Essay
Der deutsche Schlager: Immer wieder aus Träumen geboren
Für Howard Carpendale, der im Frühjahr 2026 nach Trier und Mannheim kommt, soll nach dieser Abschiedstournee aber wirklich Schluss sein. Das hat er allerdings schon einmal gesagt.
Der Schlager hat es richtig weit gebracht. Nicht nur, dass Heino in Wacken oder Olaf, der Flipper, bei Rock am Ring ihre, na ja, sagen wir es so: humoristisch umflorten und deshalb wohlwollend beklatschten Auftritte hatten.
2025 gab es im ansonsten ziemlich Metal-durchdröhnten Line-up in der Eifel auch einen Schlager-Auftritt, der natürlich nicht ohne Selbstironie über die Bühne ging: Gemeint sind die Jungs von Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys. Die singen Italo-Schlager, aber eben viel besser als Giovanni Zarella, der irgendwann auf die ziemlich peinliche Nummer verfallen ist, deutsche Schlager auf Italienisch zu singen. Ganz anders als Zarella können Roy Bianco und seine Truppe nämlich über sich selbst lachen, und das ist zum Schreien komisch.
Was ist nicht Schlager?
Man tut sich etwas schwer mit der Definition dessen, was als Schlager bezeichnet werden sollte. Der größte gemeinsame Nenner ist vielleicht: Unterhaltungsmusik zu deutschen Texten, und um beides zu verstehen, muss man nicht unbedingt Adornos Ästhetik gelesen haben. Aber das greift natürlich viel zu kurz, denn im Grunde ist vieles Schlager, was musikalisch der Fall ist – um es etwas verquer mit Wittgenstein und eben nicht Adorno zu sagen. Hätte etwa Mozarts „Kleine Nachtmusik“ eine Gesangspartie, dann könnte sie ohne Probleme als Schlager durchgehen. Und wenn auch Udo Lindenberg sich immer als Panikrocker geriert, viele seiner Songs sind – abgesehen von manch subversiven Texten – genauso Schlager wie die eine oder andere Nummer des Ludwigshafener Superstars Apache 207. Sagen darf man das den jeweiligen Fans natürlich nicht.
Der Schlager ist weitgehend ein deutschsprachiges Phänomen, als erste Schlagermelodien gelten bekannte Operettennummern, etwa aus der „Fledermaus“ von Johann Strauß oder aus „Frau Luna“ von Paul Lincke, womit sowohl die Wiener als auch die Berliner Operette erwähnt wäre. Diese waren so populär, dass sie in Tanzlokalen gespielt beziehungsweise sprichwörtlich auf der Straße gepfiffen wurden. Wobei letzteres auch für die bekanntesten Melodien aus den Opern Giuseppe Verdis gilt, die im Italien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fast schon ein gesellschaftliches Allgemeingut waren, man denke nur an den „Gefangenenchor“ aus „Nabucco“.
Der Kaktus und die Nazis
Eine erste Blütezeit erlebte der Schlager im Deutschland der 1920er-Jahre. Im Rückblick wurde diese Epoche zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Weltwirtschaftskrise ja als „Goldene Zwanziger“ verklärt. Aber so golden waren diese Jahre natürlich nicht, und aus ihnen hervor ging mit der Machtübernahme der Nazis das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte.
Aber für einen kurzen Zeitraum schien nicht nur eine Demokratie möglich im ehemaligen Kaiserreich. Die Menschen emanzipierten sich auch von den Obrigkeiten, sie wollten nach vier Jahren Krieg (und Hunger) leben und lieben und Spaß haben. Und die Musik zum Beispiel der Comedian Harmonists half ihnen dabei. Wobei es in den Texten der Formation, die später von den Nazis aus dem Land geekelt wurde, durchaus nicht immer nur harmlos wie im „Kleinen grünen Kaktus“ zuging. Die Frivolität von Texten wie „Veronika, der Spargel wächst“ ist offenkundig – und wird dann vielleicht erst wieder von Roland Kaiser erreicht: „Nachts an deinen schneeweißen Stränden hielt ich ihre Jugend in den Händen“, heißt es in dessen Lied „Santa Maria“ aus dem Jahr 1980, das auch heute noch bei keinem Roland-Kaiser-Konzert – aufgepeppt durch eine musikalische Frischzellenkur, versteht sich – fehlen darf. Auch nicht bei seinem letzten Auftritt in der SAP-Arena im Mai dieses Jahres.
