Pfalzgeschichte(n) RHEINPFALZ Plus Artikel Der Kirchenmusik ein Fest

Die Landeskirchenmusiktage in der Gedächtniskirche in Speyer 2016.
Die Landeskirchenmusiktage in der Gedächtniskirche in Speyer 2016.

Der 42. Landeskirchenmusiktag der Evangelischen Kirche der Pfalz hat einen neuen Namen: „Kirchenmusik Festtage Pfalz“. Und es will neue Wege gehen.

Er war lange Zeit das Flaggschiff der Kirchenmusik in der Evangelischen Kirche der Pfalz: Der im Zweijahresturnus vom Landesverband für Kirchenmusik vom Stapel geschickte Landeskirchenmusiktag, im flapsigen Jargon der langjährig Beteiligten als „LaKiMu-Tag“ und unter der etwas geschichtsvergessenen Jugend der frühen 1960er Jahre auch übermütig und despektierlich als evangelischer „Reichsparteitag“ firmierend.

Die Gedächtniskirche in Speyer

Über Jahrzehnte pilgerten vielzählige Abordnungen aller Chorgemeinschaften der evangelischen Pfalz und Saar-Pfalz zum zentralen Treffen in die Gedächtniskirche Speyer; im Übrigen der einzige protestantische Sakralbau der Landeskirche, der dem massiven Aufgebot der Gründerjahre gewachsen war.

In diesem Jahr wäre es der 42. Landeskirchenmusiktag, hätte er nicht mittlerweile das Etikett mithin immer mal wieder auch sein Profil, seine Ausgestaltung gewechselt. Und erneut wagen die „Kirchenmusikalische Festtage Pfalz“, so die aktuelle Bezeichnung, eine Neuausrichtung. Und die ist in mancher Hinsicht beherzter als manch vorangegangenes Facelifting.

Und am selben Ort im Jahr 1962.
Und am selben Ort im Jahr 1962.

Schon 2024, beim letzten Durchgang, hatte man den krönenden Abschluss des Fests aus seiner Jahrzehnte währenden Verankerung in Speyer gelöst und in Frankenthal verortet. Am 14. Juni nun ist Neustadt an der Weinstraße Ort des zentralen Treffens, das unter dem Motto „EinKlang“ zunächst ab 13 Uhr einlädt zu drei recht unterschiedlichen Workshops, deren klingende Ergebnisse am Abend in einer konzertanten Aufführung gegenüberstehen.

„Es ist ein Probelauf“, erläutert Landeskirchenmusikdirektor Jochen Steuerwald, „aber die Resonanz aus Reihen der Kantoreien und Kirchenchöre zeigt uns schon, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“ Drei Schwerpunkte wurden ausgelobt und an den Pulten jeweils prominent besetzt: So wird Yuval Weinberg, künstlerischer Leiter des SWR Vokalensembles, mit versierten Blattsingenden Felix Mendelssohns Vertonung des 43. Psalms, „Richte mich, Gott“, sowie Motetten unter anderem von Randall Thompson und Alfred Schnittke einstudieren. Jochen Steuerwald erarbeitet derweil mit Sängerinnen und Sängern aus Kirchenchören Choralvertonung von Texten Paul Gerhardts, der aktuell im Gedenken an sein 350. Todesjahr besonders im Fokus steht.

Auch die Popularmusik spielt eine Rolle

Auch die stetig aufblühende Popularmusik darf sich auf prominentes Coaching freuen: Beim Namen Miriam Schäfer bekommen Band- und Gospel-Freaks in aller Regel umgehend leuchtende Augen. Der global konzertierende und bundesweit unterrichtende Sacro-Pop-Star will mit seinem Workshop obendrein schon mal Lust auf mehr machen, nämlich zur Mitwirkung beim Musical „Judith und das Wunder der Schöpfung“ im kommenden Jahr in Dortmund anregen.

2024 fand das Kirchenmusikfest in Frankenthal statt. .
2024 fand das Kirchenmusikfest in Frankenthal statt. .

Drei Lokalitäten stehen zur Verfügung. Die etwas prosaische Turnhalle des Kurfürst-Ruprecht-Gymnasiums wird die etwa 270 Teilnehmer bei Yuval Weinberg aufnehmen, aus der Alten Winziger Kirche sollen „Geh aus, mein Herz“ oder auch „Die güldene Sonne“ aus 100 Kehlen erklingen; von der Martin-Luther-Kirche im Ortsteil Winzingen, die auch Austragungsort der Abschlussveranstaltung ist, werden poppige Rhythmen in den Äther steigen. Und selbstverständlich soll es zwischendurch bei Kaffeeklatsch und Probenplausch auch reichlich Gelegenheit zu analogen Begegnungen geben. Denn das ist ja die unabdingbare und ganz herausragende Qualität des Chorgesangs: Es klappt nur gemeinsam, das Singen und das menschliche Drumherum auch.

