Pfalzgeschichte(n)
Der Kurfürst, den der Kaiser hasste: Auf den Spuren von Pfalzgraf Friedrich I.
Ein Gewerbegebiet im Mannheimer Ortsteil Friedrichsfeld. Es ist Ostersonntag, die Bürogebäude stehen verwaist. Von der Autobahn, die nach Heidelberg führt, dringt dumpf Motorenbrummen ans Ohr. Auf einer Böschung an der Umgehungsstraße lassen ein paar Narzissen die Köpfe hängen. Frühling am Vorstadtrand.
Nichts ließe vermuten, dass hier vor 564 Jahren pfälzische Geschichte entschieden wurde – wäre da nicht das Denkmal auf dem Grünstreifen. Wie ein betagter Fremdkörper ragt es in die Müllcontainer- und Parkplatzlandschaft der Gegenwart. Früher trug der Sockel aus rotem Buntsandstein ein Kruzifix, im Prachtband „Thesaurus Palatinus“ gibt es eine Abbildung davon. Kurfürst Friedrich I. von der Pfalz stiftete das Kreuz, nachdem er am 30. Juni 1462 in der Schlacht bei Seckenheim die Übermacht seiner Feinde besiegt hatte.
Kapitel I: Der Griff nach der Macht
Worum ging es in diesem Kampf? Wer waren Friedrichs Gegner? Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir noch ein bisschen weiter zurück in die Vergangenheit reisen, in das Jahr 1449. Damals stirbt am 13. August in Worms Friedrichs älterer Bruder Ludwig IV. mit nur 25 Jahren. Er hinterlässt zwar einen Sohn namens Philipp, aber der liegt noch in den Windeln. Also übernimmt Friedrich die Regierungsgeschäfte. Doch will der junge, 1425 in Heidelberg geborene Onkel nicht nur als Philipps Vormund und Pfalzgraf bei Rhein herrschen, sondern auch den Titel eines Kurfürsten führen. Wie sein Bruder. Oder der Vater, Ludwig der Bärtige, der 1415 auf dem Konstanzer Konzil den „Ketzer“ Jan Hus auf den Scheiterhaufen geschickt hatte.
Das Problem bei der Sache: Die Kurwürde läuft stets über die Linie des ältesten Sohnes, der kleine Philipp hat sie damit bereits inne. Deshalb greift Friedrich zu einem Trick. 1451 adoptiert er den zu diesem Zeitpunkt dreijährigen Neffen; im Juristenlatein der zeitgenössischen Quellen wird der Vorgang als „Arrogation“ bezeichnet. Im Gegenzug verzichtet Friedrich auf eine standesgemäße Ehe, er gelobt sogar den Zölibat und vermacht seinen persönlichen Besitz dem Kurpfälzer Staat.
Ein juristischer Schachzug, aus dem Friedrich das Recht ableitete, selbst als Kurfürst zu regieren. Der Papst und die anderen deutschen Kurfürsten gaben dazu ihr Placet, wie Friedrichs Chronist Matthias von Kemnat später dienstbeflissen notieren wird. Nicht so jedoch der Kaiser, der seinerseits Friedrich hieß – der dritte aus dem Hause Habsburg. Die kaiserliche Zentralmacht hatte um die Mitte des 15. Jahrhunderts im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation zwar nicht mehr viel zu melden. Aber dass der Habsburger Friedrich dem Pfälzer Friedrich die Anerkennung verweigerte, ermunterte dann doch etliche Territorialherren und Städte, es dem Kaiser gleich zu tun. Die Folge: eine schier nahtlose Kette kriegerischer Konflikte, die der Pfälzer Fritz ab 1452 führen musste, um seine Herrschaft durchzusetzen.
Kemnats Liste der militärischen Strafexpeditionen ist lang. Erst knöpfte sich Friedrich im nördlichen Elsass die Grafen von Lützelstein vor, weil sie „der Pfaltz vil schadens deten“. Dann ging es gegen die aufmüpfigen Bürger der Stadt Amberg in der Oberpfalz. 1455 belagerte Friedrich Bergzabern, weil Stadt und Schloss seinem Cousin Ludwig dem Schwarzen gehörten. Und der weigerte sich, als Herzog von Pfalz-Zweibrücken und Graf von Veldenz, trotzig, die Lehenshoheit des Vetters aus der Wittelsbacher Kurlinie zu akzeptieren.
Besonders massiver Widerstand gegen den Heidelberger „Usurpator“ formierte sich, als Friedrich I. 1461 in der Mainzer Stiftsfehde überraschend die Partei Diethers von Isenburg ergriff. Im Sommer 1460 hatten sich der Kurfürst und der frisch gewählte Mainzer Erzbischof noch heftig befehdet. Als dann aber ein Jahr später Diethers Konkurrent um den Mainzer Bischofsthron, der von Papst und Kaiser protegierte Adolf von Nassau, eine Allianz mit den Bischöfen von Trier, Metz und Speyer, mit Markgraf Karl von Baden und dem Württembergischen Grafen Ulrich schmiedete, sicherten sich Diether von Isenburg und die Stadt Mainz notgedrungen die Hilfe des Pfalzgrafen, indem sie dem „bösen Fritz“ die bis dahin kurmainzischen Städte Lorsch, Heppenheim und Bensheim zum Geschenk machten.
