Kultur
Der Aufbruch riecht nach Farbe: Am Wochenende sind die Ateliers in der Pfalz offen
Bei Kunstschamane Joseph Beuys zu Hause im Kurhaus Kleve zum Beispiel sah es aus wie bei Hempels unterm Sofa. Aufgetürmt, ein Sammelsurium, Äxte, Tierschädel, Faustkeile, irischer Kleeblattsamen, ein Fläschchen Hasenblut. Eine Ratte weste in einem Karton vor sich hin. Bei Francis Bacon (1909 bis 1929), Großmeister eines verstörenden Realismus, das totale Chaos. Abends dann ging er im geschniegelten Dandy-Dress einen trinken.
Alberto Giacometti (1901 bis 1966), der seine Figuren auf eine Silhouette reduzierte, hauste in einem Miniatelier in Paris, dessen Wände übersät waren von eingeritzten Skizzen. Von Jonathan Meese, Jahrgang 1970, dem deutschen Berserkermaler, der nur zu gerne Klischees bedient, existiert ein Video, das ihn in seinem Atelier zeigt. Er klatscht Farbe an die Wand und singt selig: „Ich bin der Märchenprinz“.
Der Mythos Atelier
Ina Conzen, Kuratorin an der Staatsgalerie Stuttgart, die 2012 dort eine Schau mit dem Titel „Mythos Atelier“ installierte, sagt, der Arbeitsraum stehe quasi stellvertretend für die, die darin arbeiten. Wie ein Manifest. Achten Sie mal darauf, wenn Sie am Wochenende losziehen, um die Offenen Ateliers zu erkunden. Schon das auch marketingtechnisch versierte Renaissance-Genie Albrecht Dürer (1471 bis 1526) jedenfalls porträtierte sich nicht ohne Grund voller Melancholie in seinem Arbeitszusammenhang.
Ein Urbild ist Gustav Courbets Monumentalgemälde „Das Atelier des Malers“ aus dem Jahr 1855. Es zeigt die gute Pariser Gesellschaft. Sein Sohn himmelt ihn an. Eine Muse ist im Bild. Der Maler sitzt an seiner Staffelei. Arbeit an der eigenen Legende. Courbet lässt das Atelier als Allerheiligstes aufscheinen, geheimnisvoll umweht. Später wurde bisweilen weniger weihevoll mit dem Kunst-Arbeitsplatz umgegangen.
Berüchtigt, Paul McCarthy, ein US-Amerikaner aus Utah, 1945 geboren, der – als Werk – in seinem Atelier mit Ketchup und Mayonnaise rumsaut, gedacht als Parodie auf heldisch verehrte Künstlerikonen wie den Abstrakten Expressionisten Jackson Pollock. Spätestens seit Marcel Duchamp (1887 bis 1968) handelsübliche Flaschentrockner und ein umgedrehtes, signiertes Urinal im Museum unterbrachte, definiert der Umraum die Kunst. Aber trotzdem seit den Anfängen der Moderne Künstlerinnen und Künstler überall arbeiten, auf den Straßen, in der Wüste, an den Ufern des Meeres, im Garten, in einem Innenhof in Landau, hat das räumlich umgrenzte Atelier seinen Nimbus als mystischer Ort behalten.
Essen als Kunst
Die Ateliers von Großstars wie Damien Hirst, Takashi Murakami oder Jeff Koons gleichen – zumindest taten sie das vor der Pandemie – Kunstfabriken, mit wuselnden Assistenten und gemeinsamem Lunch täglich. Der dänisch-isländische Künstler Olafur Eliasson hat sogar bei Phaidon ein eigenes Kochbuch herausgebracht: „Studio Olafur Eliasson: The Kitchen“, 364 Seiten. Essen, heißt es darin, sei für ihn ein sozialer Klebstoff, Kochen Inspiration. In seinen Ateliers in Berlin und Kopenhagen bekommen alle das gleiche, bis aufs Gramm abgewogen. Es kann auch sein, dass an einem Tag nur blaue oder orangefarbene Sachen gegessen werden – um sich zu fragen, was das mit einem macht?
In der Pfalz indes, zumal in noch immer coronalen Zeiten, sind an den kommenden Wochenenden eher Brezel und Riesling zu erwarten. Vielleicht stellt sich ja ein Gefühl von Normalität ein. Aber auch hier werden die „professionellen“ Künstlerinnen und Künstler – auf den Status der Teilnehmenden legt der veranstaltende Berufsverband BBK wert – ganz bestimmt sehen, dass sie ihre Arbeits- als auf einen größeren Zusammenhang hinweisende Schauräume und Selbstbespiegelungsbühnen illuminieren.
Der private Ort
„Das Atelier ist der privateste Ort eines Künstlers. Hier sieht man, wie sie arbeiten, aber man sieht auch noch viel mehr“, schreibt der Fotograf Gautier Deblonde, der für einen Bildband weltweit die Ateliers berühmter Künstler dokumentiert hat. Hinzugehen hat sich noch immer gelohnt, zu Andreas Becker nach Quirnbach, Ursula Faber in Großniedesheim, Regina Reim in Speyer, Martin Fritz in Dahn. Und sei es nur, um zu zeigen, dass es keine Sonntagsreden waren, als es in der Pandemie hieß, Kunst sei ein Lebensmittel. Sie fehle, sehr. Und sei es, um zu sehen, was die da so machen. Und warum. Um ins Gespräch zu kommen. Mit Annemarie Sprenger aus Lustadt zum Beispiel, die seit 2011 im Vorstand des Veranstalters BBK amtiert, darüber, warum sie bei den Neuwahlen am 18. September – wie die Vorsitzende Sylvia Richter-Kundel aus Worms – nicht mehr kandidiert. Die Aktion „Offenen Ateliers“ ist eine große Transparenzchance. Gelebtes Selbstmarketing. Tausende werden kommen, die Einhaltung der Coronabestimmungen versteht sich von selbst. Werden sie auch Kunst kaufen? Hoffentlich! Denn darum geht es nun mal – auch.