Mode
Der Dritte Weltkrieg der T-Shirts
Der Werbespot ist kurz, 18 Sekunden. Zu sehen: die Rückenansicht einer blonden jungen Frau mit langen Haaren, ganz in Jeansstoff gehüllt. Sie plakatiert die Anzeige mit einer in Jeansstoff gehüllten jungen Frau mit langen Haaren an die Wand. Und offensichtlich ist das nicht die einzige beabsichtigte Redundanz.
Die Frau auf dem Plakat der Firma American Eagle posiert lässig im Schneidersitz, hält den Kopf in leichter Schräge – ihr Schmollmund glänzt. „Sydney Sweeney has great genes“ steht da. „Genes“ durchgestrichen, daneben mit „Jeans“ ergänzt. Ihre Gene und die Jeans, beides also großartig, soll das wohl heißen. Eine männliche Stimme aus dem Off akzentuiert den Gleichklang der Wörter im Englischen noch. Dazu sieht man, Sydney Sweeney ist nicht nur blond. Sie ist blauäugig, schlank, der Feuchttraum des wieder gefragten All-American-Girls. Die Schauspielerin ist durch ihre Rolle als süße, beliebte, unsichere Cassie Howard in der Serie Drogen-Weltschmerz-High-School-Serie „Euphoria“ bekannt geworden.
Gute Jeans für Trump
Darin ist sie auf der steten Suche nach (männlicher) Anerkennung. Im wahren Leben hat sie sich als Wählerin der Republikaner eingetragen. Trump gefällt der Spot, der zwischen guten (weißen) Erbanlagen und dem offenbar schlechteren Rest unterscheidet. Der sich dem Werbespot anschließende Shitstorm, der Rassismus und die Rückkehr einer Nazioptik und der sie grundierenden Eugenetik beklagt, war fast folgerichtig. Der Aktienkurs von American Eagle stieg indes um 30 Prozent. Ein ganz normaler Kulturkampf der Gegenwart, den die eine Seite monetarisiert. Dass Mode politisch ist, bleibt dagegen ungefähr seit den Eiszeitmenschen von Lascaux gültig.
„Immer, wenn politische Umbrüche die Gesellschaft formen, zeigt sich das rückblickend betrachtet in der Mode genauso deutlich wie in Literatur und Kunst“, schreibt die Modejournalistin Hella Schneider dazu in der „Vogue“. Sie führt die überbordenden Kleider vor der Französischen Revolution 1789 auf. Danach war Schlichtheit bevorzugt. Josephine de Beauharnais (1763 bis 1813), Napoleons Gattin, avancierte mit gerade geschnittenen, von einem Abnäher unter der Brust zusammengehaltenen Roben zur Stilikone und Kim Kardashian ihrer Zeit. Dann markierte das Biedermeier mit opulent-romantischen Roben den Rückzug ins Private.
Vor allem nach Großkrisen, schreibt die „Vogue“-Kritikerin Schneider, zeige sich in der Mode, wie die daraus hervorgehende Gesellschaft verfasst sei. So hätten die Frauen nach dem Ersten Weltkrieg ihre neu erkämpften Freiheiten (1918 wurde das Frauenwahlrecht eingeführt) mit dem Tragen bewegungsoffener Sachen wie etwa vorher dem Sport vorbehaltenen knielangen Shorts markiert.
Warum das, schon wieder, camouflierte Cargohosen?
Anders nach dem Zweiten Weltkrieg, nach dem Christian Dior mit taillierten Schnitten und ausgestellten Röcken den „New Look“ kreierte, der hinter die emanzipatorischen Ambitionen des Anfang des 20. Jahrhunderts eingeführten Korsettkleids zurückging. Bleibt nur fraglich, was es zu bedeuten hat, dass die digital sozialisierte Generation Z der 1995 bis 2010 Geborenen auf der Netzplattform TikTok jetzt plötzlich mit Stahlhelm, Fliegerbrille, Crop-Top und camouflierten Cargohosen posiert.
In sogenannten „WW3-Outfits“, Anziehsachen also für einen Dritten Weltkrieg, der in der Mode offenbar schon im Gange ist. Oder unbemerkt schon zu Ende, wie T-Shirts andeuten, auf denen Aufdrucke wie „I survived World War 3“ prangen – oder solche, die die USA als „3 Time World Champions“ ausweisen, als dreifachen Weltkriegssiegerin.
