Mythos Alltag
Der Rest ist Lesen: Wie ein kleiner E-Reader den Alltag verändert
Ich liebe bedrucktes Papier. Aber so gerne ich in toten Bäumen blättere: Ich habe nicht immer ein Buch griffbereit, etwa wenn die Straßenbahn kurzfristig Verspätung hat oder Freunde sich zu einer Verabredung verspäten. Abhilfe schafft ein neuer E-Reader aus China.
Ich habe schon länger nach einem solchen Gerät gesucht. Die typischen Angebote von Amazon, Kobo und Co. sind nicht klein genug, damit sie in jede Hosen- oder Hemdtasche passen. In den vergangenen Jahren hat sich zwar ein Markt für kleinere E-Reader etabliert. Die Geräte basieren aber fast ausschließlich auf dem Android-Betriebssystem, haben also viel Ablenkungspotenzial, wenn sie nicht gleich voll funktionale Smartphones sind, und kosten in der Regel 250 Euro oder mehr. Mein Traumgerät, klein, günstig, einfach und ablenkungsfrei, schien es nicht zu geben. Zumindest bis Ende vergangenen Jahres. Da hörte ich vom X4 des chinesischen Herstellers Xteink.
Berechtigte Kritik
Ich erfuhr in einer Folge des „Upgrade“-Podcasts von dem Gerät, in der der amerikanische Techblogger Jason Snell von einem Kauf abriet. Zu schlecht sei das Betriebssystem des ersten Produkts des kleinen chinesischen Unternehmens, zu viele Probleme gebe es bei der Darstellung des Textes. Ich habe dem Gerät trotz aller Kritik eine Chance gegeben. Mit seiner Kritik hat Snell sogar weitgehend recht. Zumindest, was die Originalsoftware des Herstellers angeht.
Die grauenvolle Software lässt sich allerdings mit wenigen Klicks durch eine bessere Open-Source-Alternative ersetzen, die Texte ordentlich darstellt. Ein größeres Problem für mich ist die fehlende Beleuchtung. Aber überraschenderweise ist das seltener ein Problem, als ich dachte. Und in diesen Situationen hätte ich auch mit einem gedruckten Buch ein Problem.
Nahe am gedruckten Buch
Allgemein ist das Gerät in vielen Punkten näher dran an einem gedruckten Buch als an den Smartphones, denen es optisch ähnelt. Die Handhabung ist umständlich genug, dass ich zwar theoretisch Hunderte von Büchern auf das Gerät laden kann, ich aber relativ lange zum Wechseln zwischen den Dateien brauchen würde. Der Bildschirm lässt sich nicht per Berührung bedienen, sondern über insgesamt sieben Tasten. Menüs zu navigieren ist damit eher umständlich. Das sorgt dafür, dass ich das Gerät meist so behandle, als wäre nur ein einziges Buch darauf gespeichert.
Diese vermeintlichen Probleme haben aber einen großen Vorteil: Ich werde nicht so leicht vom Buch abgelenkt, werde quasi gezwungen, mich auf ein Buch zu fokussieren. Nicht, dass das Gerät prinzipiell viele Möglichkeiten zur Ablenkung bieten würde. Es lässt sich zwar theoretisch mit dem Internet verbinden, aber nur, um das Betriebssystem zu aktualisieren. Keine Benachrichtigungen, keine sozialen Medien, nichts. Das Gerät ist vollkommen fokussiert auf nur eins: Lesen.
Literatur für die kleine Pause
Fünf Minuten hier, zehn Minuten da, manchmal vielleicht ein ganzes Kapitel am Stück. Statt in Momenten der Langeweile zum Handy zu greifen und mich mit sozialen Medien oder den unendlichen Weiten des Internets abzulenken (und mich hinterher über mich selbst zu ärgern), tauche ich in ein Buch ein. So habe ich bereits seit Anfang Februar die fünf Bücher der Patrick-Melrose-Reihe von Edward St. Aubyn gelesen. Aktuell lese ich „Candide oder der Optimismus“ von Voltaire. Nicht immer nur zwischendurch. Oft greife ich am Abend vor dem Schlafen noch zum E-Reader statt zum gedruckten Buch. All das sorgt dafür, dass ich noch mehr lese als sonst. In Anbetracht der unendlich langen Liste an Büchern, die ich gerne irgendwann lesen würde, ist das eine sehr positive Entwicklung.
Also alles perfekt? Natürlich nicht. Die verbaute Rechenleistung ist arg langsam, entspricht etwa der Leistung des ersten iPhones von 2007. Das führt zu kleineren Problemen, wenn es etwa um die Verarbeitung von Fuß- und Endnoten geht, weshalb der E-Reader nur eingeschränkt für Sachbücher geeignet ist. Auch könnte der Bildschirm eine etwas höhere Auflösung vertragen. Erwarte ich also schon vorfreudig ein Update, wie es in der modernen Welt der Technik üblich ist: einen Xteink X4 II? Der Hersteller geht leider in eine andere Richtung.
Ein noch kleineres Gerät, das sich aber nicht so leicht mit alternativer Software bespielen lässt, ist bereits erschienen. Ein größeres Gerät mit Touchscreen, das aber mit einem Android-System arbeitet, soll folgen. Sicherlich spricht das Unternehmen damit noch einmal Zielgruppen an, die es mit dem X4 nicht erreicht. Ich gehöre allerdings nicht dazu.
Da das Gerät nicht durch Software in kurzer Zeit obsolet werden kann, ist das vielleicht gar nicht so schlimm. Möge die Batterie lange halten. Und falls nicht, hat bis dahin vielleicht ein anderes Unternehmen diesen kleinen, aber durchaus enthusiastischen Markt für handliche E-Reader ohne Schnickschnack entdeckt.