Kultur Der diskrete Revolutionär

Kritischer Geist und schwieriger Mitmensch: Claude Debussy.
Kritischer Geist und schwieriger Mitmensch: Claude Debussy.

Sein Leben ging zu Ende, als ganz Europa in Kriegswirren versank: Achille-Claude Debussy starb am 25. März 1918 im Alter von gerade mal 55 Jahren. Bis dahin schuf er Musik, die mit ihren teilweise düster-dunklen Stimmungen nicht ins flirrend-lichte Bild passt, das man gemeinhin von den Werken jener Künstler hat, die man dem Impressionismus zuschreibt.

Manche etablierten Termini der Musikgeschichte locken uns auf falsche Fährten. Claude Debussys Einordnung als „Impressionist“ – bereits von ihm selbst keineswegs als Kompliment betrachtet – gehört dazu. Denn mit daseinsfrohen Bildern wie Renoirs „Frühstück der Ruderer“ oder den lichtüberfluteten Blumenwiesen und Gärten Monets hat die Musik eines Komponisten, der Herbst-, Dämmerungs- und Nachtstimmungen liebte, sich für seine Bühnenwerke unter anderem bei Edgar Allen Poe und Maurice Maeterlinck bediente und sogar dem Pfeil-Martyrium des heiligen Sebastian zuwandte, wenig zu tun. Natürlich gibt es dennoch Gemeinsamkeiten zwischen den Farb- und den Tonkünstlern des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Sie bestehen vor allem in der bewussten Auflösung fest organisierter – man könnte zugespitzt sagen: lehrhafter – Strukturen zugunsten flüssig-organischer, aufs Atmosphärische zielender und im Falle der „Zeitkunst“ Musik auch kaum je voraussehbarer Verläufe. Hier hat Debussy spätestens seit seinem 1894 uraufgeführten Fauns-Präludium tatsächlich revolutionär gewirkt: durch sensible, feinnervige Valeurs, in deren irisierenden Klangwolken (faszinierender Weise vor allem im relativ kargen Medium des Klaviers) die alte Aufteilung in Haupt- und Nebenstimmen ebenso aufgehoben ist wie die dramaturgische Gliederung in Höhepunkte und Übergangspassagen; sowie durch eine denkbar freizügige, den alten Regelwerken entzogene Harmonik. Mit dem Erscheinen Debussys war, was das vertikale Zusammenklingen verschiedener Töne anging, eigentlich nichts mehr unmöglich: eine Umwälzung als Auflösung, die nicht unter lautem propagandistischen Getön, sondern eher diskret verlief – ungeachtet dessen, dass es ihrem Protagonisten durchaus nicht an Selbstbewusstsein fehlte und er auch als brillanter, polemisch-scharfzüngiger Musikjournalist wirkte. Fernöstliche Klänge, folkloristische Inspirationen aus iberischen, orientalischen und balkanischen Quellen, Bach und die französischen Barockmeister, aber auch die Entwicklungen des befehdeten und dennoch fasziniert zur Kenntnis genommenen älteren Richard Wagner: Debussy hielt seine Kreativität nach vielen Seiten offen und konnte dabei, anders als die Protagonisten des „romantischen Jahrhunderts“, schon voll auf die Segnungen der industriellen Revolution mit ihren schnelleren Verkehrsmitteln, Reproduktions- und Editionsmöglichkeiten bauen. Bei aller Naturverbundenheit – ein Gutteil seiner Kompositionen mit „La mer“ als Gipfel vertieft sich in die ewig erneuerte Gestaltwerdung von Wind und Wellen – war er ein moderner, urban geprägter Mensch inklusive der zugehörigen, quasi ebenfalls „modernen“ Neurosen, die ihn im Umgang zu einem eher schwierig handhabbaren Zeitgenossen machten. Womit man dann wieder beim Impressionismus-Begriff und den dabei notwendigen Fragezeichen wäre, die an Debussys dunkleren Seiten, seinem nicht sehr ausgeprägten Empathiegefühl und seinen gelegentlichen Rücksichtslosigkeiten (Ausnahmen gab es, analog zum jüngeren Maurice Ravel, am ehesten im liebe- und verständnisvollen Umgang mit Kindern), genauso festzumachen wären wie an dem schon erwähnten Zug ins Nächtig-Metaphysische und Symbolistische. Man kann fast jeden Monet als Hotelzimmer-Deko verwenden (was natürlich nicht gegen den Künstler spricht), aber nur wenige Debussys als Fahrstuhl- oder Kaufhaus-Musik – was ebenso wenig gegen sie verwendet werden kann, aber doch auf eine unterschiedliche Lebens- und Kunstphilosophie verweist. Und noch etwas anderes verschleiert der leichthändig summierende und kategorisierende Rückblick: dass der 1862 im Pariser Umland geborene Franzose überhaupt kein Durchstarter war, sondern bis zur Mitte seines relativ kurzen Lebens brauchte, um wirklich eine ganz eigene Sprache zu finden, und letztlich nur ein reichliches Jahrzehnt zur Verfügung hatte, um in einiger Ausgewogenheit und Harmonie das Seine zu tun. Dann kam schon die Krebserkrankung, die – in seltsamer Konvergenz mit dem Zusammenbruch der alten europäischen Werte im Ersten Weltkrieg – heute vor 100 Jahren zu seinem Tod führte. Die letzten Kammer- und Klavierstücke aus den Kriegsjahren wirken herb, reduziert und ganz fern von jedem atmosphärischen Stimmungszauber: tapfer-trauriges Ende eines komplikationsreichen Lebens. Nils

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