Wie in der Kunst- und Kulturszene, aber auch in den Wissenschaften, sorgte die Barbarei der Nazis in der Schlagerszene dafür, dass viele Musikerinnen und Musiker im besten Falle das Land verließen. Im schlimmsten wurden sie in KZs ermordet. Die Lieder von Liebe und Leben und Freiheit klingen im Rückblick wie blanker Hohn.
Aber die Weiterentwicklung des Massenmediums Radio, das der Verbreitung des Schlagers schon in der Weimarer Republik geholfen hatte, wurde auch von den Nazis genutzt, um den Schlager als Propagandainstrument einzusetzen. Gerade gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, als die Niederlage des Hitler-Regimes sich abzeichnete, entstanden Durchhalteschlager quasi auf Bestellung des Propagandaministeriums mit Titeln wie „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“ oder „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern“.
Schlager als Weltflucht
Doch die große, im Grunde bis heute nachwirkende Zeit des deutschen Schlagers schlug dann nach dem Zweiten Weltkrieg und in den Wirtschaftswunder-Jahren. Die Katastrophe war noch so unmittelbar präsent, dass jedes Mittel recht war, sie auszublenden. Schlager war Weltflucht und Parallelwelt zugleich. Wer sich heute in seiner digitalen Blase von der Wirklichkeit abkapselt wie in einen Kokon, der folgte damals mit feuchten Augen und aufgewühltem Herzen den Fischern nach Capri. Es gab eine – natürlich auch vom Schlager nicht zu erfüllende – Sehnsucht nach Glück, aber er war zumindest eine Illusion. Und das war mehr als Trost in einem Land, das nicht nur in Schutt und Asche, sondern auch moralisch am Boden lag. Die Welt sollte endlich wieder heil sein – und nicht tollwütig „heil“ brüllen.
Mit Überwindung der unmittelbaren Nachkriegsdepressionen und dem einsetzenden wirtschaftlichen Aufschwung, mit dem zarten Pflänzchen Selbstbewusstsein, das versprach, „Wir sind wieder wer“, wurde der Schlager quasi zur musikalischen Staatsräson einer Gesellschaft, deren Blick nur noch nach vorne, nie aber zurückgerichtet war (obwohl es durchaus Schlagersänger in der Nachkriegszeit gab, die ihre Karriere aus der Hitler-Diktatur in die Bundesrepublik hinübergerettet haben). Man wollte schlichtweg nicht wissen, was war, sondern nur, was ist – und vielleicht noch sein könnte.
Träume am Nierentisch
Liebe, Glück, Fernweh, Heimweh. Man wollte leben, wie einst in den Zwanzigern auch. Einem Alltag entfliehen, dessen Anforderungen zwar vielleicht geringer wurden, der dennoch aber im Wiederaufbau-Deutschland anstrengend genug war. Der Schlager lieferte die Motivationsmusik dazu. Wurde nun nicht mehr nur vom Radio, sondern immer stärker auch vom noch relativ jungen Medium Fernsehen verbreitet. Wer den ganzen Tag geschuftet hatte, der genoss es am Abend, seinen Sessel an den Nierentisch zu rücken, auf diesen sein Bier oder sein Glas Wein zu stellen und im Fernsehen den Liedern zu lauschen, die all das boten, was der tatsächliche Alltag noch immer nicht bieten konnte. Kein Alltag zu keiner Zeit hält dem Faktencheck mit den Schlagertexten stand. Aber so wie man das damals einem Peter Alexander, einer Conny Froboess, einem Peter Kraus nicht verübelte, so nimmt man es auch heute weder einer Helene Fischer noch einer Andrea Berg oder eben auch einem Howard Carpendale nicht krumm, dass die Welt, die sie besingen, eben genau das ist, was eine Schlagerwelt nur sein kann: ein schöner Traum. Eine Illusion. Eine Auszeit vom Alltag. Im Jahr 1956 wie im Jahr 2026, wenn genannter Carpendale mal wieder auf Abschiedstournee geht.
Mit den 1960er-Jahren begann dann ein Prozess, der im Grunde bis heute anhält. Der Schlager wurde zum Phönix aus der Asche, der sich in einer Endlosschleife neu erfand. Der deutschsprachige Schlager geriet in diesem Jahrzehnt unter, sagen wir es mal in Managementsprech, Transformationsdruck. Doch, um im selben Jargon zu bleiben, das Change-Management funktionierte – und tut dies noch heute. Zumindest musikalisch.
