Film der Woche
„Der Pinguin meines Lebens“ von Peter Cattaneo
Schimpanse Cheeta, Langhaarcollie Lassie, Delphin Flipper, Ferkel Babe oder das Pferd Black Beauty – es gab schon so manche tierischen Film- und Fernseh-Stars. Zu ihnen gesellt sich nun Juan Salvador, ein Pinguin. Seine berühmten Vorgängerinnen und Vorgänger tummelten sich meist auf putzige und oft vor allem herzergreifende Art und Weise in Familienfilmen. Mit viel Gefühl und einiger Komik sorgten sie dafür, dass die menschlichen Heldinnen und Helden noch jedes (kindgerechte) Abenteuer meistern konnten. Das tut die Titelfigur dieses Films nicht. Denn der Hintergrund der Geschichte löst weder putzige noch herzergreifende Assoziationen aus: die brutale Gewalt des Militärs im Argentinien der späten 1970er- und frühen 1980er-Jahre.
Tom (Steve Coogan), ein Engländer wie aus dem Bilderbuch, trocken in der Art, steif im Auftreten, kommt 1976, dem Jahr des Putsches der Armee, nach Buenos Aires. Er soll verwöhnten Jungen an einer Internatsschule Englisch beibringen. Da der Unterricht wegen der Unruhen für einige Tage ausfällt, reist Tom kurzerhand nach Uruguay ans Meer. Dort gelingt ihm am Strand Bemerkenswertes: Er rettet einem Pinguin (Baba und Richard) das Leben. Woraufhin das Tier nicht mehr von seiner Seite weicht. Was für Tom und dessen Schüler ganz wunderbare Folgen hat. Der Pinguin, schließlich auf Juan Salvador getauft, ist nämlich der beste Zuhörer der Welt – und kann drum selbst in den vertracktesten Situationen kleine und sogar größere Wunder bewirken.
Wunderbar schlichte Menschenliebe
Der Film basiert auf dem Bestseller des Briten Tom Michell. Unter dem Titel „Der Pinguin meines Lebens“ heißt es auf dem Umschlag des Buches zudem „Die wahre Geschichte einer unwahrscheinlichen Freundschaft“. Weder Leser noch Kinobesucher können beurteilen, wie stark die Erinnerungen des Autors geschönt wurden oder schlichtweg eingebildet. Was jedoch egal ist. Mag manches auch noch so ausgedacht anmuten, überrumpelt einen doch die wunderbar-schlichte Menschenliebe, die die Story prägt. Denn natürlich geht es in der literarischen Vorlage und im nun vorliegenden Film weniger um das Tier als um die Entwicklung der Persönlichkeit Toms.
Pinguin Juan Salvador sorgt dafür, dass sich der knochentrockene Eigenbrötler zu einem kraftvollen Typ mausert, für den Empathie mehr als ein Wort wird. Nebenbei gelingt es dank Juan Salvador sogar, die Freude der durchweg aus reichen Elternhäusern stammenden Schüler am Lernen zu wecken. Nicht tatkräftig helfen kann das Tier allerdings, als Sofia (Alfonsina Caroccio), die Enkeltochter der Schulhaushälterin Maria (Vivian El Jaber), von den neuen Machthabern brutal entführt wird. Doch der Einfluss des Pinguins auf den Lehrer ist inzwischen so stark, dass Tom gar nicht anders kann, als sich daraufhin politisch zu positionieren und zu handeln.
Perfekte Harmonie
Steve Coogan („Philomena“, „Stan & Ollie“, „Joker: Folie à Deux“) und Baba sowie Richard, die sich die Titelrolle geteilt haben, harmonieren perfekt. Erfreulicherweise bleibt eine kitschige Vermenschlichung des Tieres dabei aus. Stets ist klar, dass die Menschen, die dem gefiederten Juan Salvador von ihren Freuden und Nöten berichten, die Begegnung mit dem Tier jeweils als Anstoß nutzen, um ihr Leben unter die Lupe zu nehmen und gegebenenfalls zu ändern.
Schade nur, dass die Musik des argentinischen Komponisten Federico Jusid („Loving Pablo“) zu oft ins Süßliche abgleitet. Da wäre weniger mehr gewesen. Steve Coogans Können, trockene Komik mit Herzenswärme und einem wachen Sinn für die Realität zu verbinden, lässt einen den zuckrigen Sound zum Glück jedoch leicht überhören. In Erinnerung bleibt vor allem Juan Salvador. Nicht wenige dürften nach dem Kinobesuch hoffen, ihm oder einem anderen ähnlich wunderbaren Pinguin über den Weg zu laufen.