Deutschrap
Der Häuptling hält Hof: Apache 207 hat sein Debütalbum veröffentlicht
Apache 207 ist ein Phänomen. Alles, was im Deutschrap-Genre eigentlich als uncool gilt, verwandelt er ins Gegenteil. Er wird von seinen Fans für einen Stil gefeiert, den sie keinem anderen durchgehen lassen würden. Obwohl er sich über Rap-Klischees im Grunde lustig macht. Aber Apache 207 ist einfach Kult. Und kann alles.
Ein Nimbus, der entstand, als er vor gut einem Jahr fast aus dem Nichts mit dem Stück „Roller“ und dem dazugehörigen, inzwischen ikonischen Video den Rap-Thron eroberte: In Sandalen mit Socken trat er auf einem mickrigen Motorroller gegen protzige Limousinen und andere Rap-Statussymbole an. Dicke Hose ist bei ihm nicht angesagt, eher Selbstironie. „Gucci-Sandalen, ich trag' sie nur aus Trotz (Trotz)/ Trotzdem machen sie mir nach, kann's nicht glauben, lieber Gott“, hieß es darin etwa. Und über sein eher bescheidenes Zweirad: „Bin auf dem Weg/ Mit meinem Baby, sie sticht zu/ geht besser aus dem Weg/ Mit zehn PS in deine Stadt.“ Wobei: Einen AMG präsentiert er inzwischen doch bisweilen. Widersprüche gehören dazu.
Benzintrinken und den Tourtruck zur SAP-Arena ziehen
Die Tour-Absage wegen Corona nimmt er auch passend sportlich: Zum neuen Song „Unterwegs“ veröffentlichte der 1,98 Meter große Rapper vor gut einer Woche ein Video, das wunderbar auf seinen Status als Chuck Norris des Rap anspielt: Seinen durch die Pandemie sozusagen liegengebliebenen Tourbus – ein mächtiges Gefährt, fast schon ein Roadtrain –, zieht er ganz allein an einem ollen Seemannsseil über die Autobahn. Direkt bis vor die SAP-Arena in Mannheim. Vorher hat er an einer Tanke extra Benzin getrunken, für die nötige Kraft: ein echter Coup.
Das Album nun verkauft er in einer ganz speziellen Fanbox, die erneut zum Kopfschütteln einlädt, aber davon zeugt, dass seine Marketingcrew allerfeinste Ideen aus dem Hut zaubern kann: Die CD gibt es verpackt in einer klobigen weißen Plastik-Kühlbox, zwei Kühlakkus mit „Apache 207“-Schriftzug inklusive. Plus „Apache 207“-Tragegurt fürs Schlendern mit der schmucken Hartplastikbox durch die Städte. Oder an Fluss- oder Seeufer.
Kein „Gangsta“
Schließlich mag Apache 207 auch Wassermetaphern. „Boot“ heißt eins der neuen Stücke, im Video dazu rudert der Hüne, teils nur in der weißgerippten Unterbuxe, natürlich wieder ganz souverän in diesem sonst eher gediegenen Ausflüglern und romantischen Kinokomödien vorbehaltenen Setting übers Wasser. Ein Liebeslied ist es. Wie viele der Songs im Grunde: Es gibt auch Kritiker, die Apache 207 vorwerfen, er liefere ja gar keinen Deutschrap ab. Das sei doch fast schon Schlagerpop.
Kein unberechtigter Einwand, aber ein Umstand, der so manche Eltern doch auch eher froh stimmen dürfte. Ein „Gangsta“ ist der Ludwigshafener nicht. Apache 207 kommt in seinen neuen Songs ohne genretypische ausufernde Gewaltfantasien aus. Konkurrenten belächelt er eher. Ok, am Frauenbild ließe sich noch feilen, aber abwertende Vokabeln sind rar. Und das ist ja leider schon viel im Rap. Gegen Minderheiten wird auch nicht gehetzt. Überhaupt ist Apache 207 einfach das Gegenteil von aggressiv. Lässig eben. Freundlich vielleicht sogar. Positiv. Bei ihm ist die Welt jedenfalls nicht schlecht, sondern hat etwas zu bieten. Keine schlechte Lebenseinstellung – gerade auch als Leitfigur für sehr junge Menschen.
