringente Darstellerführung

In München ist „Die Ärztin“ zurzeit in einer allseits gelobten Inszenierung zu sehen, in der die fernsehbekannte Pfälzerin Lisa Wagner die Titelrolle spielt. Den Leinwand- und Bildschirmruhm nach Kaiserslautern bringt die in Istanbul geborene Berlinerin Siir Eloglu. Sie spielt eine Nebenrolle im soeben bei der Berlinale prämierten Drama „Gelbe Briefe“. Auf der Lauterer Bühne ist sie die Gegenspielerin der von Hannelore Bähr verkörperten Hauptfigur.

Verständige Aussprache: Henning Kohne und Hannelore Bähr.
Verständige Aussprache: Henning Kohne und Hannelore Bähr.

Obwohl „Die Ärztin“ vom gesamten, stringent geführten und bestens agierenden Ensemble getragen wird, gerät die Inszenierung des Pfalztheater-Debütanten Priebe zum Triumph der beiden Hauptdarstellerinnen. Hannelore Bähr spielt deutlich weniger körper- und stimmbetont als sonst, nimmt sich gänzlich zurück und gibt ihrer Darstellung umso mehr Eindringlichkeit.

Einfühlsam und sensibel

Siir Eloglu ist einfühlsam und sensibel als vorgeblich rationaler Widersacher im weißen Kittel. Ihn/sie umweht jene emotionslose Professionalität, die bei Polit-Verlautbarungen in den täglichen Fernsehnachrichten „unaufgeregt“ wirken soll und in Wahrheit tödlich giftige Eiseskälte abstrahlt.

Henning Kohne gibt den zürnenden Gottesmann mit Inbrunst und einem gerüttelt Maß an Komik. Tatsächlich blitzt der schwarze Humor des britischen Autors zuweilen unmerklich, aber treffsicher auf. Die abschließende Aussprache zwischen Bähr und Kohne – eine unerwartet verständig-verständnisvolle Annäherung – gerät zur ergreifenden Perle verhalten echter Schauspielkunst. Glaubwürdig und punktgenau wie stets sind Aglaja Stadelmann, Josephine Raschke und Rainer Furch.

Zum elfköpfien Ensemble gehört auch Marisa Lacatena.
Zum elfköpfien Ensemble gehört auch Marisa Lacatena.

Der Beifall für die elfköpfige Darstellerriege war beträchtlich. Das ist verdient, ebenso die Begeisterung für die Inszenierung. „Die Ärztin“ hat alles, was einen guten Theaterabend ausmacht, sofern wir Zuschauenden nicht ausschließlich unreflektiertes Amüsement erwarten. Das Rezept kann daher nur lauten: ansehen!

Termine

Nächste Vorstellungen am 12. und 27. März sowie 2. April, jeweils 20 Uhr, im Pfalztheater Kaiserslautern.
Karten unter Telefon 0631 3675-209.
Infos im Internet: www.pfalztheater.de

x