Die Anfänge der Kirchenmusiktage

Zu seiner Gründerzeit und noch Jahrzehnte danach war der Landeskirchenmusiktag in Speyer das herausragende Ereignis in der Zweijahres-Agenda evangelischer Kirchenchöre zwischen Rhein und Saarpfalz. Da herrschte am jeweiligen Tag in der Domstadt nahezu Ausnahmezustand, gab es weder an der Rhein-Promenade noch in irgendeinem Lokal zur Mittagszeit einen einzigen freien Platz, füllten Ausführende und wenige Stehplatz-Besucher die Gedächtniskirche zu Tausenden.

Das erste Ereignis dieser Art geht zurück auf den rührigen Speyerer Pfarrer Imo Schäfer, den eigentlichen Begründer einer institutionalisierten evangelischen Kirchenmusik in der Pfalz, dessen Todestag sich übrigens am 19. Mai zum 25. Mal jährt. Zusammen mit dem späteren ersten Landeskirchenmusikdirektor Adolf Graf veranstaltete er am 7. Mai 1935 erstmals das zentrale Pfalz-Treffen der Kirchen- und Posaunenchöre in der Speyerer Gedächtniskirche. Der Zweite Weltkrieg verordnete Stillstand, aber den zweiten Landeskirchenmusiktag stellte Schäfer bereits 1946 quasi im Alleingang auf die Beine. Bis in die 1970er Jahre zählte die Teilnahme am Landeskirchenmusiktag in der Agenda eines jeden engagierten Kirchenchormitglieds zum absoluten Muss, zum Termin, auf den man hinfieberte und am Ende stolz war, wieder dabei gewesen zu sein.

Über Jahrzehnte folgte das Event einer festgeschriebenen Dramaturgie: Während im Kirchenschiff die Abordnungen der unzähligen Kirchenchöre ihre zugewiesenen Plätze belegten, waren Nord- und Süd-Empore mit teils zu Sonderaufgaben als Favorit-Chöre bestellten Kantoreien besetzt. Nach dem Gottesdienst wurde zunächst für die nachmittägliche Feierstunde geprobt. Das hatte etwas vom Flair eines Gotthilf-Fischer-Events, lange vor dessen legendären Massenauftritten. Und natürlich kam keiner unvorbereitet, denn die 1952 etablierte und bis heute bestehende, segensreiche Edition der alljährlich erscheinenden Chorhefte ermöglichte eine sorgsame Vorbereitung in den heimischen Chorstunden.

Die Weiterentwicklung des Treffens

Aber eine zum morgendlichen Gottesdienst und erst recht zur kirchenmusikalischen Nachmittagsfeier proppenvolle Gedächtniskirche, mit sich eng zusammendrängenden 2500 Singenden, ist allerspätestens seit der Jahrtausendwende Geschichte. Schon Grafs Nachfolger im Amt, Heinz Markus Göttsche und Rainer-Udo Follert, hatten das strenge Muster aufgehübscht, indem sie den Tag mit einigen Konzerten umrahmten. Steuerwald, seit 2008 Landeskirchenmusikdirektor, führte das Prinzip fort, versammelte pfalzweit etliche Satellitenkonzerte der Bezirkskantoreien unter dem nominellen Dach des Tags; bettete die regionale Ebene sinnvoll mit ein und bot damit auch der Arbeit der Bezirkskantorate ein Podium.

Mit der Einführung des Landeskinderchortags war ein weiterer und vor allem zukunftsweisender Baustein dem Gebäude des LKMT zugefügt. Der integriert jetzt seit mehr als zwei Jahrzehnten mit Workshops, Spiel, Spaß und fabelhaft strukturierten Proben für ein abschließendes Musical in der Gedächtniskirche den Nachwuchs ins Profil des Pfalztreffens. Immer auch mit Blick auf die lokale Ebene. Denn die Stücke, die zum Einsatz kommen, haben ihre Premieren zu Hause immer vor oder unmittelbar nach dem Speyer-Auftritt. So kommen die Kurrende-Kinder bestens vorbereitet und dürfen ihr Können obendrein auch immer nochmal vor Oma, Opa und den Geschwistern präsentieren. Mittlerweile erfreut sich der von KMDin Katja Gericke-Wohnsiedler, Bezirkskantorin in Grünstadt und Kinderchor-Beauftragte der Landeskirche, organisierte Kinderchor-Tag einer solchen Resonanz, dass es kurzerhand abgekoppelt wurde und jeweils im Jahr zwischen den Landeskirchenmusiktagen als eigenständiges Ereignis gehandelt wird.