Kapitel II: Alle gegen den Pfälzer
In der Folge dieses Machtpokers weitet sich der Streit um den Mainzer Bischofssitz zum Badisch-Pfälzischen Krieg. Dieser eskaliert im Sommer 1462 in der Schlacht bei Seckenheim. Adolfs Allianz, die das Wohlwollen von Kaiser Friedrich III. auf ihrer Seite weiß, hat ein Heer von 8000 Mann auf die Beine gestellt. In der Annahme, Friedrich I. weile in Bayern, lassen die hohen Herren das Fußvolk in einer Wagenburg bei Speyer zurück und marschieren mit etwa 1000 Reitern in der Nacht zum 30. Juni in die rechtsrheinischen Gebiete der Pfalz ein. Auf dem Weg nach Heidelberg stecken sie das Land in Brand, aber sie haben die Rechnung ohne den Wirt gemacht: Der pfälzische Kurfürst ist doch im Lande und erwartet seine Feinde schon am Waldrand bei Seckenheim.
Friedrich verfügt zusammen mit Diether nur über 600 Reiter, dafür ist der Überraschungseffekt auf seiner Seite. Der Pfalzgraf sprengt mit seiner Reiterei in die Schar der Gegner. Deren Heer wird zerrieben. Bischof Georg von Metz, sein Bruder, Markgraf Karl von Baden, und Graf Ulrich von Württemberg geraten in Gefangenschaft, zusammen mit 500 ihrer Männer. So schildert und beziffert es der frühhumanistische Gelehrte Matthias von Kemnat in seiner Chronik. Und Michel Beheim, ein Berufsdichter, der Kemnats Prosa ab 1468 in Reime kleidete, fügt in einer unerwartet lebensnahen Fußnote hinzu, dass der Bischof und der Markgraf wegen ihrer Wunden im Haus des Heidelberger Arztes Heinrich Munsinger behandelt wurden. Weil der Pfälzer Fritz nach dem Vorbild italienischer Renaissancefürsten Hofpoeten um sich scharte, die für seinen literarischen Nachruhm sorgen sollten, sind wir über die damaligen Ereignisse detailliert informiert – wenn auch aus recht einseitiger politischer Perspektive.
Die pointierteste Darstellung der Geschehnisse schuf allerdings dreieinhalb Jahrhunderte später Gustav Schwab, der eben nicht nur die „Sagen des Klassischen Altertums“ nacherzählte, sondern auch Balladen schrieb, darunter „Das Mahl zu Heidelberg“. In diesem 1823 entstandenen Gedicht lädt der Pfälzer Fritz seine gefangenen Feinde zu Tisch. Als diese sich wundern, warum es zu Wein, Braten und Fisch kein Brot gibt, reißt Friedrich theatralisch die Fenster im Heidelberger Schloss auf: Weithin sieht man nur zerstörte Felder, brennende Mühlen und Bauernhöfe – Folgen des Krieges, mit dem die inhaftierten Fürsten Friedrichs Land zuvor überzogen. „Nun sprecht, von wessen Schulden ist so mein Mahl bestellt? Ihr müsst euch wohl gedulden, bis ihr besät mein Feld“, lässt Schwab den Pfälzer scharfzüngig antworten.
Vom vorübergehenden Mangel an kohlenhydrathaltiger Beilage abgesehen, war Friedrichs Triumph in diesem Augenblick nicht nur in Schwabs Ballade, sondern auch realgeschichtlich perfekt. Von seinen hochrangigen Gefangenen erpresste er hohe Lösegelder und zwang sie, seinen Status als Kurfürst anzuerkennen. Aus der Schlacht bei Seckenheim ging Friedrich also nicht nur als der Siegreiche, sondern auch als der Konsolidierte hervor.
Kapitel III: 58 Wachenheimer ertränkt
Damit war die Zeit der Fehden allerdings keineswegs vorbei. 1470 flammte der Konflikt mit dem Vetter aus Meisenheim, Ludwig dem Schwarzen von Pfalz-Zweibrücken, wieder auf. Anlass bot dieses Mal der Weißenburger Krieg. Weil seine Oberhäupter sittlich verwahrlost seien, griff Kurfürst Friedrich 1469 massiv in die Belange des Klosters Weißenburg ein. Er wollte die Abtei mit Hilfe der Bursfelder Kongregation reformieren und vor allem unter seine Kontrolle bringen. Kaiser und Papst, denen das Kloster als Reichsabtei direkt unterstand, fanden das gar nicht witzig und unterstützten den geschassten Abt Jakob von Bruck, der zunächst flüchtete, dann aber, als Frau verkleidet, heimlich nach Weißenburg zurückkehrte. Abt und Stadt gingen ein Bündnis mit den Grafen von Leiningen und mit Ludwig dem Schwarzen ein – mit Erfolg: Im Sommer 1470 konnte man die kurpfälzischen Besatzer vertreiben.