Der höfliche Star
Apache 207 kann höflich und zuvorkommend sein. Brav wurde am Freitag kurz nach Mitternacht auf seinem Instagram-Account allen Beteiligten an „Treppenhaus“ gedankt. Fast ein Dutzend verschiedener Produzenten scheint „für die Beats“ verantwortlich gewesen zu sein, liest sich da. Diese wiederum klingen vor allem sommerlich-entspannt. Zum Mitwippen. „Im Treppenhaus“ passt perfekt in unsere Zeit. Und ab und zu schmuggelt Volkan Yaman gar eine Botschaft in seine Texte, was bei Konkurrenten wie Capital Bra, Haftbefehl und Co ja eher verpönt ist.
Interviews gibt Apache 207 nicht. Aber zu seinem Album schreibt er, gerichtet an seine eingeschworenen Fans so nachdenklich wie schmeichelnd: „Als Person des öffentlichen Lebens darfst du eigentlich nicht traurig sein, darfst keine Schwäche zeigen, musst immer die Fassade wahren. Eigentlich ... Ich musste es nie. Ihr habt mir den Rückenwind gegeben, so sein zu dürfen, wie ich bin. Und dafür bin ich dankbar. Komm in mein Treppenhaus, ich hab dir was zu erzählen.“ Die Fans-Herzen flogen im Nu.
Die Kindheit in den Blocks
Und gerade junge Mädchen schwärmen für den wuchtigen Mann mit dem langen glatten Haar, das länger und glänzender ist als ihres. Und der schon mal absurde kurze Trainingsshorts trägt. Angeblich 22 Jahre ist Volkan Yaman, aber seine Biografie liegt weiter ziemlich im Dunkeln, Pressearbeit wird verweigert, Apache 207 ist sein eigener Herr. Und so kann er ganz für sich an seiner Legende basteln (lassen). Von einem abwesenden Vater und einer kleinen Schwester, die er ins Bett bringt, singt er etwa in „Fame“.
Die Ludwigshafener lieben ihn und verteidigen ihn gegen die Mannheimer, die ihn Kommentaren bei Instagram für sich beanspruchen wollen: „Ihr habt Xavier Naidoo, wir haben Apache 207“, heißt es da stolz. In der Gartenstadt soll Volkan Yaman aufgewachsen sein, auch in Ludwigshafen Fußball gespielt haben. Einschlägige Wohnblocks sind auch schon auf seinen Sozialen Kanälen zu sehen gewesen, wobei er zuletzt als Aufenthaltsort tatsächlich meist „Mannheim“ notiert hat, aber auch schon mal, wieder recht uncool, in Sinsheim feiern war.
Erste Fans hadern
Zwölf Stücke versammelt „Treppenhaus“, ganz neu ist etwa „Beifahrersitz“, ein Song über einen One-Night-Stand, zu viele Angebote williger weiblicher Fans und den Abschied von einer Partnerin, die ihn scheinbar nicht verstand. „Stimmen“, ebenfalls bis gestern noch unveröffentlicht, wiederum setzt sich mit den Gegnern aus dem Genre oder der alten Nachbarschaft auseinander. „Juckt nicht, was die kleinen Pisser sagen (Ah-ah, ah-ah-ah-ah)“, kanzelt er jene ab, die offenbar nicht daran glaubten, dass aus ihm etwas werden könnte: eine Aufstiegslegende samt gewisser Prahlerei über Erreichtes ist ein typischer Rap-Topos.
Ähnlich gelagert ist inhaltlich das schon länger bekannte „Fame“, wo es über seine Jugend heißt: „Sind unsre Blöcke viel zu hoch, wir könn'n es nicht genießen/ Nicht mal die Sonne schafft es hier rein (La la la la la la la).“ Also doch auch ein wenig Ghetto-Romantik. Schließlich geht es bei Apache 207 trotz allen Humors auch darum, die im Rap so gern betonte Glaubwürdigkeit und Authentizität zu untermauern.
Ein feiner Grat ist das manchmal, auf dem sich der Pfälzer da bewegt. Und vermutlich werden ihm nicht alle Fans langfristig folgen. An einem ruhigeren Stück wie „Bläulich“ – ebenfalls mit humorvollem Video, in dem Apache 207 Polizisten umarmt und als Riesenbaby mit Windel im Kleinkind-Lauflernstuhl auftritt – etwa meldeten so manche Jünger schon leise Kritik an: Schließlich ähneln sich Apache 207-Stücke musikalisch dann doch stark. Und wer jung ist, will doch gern Neues erleben. Doch setzt ja Apache 207 schon mit seinem Wahlspruch auf Verlässlichkeit: „Apache bleibt gleich“, betont er in mehreren Songs. Und genau jetzt, im Sommer 2020, ist Apache 207 auf jeden Fall der größte Star am Deutschrap-Himmel.