Und dann ist da noch das nunmehr 8. Band- und Chor-Festival „Groovin’ Spirit“, zunächst in Kaiserslautern, jetzt zum fünften Mal in der Landauer Stiftskirche verortet. In diesem Jahr eröffnet es die Kirchenmusik Festtage Pfalz am Samstag, 30. Juni, ab 14 Uhr. Da heißt es: Bühne frei für Pop- und Gospelchöre, Bands und Ensembles jenseits der etablierten Kirchenmusik. Längst hat sich das Ereignis zum Selbstläufer gemausert, generiert seit seinem Start 2010 stetig steigende Besucherzahlen. Denn von den fetzigen Klängen lässt sich neben dem gezielt eintreffenden Publikum auch immer wieder reichlich „Laufkundschaft“ anlocken.

Hohe Attraktivität genießt der Event erst recht bei den Akteuren. KMD Maurice Antoine Croissant, Bezirkskantor zu Pirmasens und Popularmusik-Beauftragter der Landeskirche, firmiert als treibender Motor. Im Januar habe er die pfalzweite Ausschreibung zur Mitwirkung gestartet, berichtet er. „Eine Woche später war der Pool gefüllt.“

Eröffnen wird nach guter Tradition die famose semiprofessionelle New Brass Big Band aus Neustadt-Mußbach, dann folgt in Einheiten von jeweils 20 Minuten mit Pausen nach jeder Stunde die Revue der Formationen zwischen Liedermacher-Besetzung wie dem westpfälzischen Trio

Ääfach annerschd oder Bands à la Amuse Gueule und vielstimmigen Sacro-Pop-Formationen. Fürs abschließende Abendprogramm dürfen sich Akteure wie Publikum jeweils auf einen Star der Szene freuen. Diesmal ist es der populäre deutsch-britische Singersongwriter Chris Lass.

Wer sich am 14. Juni um 18 Uhr gerne zum Zuhören in der Martin-Luther-Kirche Neustadt einfinden möchte, sollte wissen, dass es bei 460 Mitwirkenden nur wenig Raum für Besucher gibt. Aber niemand werde weggeschickt, versichert Jochen Steuerwald.

Drei Fragen an Yuval Weinberg

Wie anders gestaltet sich die Probenarbeit mit Nicht-Profis?, wollten wir von Yuval Weinberg wissen, dem Leiter des SWR Vokalensembles.
Für mich bleibt musikalische Arbeit erst einmal musikalische Arbeit, egal, ob mit Profis oder versierten Laien. Es geht immer um dieselben Dinge: Intonation, Phrasierung, Klangfarben, Balance, rhythmische Präzision und natürlich Ausdruck. Der Unterschied liegt weniger im Was als im Wie – also im jeweiligen Niveau und darin, wie schnell man gemeinsam dorthin kommt. Was ich bei Laiensängerinnen und -sängern besonders schätze, ist die Motivation: Man macht das aus echter Leidenschaft, oft neben einem ganz anderen Beruf. Dadurch verschiebt sich auch der Fokus ein wenig. Es geht nicht nur darum, möglichst effizient ein Ergebnis zu erreichen, sondern Musik wirklich zu erleben – körperlich, sinnlich, als gemeinsames Ereignis. Das finde ich sehr wertvoll. Gleichzeitig erlebe ich die Arbeit mit Profis gar nicht so gegensätzlich, wie man vielleicht denkt. Auch dort geht es mir darum, dass Musik nicht nur funktioniert, sondern erlebt wird - nur unter anderen zeitlichen Voraussetzungen und mit einem anderen Erwartungsdruck.

Und worin liegt der Reiz der Arbeit mit Laien?
Der besondere Reiz an der Arbeit mit Laien liegt für mich auch darin, in kurzer Zeit sehr unterschiedliche Menschen kennenzulernen und gemeinsam Entwicklung anzustoßen. Selbst an einem einzigen Probentag können da erstaunlich große Schritte entstehen.“

Wie steht es um die Bereitschaft, sich zeitgenössischer Chorliteratur zu nähern?
„Was die zeitgenössische Chormusik betrifft, ist die Offenheit wahrscheinlich sehr unterschiedlich, je nach Hintergrund. Gleichzeitig ist das Potenzial enorm: Ich habe oft erlebt, dass Chorsängerinnen und -sänger, die zunächst skeptisch waren, sehr schnell einen Zugang finden – und dann mit großer Neugier und Energie dabei sind. Das braucht vor allem eine gute Vermittlung. In unserem Fall hier handelt es sich gar nicht so um zeitgenössische oder experimentelle Musik, alles, was wir singen werden, ist eher traditionell. Und ich freue mich auf diese Begegnung sehr!“

Kirchenmusikdirektor Jochen Steuerwald.
Kirchenmusikdirektor Jochen Steuerwald.
 Yuval Weinberg, derzeit noch Chefdirigent des SWR-Vokalensembles. 2028 wird er zum Rundfunkchor Berlin wechseln.
Yuval Weinberg, derzeit noch Chefdirigent des SWR-Vokalensembles. 2028 wird er zum Rundfunkchor Berlin wechseln.
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