»Ti amo« bei Hecks Hitparade
Schon Elvis Presley hatte in den 1950ern den deutschsprachigen Schlager in Schrecken versetzt. Die Beatles aber waren noch mal eine ganz andere Hausnummer. Und in Deutschland wuchs eine Generation heran, die in den 1968ern mit der Studentenrevolte eine Generalabrechnung mit der Elterngeneration vollzog. Mit deren Musik konnte man nichts mehr anfangen, sie war so, wie man die Eltern sah: spießig, langweilig, konservativ bis reaktionär. Rebellion war angesagt, und das war nun etwas, was man mit der Musik Rex Gildos oder Roy Blacks, um zwei Sänger aus den 70ern zu nennen, als der Schlager fulminant zurückschlug und quasi zur Bastion der Anständigen in Abgrenzung zu den langhaarigen Hippies wurde, nun wirklich nicht in Verbindung bringen konnte. In den 1970ern, dem Jahrzehnt der ersten ganz großen Rockbands, wurden musikalisch Eiserne Vorhänge samt Todesstreifen in den deutschen Haushalten eingebaut: auf der einen Seite der Schlager, auf der anderen Deep Purple, Jimi Hendrix oder The Doors, um nur Beispiele zu nennen.
Während der Schlager der 50er musikalisch sehr gediegen daherkam – adrette junge Frauen, gut aussehende Männer sangen begleitet von einem ganzen Orchester oder einer Bigband – haben Roland Kaiser, Howard Carpendale oder Jürgen Marcus ihre Hemden bei ihren Auftritten in Dieter-Thomas Hecks „Hitparade“ bis zum Bauchnabel offen. Sie sehen zwar ein bisschen aus wie die Stones, singen aber von einem „Zug nach Nirgendwo“, von „Ti Amo“ oder „Sieben Fässern Wein“.
Kraft zur Verjüngungskur
Seit den 60ern integriert der Schlager immer wieder musikalische Stilrichtungen und erfindet sich damit neu: Rock, Pop, Beat, Funk, Jazz, Dance, Techno, Hip-Hop, es gibt quasi keine Musik, die nicht auch in den Schlager eingebaut werden könnte. Das wirkt wie eine Art Jungbrunnen, wie eine Frischzellenkur und sorgt eben auch dafür, dass bei Roland Kaiser und sicher auch bei Howard Carpendale neben der älteren Generation auch junge Menschen ins Konzert kommen, weil sie einfach Spaß haben wollen.
Dass der Schlager diese Kraft zur musikalischen Verjüngung immer wieder aufbringt, hat er Künstlerinnen und Künstlern zu verdanken, die wie Vorreiter oder Katalysatoren wirken. In den 1990er-Jahren waren dies Guildo Horn oder Dieter-Thomas Kuhn. Im 21. Jahrhundert Andrea Berg und vor allem Helene Fischer, die aus ihren Auftritten ein Schlager-Show-Gesamtkunstwerk in perfekter Inszenierung macht.
Und die musikalische Frischzellenkur – man höre sich nur mal Songs von Howard Carpendale oder Roland Kaiser in den Versionen aus den 1980ern an und vergleiche sie mit den aktuellen Arrangements – wirkt wohl auch biologisch. Carpendale jedenfalls hatte eigentlich bereits 2008 angekündigt, keine Konzerte mehr geben zu wollen. Und nun geht er nochmals auf Abschiedstournee und schaut nächstes Jahr auch in Trier, Frankfurt und Mannheim vorbei. Mal abwarten, wie endgültig das wirklich ist. Schließlich hat Trude Herr doch gesungen: „Niemals geht man so ganz“.
Schlagerparade 2026
Howard Carpendale: Meine Abschiedstournee – Di 17.3., 20 Uhr, Trier, SWT-Arena; Sa 28.3., 20 Uhr, Frankfurt am Main, Festhalle; Di 7.4., 20 Uhr, Mannheim, SAP-Arena; Tickets: eventim.de
Helene Fischer: 360° Stadion-Tour –
Di 16.6., 19.30 Uhr, Stuttgart, Schleyer-Halle; Fr 19.6., 19.30 Uhr, Frankfurt am Main, Deutsche Bank Park; eventim.de
Roland Kaiser: Das Open Air 2026 –
Fr 19.6.26, 20 Uhr, St. Goarshausen, Loreley-Freilichtbühne, Tickets: eventim.de, weitere Termine: roland-kaiser.de
Andrea Berg – Do 13.8.26, 20 Uhr, Losheim am See, Strandbad, Sommer-Open-Air; Tickets: eventim.de
Mireille Mathieu: Goodbye, My Love, Goodbye. Finale der Welt-Abschiedstour – Mo 2.11.26, 20 Uhr, Frankfurt am Main, Alte Oper; Mi 4.11., 20 Uhr, Baden-Baden, Festspielhaus; So 15.11., 18 Uhr, Mannheim, Rosengarten; eventim.de