Friedrich rächte sich, indem er Besitzungen Ludwigs und der Leininger verheerte, darunter auch Wachenheim, das bei der Erbteilung im Hause Wittelsbach 1410 an Ludwigs Familie gefallen war. 1470 eroberten die Kurpfälzer nur die Burg, ein Jahr später belagerten sie noch einmal die Stadt. Kemnats Bericht dazu fällt knapp aus. Der Auftragsdichter Michel Beheim, den Friedrich zwang, am Feldzug teilzunehmen, schildert hingegen ausführlich die Freuden des feudalen Lagerlebens, ehe er zum Punkt kommt: Am neunten Tag der Belagerung und Beschießung gab die Stadt auf. 58 der Verteidiger ließ Friedrich ertränken, Wachenheims Stadtmauern niederreißen, die Gräben zuschütten, die Burg zerstören: „Daz schloss und auch daz oberhuss liess er gar alles brennen uss, zerreissen und verslerffen, den berg hernyder werffen“, reimte Beheim. Der Siegreiche konnte auch der Schreckliche sein.
Kapitel IV: Das Münchner Hoffräulein
Dass Friedrich außerdem ein Liebender war, davon kündet Burg Neuscharfeneck in der Südpfalz. Bei Philipps „Arrogation“ hatte Friedrich zwar auf eine standesgemäße Eheschließung verzichtet, aber das schloss eine Liebesbeziehung nicht aus. Zumal der Neffe, rechtsfähig geworden, seinem Adoptivvater das Zölibat ausdrücklich erließ.
Friedrichs Auserwählte hieß Clara Tott. In manchen Quellen lautet ihr Nachname auch Dett oder Tottin. Sie stammte aus einer achtbaren Augsburger Familie, allerdings endete ihr Vater am Galgen, weil er sich an der Stadtkasse bedient hatte. Clara selbst wurde Hoffräulein in München. Dort begegnete sie 1459 dem Pfälzer Kurfürsten, der sich in die musisch begabte Frau verliebte.
Kaum ein Jahr später wurde ihr erster Sohn geboren, 1463 folgte ein zweiter. Die Knaben wurden – wer hätte es gedacht? – auf die Namen Friedrich und Ludwig getauft.
Ein Staatsgeheimnis war diese Beziehung nicht. Matthias von Kemnat widmet ihr in seiner offiziellen Chronik ein eigenes Kapitel und lobt darin Clara in den höchsten Tönen. Doch ist bei Kemnat immer nur von zwei „natürlichen“, also unehelichen Söhnen die Rede. In Wahrheit jedoch hatten Friedrich und Clara heimlich geheiratet, um so dem ältesten Sohn eine geistliche Karriere zu ermöglichen. Publik wurde das aber erst 1472.
Um seine Familie, die ja nicht erbberechtigt war, abzusichern, zog Friedrich zusammen, was zu seiner Zeit als erledigtes Lehen an die Kurpfalz zurückfiel. Das waren die Grafschaft Löwenstein am Neckar und die Herrschaft Scharfeneck mit der gleichnamigen Burg. Letztere ließ der Kurfürst von 1469 bis 1472 als Witwensitz für Clara ausbauen. Erst dadurch erhielt Neuscharfeneck die heutige Trapezgestalt. Die mittelalterliche Oberburg auf dem zentralen Felsenriff wurde damals komplett abgerissen, das breite Mittelstück der massiven Schildmauer hochgezogen, dahinter entstand ein neuer, architektonisch hochwertiger Palas.
Angeblich geschah das alles mit Philipps Zustimmung. Was jedoch nicht erklärt, warum der Neffe, als Friedrich der Siegreiche am 12. Dezember 1476 stirbt, Clara Tott auf die Burg Lindenfels im Odenwald bringen und dort auf Jahre hin internieren lässt. Fürchtete Philipp den Einfluss dieser Frau am Heidelberger Hof? Hätten Clara und Ludwig – von den beiden Söhnen überlebte nur der Zweitgeborene den Vater – Philipp gefährlich werden können?
Fakt ist: Clara sollte den Witwensitz, den Friedrich ihr gebaut hatte, nie beziehen. Ihrem Sohn Ludwig überließ Philipp, nun Kurfürst, das von Friedrich vorgesehene Erbe nur häppchenweise, 1477 die Herrschaft Scharfeneck, erst 1488 auch die Grafschaft Löwenstein. Das Schlachtfeld bei Seckenheim, auf dem Friedrich so nachhaltig triumphiert hatte, wurde nach ihm benannt. Finis.
Lesezeichen
Die Chronik des Matthias von Kemnat und die Reimchronik Michael Beheims gibt es als digitalisierte Handschriften auf der Webseite der Universitätsbibliothek Heidelberg.
