Vorlesetag RHEINPFALZ Plus Artikel Der Anfang der Teufelskreise: Zum Vorlesetag am Freitag

Am Freitag, 20. November, findet der bundesweite Vorlesetag statt.
Am Freitag, 20. November, findet der bundesweite Vorlesetag statt.

Es ist großartig. Es ist traurig. Der bundesweite Vorlesetag am Freitag wird ein Fest. Eine Selbstfeier. 500.000 Menschen haben sich dazu angemeldet. Unzählig die Veranstaltungen. Alle digitalen Kanäle werden bespielt. Fußballer Thomas Müller geht als Vorleser steil. Autorin Cornelia Funke ist online im Kinderzimmer – via Facebook. Überthema ist „Europa und die Welt“. Keine Frage, die Aktion der Stiftung Lesen, der „Zeit“ und der Deutschen Bahn ist toll, wunderbar, verdienstvoll, trallala. Mutmaßlich wird sie die Üblichen erreichen. Die Akademikerkinder, die Wohlmeinenden, die gewillten Eltern. Die mit Ratgebern im Bücherschrank. Die Kinder der 6,2 Millionen quasi Analphabeten tendenziell eher nicht. Wir müssen nicht drumherum reden, wie so vieles ist auch das Vorlesen von sozialen Unterschieden getriggert. Sie wachsen in Deutschland. Seit 2001 immer mehr, ein Faktum, das europäische Studien belegen

Vorlesen hilft, Fähigkeiten wie Abstraktionsvermögen zu entwickeln, pusht die sprachlich-kognitive Entwicklung. Kinder, denen vorgelesen wird, können sich selbst eher als Leser imaginieren. Wer vorgelesen bekommt, von Anfang an, lernt später leichter lesen. Baut Weltwissen auf. Hat eher eine Leser- und Bildungskarriere. Liest eher diesen Text hier. Nicht zuletzt schafft es Nähe und Vergewisserung, wenn sich zwei über den „Grüffelo“ beugen. Tja, und was ist mit denjenigen, denen das Vorlesen vorenthalten wird? Aus Bequemlichkeit, Zeitmangel, (Bücher-)Armut. Inkompetenz auch. Denn die Performance der Vorlesenden ist eben doch nicht so unwichtig – für beide Seiten. Nicht jede/r kann das. Ja, leider, auch das gehört halt zu den bitteren Wahrheiten.

Die 30-Millionen-Wörter-Lücke

Dazu gehört auch die „30-Millionen-Wörter-Lücke“. Ein Begriff, den die US-Forscher Betty Hart und Todd Risley aufgebracht haben. Sie fanden heraus, dass die Kinder wohlhabender Eltern im Alter von drei Jahren 30 Millionen Wörter mehr gehört haben als die Kinder der sozial schwächsten Familien. So hart es klingt, Studien zeigen, dass der Nachwuchs von Akademikern, Technikern und Führungskräften am Ende des vierten Schuljahres einen Leistungsvorsprung von rund eineinhalb Jahren gegenüber Kindern hat, deren Eltern, wie es heißt, „manuelle Tätigkeiten ausüben“. Mit dem Vorlesen beginnen die Teufelskreise zu rotieren. Vorlese-Kinder werden Leser, werden Akademiker, werden Vorstandsvorsitzende, werden Vorleser. Der Rest ergibt sich, zynisch gesagt.

Bei der jüngsten Vorlesestudie der Mainzer Stiftung Lesen hat sich herausgestellt, dass 32 Prozent der Eltern ihren Kindern selten oder nie vorlesen. Ein Befund der näheren Untersuchung war: Der Anteil der Nichtvorleser in Familien mit niedrigen Bildungsabschlüssen ist dabei besonders hoch. Rund die Hälfte der befragten Eltern ohne Abi lesen so ihren Kindern – das Vorlesealter reicht etwa bis zwölf – selten oder nie vor. Oft wurde als Grund Zeitmangel angegeben. Dabei sind berufstätige Mütter viel aktiver als die Hausfrauen – und auch formal gebildeter.

Wie Nutella und Brokkoli

68 Prozent der Nichtvorleser haben maximal zehn Kinderbücher zu Hause, viele finden das allerdings – ein Indiz für, nennen wir es Bildungsabstinenz – nicht weiter schlimm. 49 Prozent macht Vorlesen keinen Spaß, 44 Prozent sagen, ihr Kind sei zu unruhig zum Vorlesen, 31 Prozent, ihr Kind möchte nicht vorgelesen bekommen. Die Zusammenhänge dabei erscheinen so offensichtlich wie das Ergebnis der freien Wahl zwischen Nutella und zerkochtem Brokkoli. Dagegen beruht, dass rund die Hälfte der Befragten (48 Prozent) darauf vertrauen, ihrem Kind werde andernorts schon genug vorgelesen, womöglich auf einem Missverständnis. So weit her ist es mit der außerfamiliären Kompensationsleistung für die Herkunftsunterschiede dann auch wieder nicht.

Ja, irgendwer muss, Demokratie und die AfD-Verhinderung gebieten das, einspringen, wenn die Eltern versagen – strukturell bedingt. Oder warum auch immer. Die Büchereien, die Theater, die Kulturträger, all jene interessanterweise, die aktuell unter der Pandemie leiden. Oder später, durch Einspardruck, leiden werden. Dazu die Erzieherinnen in den notorisch unterbesetzten Kitas. Die Schulen natürlich wieder, der Überlastträger in Erziehungsfragen und dem sozialen Gerechtigkeitsbemühen. Was hilft denn? Gut ausgestattete Schulbüchereien, beratende Fachkräfte, Anlaufstellen für Eltern, jemand, der auf die Kinder zugeht. Vorleseausbildung für die Lehrkräfte. E-Learning? Gut wäre indes auch, würde in der Grundschule nicht nur am Vorlesetag vorgelesen. Regelmäßig tun das im EU-Schnitt nämlich 49 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer. In Deutschland nur 27 Prozent.

Info

www.vorlesetag.de
Einer der Akteure beim Vorlesetag: Fußballer Thomas Müler.
Einer der Akteure beim Vorlesetag: Fußballer Thomas Müler.
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