Literatur
Der große Lyriker Jürgen Becker wird 90 Jahre alt
In einem kleinen Dorf im rheinisch-bergischen Land, in der Nähe eines Lokals namens Schöne Aussicht befindet sich der topografisch exakt fixierbare Punkt, von dem aus der Dichter Jürgen Becker seit nunmehr 60 Jahren auf seine Sehnsuchtslandschaft, die geliebte Kölner Bucht, blickt. Es ist ein altes Fachwerkhaus in der Nähe der Ortschaft Odenthal, das dem Vater seiner 2021 verstorbenen Ehefrau, der Malerin Rango Bohne, gehörte. Dort schrieb er bereits im Sommer 1963 an seinem Debüt, dem 1964 publizierten Prosaband Felder, dort hat Becker auch sein großartiges künstlerisches Lebensprojekt entwickelt: den Entwurf einer Bewusstseinslandschaft, in der sich Wahrnehmung, Erinnerung und zeithistorische Reflexion verschränken zu einer poetischen Chronik der deutschen Nachkriegsgeschichte.
Tragischer Tod der Mutter
Aus dem rechtsrheinischen Kölner Vorort, in dem Becker aufwuchs, verschlug es seine Familie nach Erfurt. Dort ließen seine Eltern sich 1943 scheiden, als er elf Jahre alt war. Das Scheidungskind wollte bei seiner Mutter bleiben, doch das Gericht entschied, dass er zum Vater kam. Drei Jahre später nahm sich Beckers Mutter das Leben, sie ertränkte sich in einem See. 1947 kehrte Becker ins Rheinland zurück.
Mitglied der Gruppe 47
Ab 1960 war er bei der Gruppe 47 dabei, 1967 erhielt er deren Literaturpreis. Seinem damals schon virtuos entwickelten Programm ist er bis heute treu geblieben. Von Beginn an zielte sein Schreiben darauf, die Grenze zwischen Lyrik und Prosa zu überschreiten und seine offenen Texte als ein Kraftfeld visueller und akustischer Wahrnehmungen zu organisieren. Mit der Plötzlichkeit einer Wahrnehmung beginnt jeweils eine Entdeckungsreise, die poetischen Suchbewegungen seiner Gedichte fügen sich zu einem präzisen Logbuch. Die Motive, die Becker dabei aufruft, haben ihn durch sein gesamtes Schriftstellerleben begleitet: die Amsel, sein literarisches Wappentier, ebenso wie das „Messtischblatt“, auf dem die Herkunftslandschaften des Autors, die Kölner Bucht und das Bergische Land, topografiert werden.
Keine Spuren der Erschöpfung
„Fortsetzend das Selbstgespräch und wie es hervorkommt/ aus dem Schatten des früher Gesagten“: Mit diesen beiden Versen setzen nun Beckers neue „Journalgedichte“ ein, die zu seinem 90. Geburtstag zusammen mit dem opulenten 1120 Seiten-Band seiner „Gesammelten Gedichte“ erschienen sind. Nirgendwo zeigen sich hier Spuren der poetischen Erschöpfung, im Gegenteil. Becker hat sein bewährtes poetisches Verfahren der diskreten Synchronisierung von Erinnerung, Imagination und Wahrnehmungseinzelheiten weiter verfeinert.
„Das Gedächtnis“, so heißt es einmal in Beckers Roman „Aus der Geschichte der Trennungen“ (1999), „lebt ja erst auf, wenn es Wörter und Sätze gibt, die es aus seinem Schlaf rufen.“ In den „Journalgedichten“ sind es nun Alltagsbeobachtungen, etwa von Passanten, die – es sind die Tage der Corona-Krise – Tüten mit Toilettenpapierrollen schleppen, oder eine wiedergefundene Mappe mit Zeichnungen aus der Ukraine, die das Gedächtnis aktivieren. Und sofort kehren die Bilder der Kindheit wieder zurück, die Erinnerungen an den Schrecken des Luftkriegs: „Der Himmel heute ist klar. Ein Wetter für / Bomberpiloten.“
Der bedeutendste Lyriker deutscher Sprache
Jürgen Becker, der am Sonntag 90 Jahre alt wird, ist nicht nur der genaueste literarische Augen- und Ohrenzeuge der deutschen Nachkriegsgeschichte, er ist wegen dieser nicht nachlassenden Genauigkeit der bedeutendste Lyriker deutscher Sprache.
Lesezeichen
Jürgen Becker: „Gesammelte Gedichte 1971-2022“; mit Bildern und Collagen von Rango Bohne und Fotos von Boris Becker und einem Nachwort von Marion Poschmann; Suhrkamp, Berlin; 1120 Seiten, 69,90 Euro.
Jürgen Becker: „Die Rückkehr der Gewohnheiten. Journalgedichte“; Suhrkamp, Berlin; 76 Seiten, 20 Euro