Blanker Zynismus? Tiefschwarzer Humor? Staffage einer gefühlten Ohnmacht angesichts der schwärenden Multikrisen und der unabsehbar düsteren Zukunft? Auswuchs des „Italian Brainrot“, einem Gaga-Trend im Internet, der mit künstlich erzeugtem Unsinn übermäßigen Social-Media-Konsum karikiert – letztlich sich selbst? Oder will man sich dann doch im Nachhinein nicht nachsagen lassen, keine Styling-Tipps für den Ernstfall parat gehabt zu haben? Die Interpreten sind sich uneinig. Auffällig aber ist, dass die Militärästhetik inzwischen auch in die Alltagsmode diffundiert.
Bei Polo Ralph Lauren etwa, wo für den Herbst eine olivgrüne Army-Jacke programmiert ist, die an den jungen Tom Cruise im filmischen Heldenepos „Top Gun“ (1986) erinnert. Sie firmiert unter dem Rubrum „Moderne Klassiker“. Geradezu zeichenhaft, dass das Label des 85-jährigen Gründers Ralph Lauren gerade jetzt eine großflächige Wiederentdeckung erlebt. 30 Prozent Gewinnanstieg, Aktienplus 90 Prozent. Die Models der Marke mit dem ikonischen Reiterlogo tragen den Strickpullover wieder um die Schulter geschlungen – wie Zeitreisende aus den selbstseligen Achtzigern.
Gier trägt Chinohosen
Das Gier-ist-gut-Jahrzehnt der sogenannten „Me Generation“, verkörpert von Michael Douglas in „Wall Street“, dem Film von 1987. Und auf den Straßen von Bad Dürkheim und den Hamptons von Poppern im „Preppy Look“ – gewandet in Oxfordhemden, Chinohosen und Tweedjacken, derweil die jungen und älteren Frauen Tenniskleidchen trugen, dezentfarbene Blusen und Strick-Cardigans. Fehlt nur noch die rote Ringbuch-Gesetzessammlung und der metallische Rimowa-Koffer, auf dem der „Corsica Ferries Livorno“-Sticker prangt.
Probleme waren damals Christian-Lindner-haft „dornige Chancen“, Ehrgeiz und harte Arbeit vorausgesetzt schienen die Villa mit Veranda, der Sommer auf St. Barth, der Skiurlaub in Aspen naheliegend. Dazu sah man stets aus, wie auf dem Weg zum Segeln, Golf, Tennis – zum Polo eben, ausstaffiert mit den entsprechenden Insignien der gleichlautenden Marke, die einem heute wieder oder immer noch nach potenziell reich aussehen lässt. Sie passt sie ideal zu der konservativen Kehrtwende, die gerade im Gange ist.
Schließlich verspricht auch Kanzler Friedrich Merz (CDU) sich und uns mit der Verschiebung der „Work-Life-Balance“ in Richtung Arbeit und über 70 plus ein märchenhaftes neues Wirtschaftswunder. Auf Instagram werden einem modische Stilvergleiche angeboten, die genüsslich zwischen dem noblen, leisen Luxus tragenden „alten“ Geld(-Adel) (Tweedjacke) und den ihren Neureichtum vorführenden Ewig-Prolls (Bomberjacke von Gucciversacebalenciaga) unterscheiden. Außerdem passen Seidenblusen mit Rüschenkragen, kombiniert zu weißen Bundfaltenhosen oder Röcken mit Saum perfekt als Kostümierung der schwer en voguen sogenannten „Trad Wifes“.
Gemeint sind Frauen, die das überkommene, blauäugig romantisierte Rollenbild der sorgenden Hausfrau, Mutter und dienstbaren Ehefrau pflegen. Immer perfekt angezogen, sehr clean, mit christlichen Werten, die schöne antiwoke Folie für den selbstredend erfolgreichen Göttergatten. Den Rest, heißt das (Ehe-)Versprechen, erledigen die „guten Gene“. Und am besten ererbtes Geld natürlich, das – wie es in den unverwüstlichen Achtzigern so schön hieß – „keine Rolex“ spielt.