Kultur «Der Ruf der rosa Delfine» - Sy Montgomery taucht ab

«Der Ruf der rosa Delfine»
»Der Ruf der rosa Delfine« der amerikanischen Autorin Sy Montgomery.

Nach dem Kraken der Delfin: Die amerikanische Schriftstellerin Sy Montgomery, die vor drei Jahren ihr «Rendezvous mit einem Octopus» hatte, folgt nun dem «Ruf der rosa Delfine».

Hamburg (dpa) - So zauberhaft der Titel, so wunderbar das Buch: «Der Ruf der rosa Delfine» ist kein neues Werk der Naturforscherin Sy Montgomery, aber aktueller und wichtiger denn je.

Als die 1958 in Frankfurt am Main geborene und seit ihrer Kindheit in den USA lebende Autorin vor 20 Jahren ihre Erlebnisse mit den Amazonas-Säugern niederschrieb, musste sie schon damals mit Bestürzung die allmähliche Vernichtung eines einzigartigen Lebensraums für Mensch, Tier und Flora zur Kenntnis nehmen. Nunmehr befürchtet sie eine von Egoismus, Machtgier und Agrobusiness verursachte Katastrophe: das unwiederbringliche Ende des südamerikanischen Regenwaldes und seiner Bewohner.

Nicht nur deshalb ist es ein Muss für jeden Leser, Montgomerys der Lektüre vorangestellte «Bestandsaufnahme zwanzig Jahre nach der Erstveröffentlichung» zu studieren, die sie im April dieses Jahres verfasste und sogar zu einem aktuellen Schwenk zur Corona-Pandemie und zur umweltverachtenden Politik des brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro veranlasste. Die preisgekrönte Autorin - in Deutschland vor allem durch ihr Buch «Rendezvous mit einem Octopus» (2017) populär geworden - lässt neben wissenschaftlichen Daten und Analysen auch Beweggründe und Erfahrungen, Sagen und Legenden, aber auch Gefühle und Träume in ihr Vorwort einfließen, was der Lesbarkeit des sachlichen Inhalts gut tut.

Diese Wahrnehmungen und Empfindungen sind es, die Montgomery für die Expedition ins Reich der rosa Delfine befähigen, denn - so wird sich zeigen - reagieren diese sensorisch so befähigten Tiere nur auf Menschen, die sich ihnen mit allen Sinnen öffnen. Als sie das erste Mal von Süßwasser-Delfinen mit dieser seltsamen Färbung hört, ist sie sogleich bezaubert. Schon als sehr naturverbundenes und fantasiebegabtes Kind träumt sie vom Amazonas, dem Dschungel und seinen exotischen Bewohnern. Nun also auch rosafarbene Säuger, die den Amazonas bevölkern. Die muss, will sie unbedingt kennenlernen, ihnen folgen, ihre Lebensweise studieren.

Vier Reisen unternimmt Montgomery an den Amazonas, folgt den Botos, wie die rosa Delfine genannt werden, teils in Brasilien, teils in Peru. Sie schwimmt und kommuniziert mit ihnen - auf eine besondere Art, der Echo-Ortung: Delfine «sehen» mit Tönen. Sie lässt sich mit einem Bläschen-Bad begrüßen und ist schlichtweg hingerissen von der Schönheit, der Intelligenz und der Magie der Tiere, die bei Hochwasser durch Bäume schwimmen und durch die Luft wirbeln, aber auch nicht ganz ungefährlich sein können. Und sie taucht mit ihnen ab in die Unterwasserwelt Encante - das allerdings nur im Traum und in der Fantasie: Einheimische - Indigene, Portugiesen und Zugereiste anderer Nationalitäten - erzählen ihr Legenden und sinnliche Geschichten vom unterirdischen Zauberreich, von Delfinen als Fabelwesen und deren enge Verbindung mit den Menschen.

So märchenhaft diese Erfahrungen auch sind, die Reisen mit allem Drum und Dran sind es nicht unbedingt. So lässt sich Montgomery von Ameisen beißen und von Moskitos stechen, sie teilt ihr Bett mit Spinnen und Ratten, sie macht Bekanntschaft mit giftigen Fröschen und Schlangen, wird von Regen und Hochwasser durchweicht, bekommt vom Rauch illegaler Feuer Atemnot, schluckt mit Quecksilber verseuchtes Wasser und muss auch Enttäuschungen bei ihren Forschungen einstecken, denn längst nicht alles läuft so, wie sie sich das vorstellt. Aber was bleibt, sind die unglaublichen, ganz persönlichen Erfahrungen mit den Botos. Und so ist dieses Sachbuch auch eine Liebesgeschichte, wie sie selbst schreibt.

Wie im «Octopus» wird Montgomery auch in diesem Opus nicht bei der einen, Titel gebenden Spezies bleiben. So erfährt der Leser eine Menge über andere Tierarten wie Schildkröten, Kaimane oder Affen, über sinnvolle und -lose Projekte, über Bau- und andere staatlich geförderte Sünden, über die Lebensweise und den Überlebenskampf der wenigen verbliebenen indigenen Völker am Amazonas und den verzweifelten Kampf von Ureinwohnern, Naturfreunden und Wissenschaftlern, den einzigartigen Lebensraum samt menschlichen und tierischen Bewohnern vor dem Untergang zu retten.

Und trotz aller Bedrohung kann man sich dem Zauber und der Verführungskunst der rosa Delfine nicht entziehen. Um das widersprüchliche Bild mit den Worten der Autorin zu zeichnen: «Über der Szene liegt die immer neue Verheißung einer vollkommenen Welt. (...) Doch im Westen lodert das Feuer und rötet den Horizont.»

- Sy Montgomery: Der Ruf der rosa Delfine, Eden Books Verlag, Hamburg, 272 Seiten, 24,00 Euro, ISBN 978-3-3959-10294-0.

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