Saarbrücken
Der Saarbrücker „Ring“ ist geschmiedet: „Götterdämmerung“ am Staatstheater
Zu den ersten Akkorden wird eine Laborszenerie sichtbar, die drei Nornen, altgermanische Schicksalsgöttinnen, durch Natur und Technik mit dem Weltwissen verbunden, tauschen sich über den Zustand der Welt aus. Hinter ihnen laufen Programme ab, die das bisherige Geschehen visuell rekapitulieren. Die große Auseinandersetzung zwischen dem Göttervater Wotan und Alberich (Werner van Mechelen) um die Weltherrschaft verlagert sich auf die Menschenwelt, ihre Stellvertreter sind Wotans Enkel Siegfried (Tilmann Unger) und Alberichs Sohn Hagen (Markus Jaursch), den dieser in seinen Nibelheim Laboratories geschaffen hat und der mit seinen Halbgeschwistern Gunther (Benedict Nelson) und Gutrune (Susanne Serfling) die Gibichungenwelt beherrscht. Die Verbindung der Nornen bricht ab, sie haben keinen Einfluss mehr auf das weitere Geschehen.
Im nächsten Bild verabschiedet sich Siegfried von der ehemaligen Walküre Brünnhilde (Aile Asszonyi) und gibt ihr Alberichs Ring als Liebespfand, um zu neuen Abenteuern in die Welt zu ziehen. Er wird dabei auf Hagen treffen, Brünnhilde dagegen erhält Besuch von ihrer Walkürenschwester Waltraute (Judith Braun). Oder ist es eine Vision? Die von fiebriger Hektik geschüttelte düstere Walkürenwelt bricht sich musikalisch Bahn, als Waltraute Brünnhilde beschwört, zur Rettung Wotans und der ganzen Welt den Rheintöchtern den Ring zurückzugeben und damit die Natur zu versöhnen. Doch Brünnhilde hält an Siegfrieds Liebespfand fest und die verzweifelte Waltraute geht ab, mit ihr versinkt zugleich Wotans alte Welt.
Denn die von ihm entwickelte Superintelligenz emanzipiert sich immer mehr, sie startet in neuen Programmen und will so die Fremdbestimmung abstreifen, auch wenn Siegfried und Brünnhilde den Preis für diese – vermeintliche? – Freiheit letztlich mit ihrem Leben bezahlen. Denn ein freier Wille ist auch in der modernen Welt nicht möglich.
So wirkt Siegfried bei seinem Eintreffen am Hof der Gibichungen nicht als selbstbewusster strahlender Held, sondern irgendwie verstört. Diese Desorientierung macht sich Hagen sofort zunutze, der sich ebenfalls von seinem Schöpfer Alberich loslöst. Er manipuliert Siegfried, so dass er Brünnhilde vergisst und sich in Gunthers Schwester Gutrune verliebt. Auch die beiden Gibichungen hat Hagen fest im Griff. Er kann Siegfried so weit umprogrammieren, dass er mit Hilfe des Tarnhelms Brünnhilde bezwingt und sie Gunther als Braut zuführt, sein Preis ist Gutrune.
Doch bei diesem Kampf hat er ihr den Ring entwendet und trägt ihn nun selbst. Brünnhilde erkennt ihn und fordert eine Erklärung. Die bleibt Siegfried schuldig, da er durch Hagens Hacken nicht mehr auf sein altes Programm zugreifen kann. Brünnhilde dagegen erkennt den Betrug und fordert als Rache Siegfrieds Tod. Die Weichen sind gestellt, die Tragödie nimmt ihren Lauf.
Hagen aktiviert das Jagdprogramm: Die Rheintöchter tauschen sich über ihre weiteren Pläne aus. Sie versuchen zunächst, Siegfried zur Rückgabe des Rings zu bewegen. Als er sie zurückweist, beschließen sie, sich an Brünnhilde zu wenden. Siegfried schwankt dabei zwischen überheblicher Hybris und zunehmender Verunsicherung, vor allem, als er in einem künstlich wirkenden Wald sich selbst und einen Waldvogel beobachtet. Auf Hagens Aufforderung erzählt er aus seinem Leben, dabei kehrt seine Erinnerung zurück – und Hagen tötet ihn, wegen seines Meineides, wie er behauptet.
Siegfrieds Programm stürzt ab, die Bühne dreht sich, das Programm Brünnhilde 4.0 übernimmt. Hagen schüchtert Gutrune und den immer unsicherer werdenden Gunther ein und fordert in einem tödlichen Kampf den Ring; Brünnhilde jedoch tritt ihm entgegen. In einem bezwingenden Auftritt reflektiert Aile Asszonyi die ganze Kosmogonie und überantwortet sie einem Countdown, nur sie entschwebt in die Höhe.
Die Produktion überzeugt auch musikalisch
Musikalisch ist diese „Götterdämmerung“ ebenso faszinierend wie szenisch. Generalmusikdirektor Sébastien Rouland bringt mit dem souverän aufspielenden Saarländischen Staatsorchester alle Farben der Musik in einem nie abreißenden Fluss zum Leuchten, in transparenter Klarheit treten die motivischen Verflechtungen hervor. Auch die machtvollen Szenen hält er in der Balance. Die Darsteller singen und spielen mitreißend, allen voran Aile Asszonyi, die als hochdramatische Brünnhilde mit ihrem warmen, in der Höhe kraftvoll leuchtenden Sopran über sich hinauswächst. Tilmann Ungers baritonal gefärbter Tenor gestaltet seine Rolle sehr differenziert, Markus Jaursch verkörpert mit schwarzem Bass einen machtvoll-boshaften Hagen. Werner van Mechelen dagegen betont das schemenhafte Wesen Alberichs, der seine Macht verliert und daher immer frustrierter wird. Benedict Nelson verleiht dem gebrochen aufbegehrenden Gunther Menschlichkeit.
Termine
17., 31. Mai, 13. Juni.