Gesellschaft
Das Virus als Zivilisationsfortschritt: Gespräch mit der Karlsruher Kunstszenen-Ikone Peter Weibel
Peter Weibel, der 76-Jährige ist künstlerischer Vorstand des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medientechnologie, gilt als „Nomade“ zwischen Wissens-Welten. Seiner Zeit schon immer voraus gewesen. „Früh dran“ in den „wesentlichen Dingen“, wie der Philosoph Peter Sloterdijk über Weibel sagt. In den 1960er Jahren war der Österreicher Aktionskünstler. Aber selbst als ihn damals Valie Export an der Hundeleine durch Wien führte, ging er zwar auf allen vieren, vor allem aber voran.
„Hallo!“: Der in doppeltem Sinn gewichtige Mann denkt und spricht schnell und unter Verwendung lautmalerischer Räuspertöne, die zwischen Selbstvergewisserung und Nachdruck schwanken. Einmal, 1972, in seiner wilden Zeit, hat er sich die Zungenspitze einzementiert, um den „Raum der Sprache“ als „Gefängnis“ zu entlarven. Der Körper ist für ihn nur ein Medium unter anderen Medien, die unsere Vorstellung von Realität konstruieren. Die Pandemie also. Und die Folgen. „Komplex“, sagt er. Und erhellend. Wie nun jeder merken könne, sei die Zeit der linearen Erzählungen endgültig vorbei. Dito, die Vorstellung, der Mensch sei souverän. Wo denn? Das Virus zeige uns nur die Grenzen.
Ich, das heißt ich und alles andere
„Ich bin ich und meine Umwelt“, zitiert er einen Philosophen. Sinngemäß. Wir, Individuen? Nie gewesen. Das zeige sich gerade überdeutlich. Was es allein schon zu bedeuten habe, wo man herkomme, wisse er als Heimkind gut zu sagen. Und sei es nicht so, dass in Italien die Covid-19-Sterblichkeit in den Gebieten mit größerer Luftverschmutzung höher gewesen sei? Alles hänge nun mal mit allem zusammen. Tiere? „Mitwesen“, in deren Nahrungsbereiche vorzudringen sei ein Fehler, wie man gerade schmerzhaft erfahre. Stichwort Zoonose, die Übertragung von Krankheiten zwischen Wirbeltiere, die womöglich Ursache der Coronakrise ist. Viren? Sogleich hebt eines seiner berühmten Räsonnements an. Und er nennt einen zwischendurch völlig unironisch „Kollege“, was den Tatbestand seiner eklatanten Selbstverkleinerung darstellt.
In Odessa geboren, Wahl-Wiener, Pariser Student – unter vielen anderem – der Medizin und Mathematik mit Schwerpunkt Logik. Weibel lehrt weltweit als Hochschullehrer, ist rasender Kurator, ein Selfmade-Intellektueller. Die Kernthese seiner telefonischen Corona-Inventur lautet, dass die Krise bei allem Übel doch noch eine Steigerung der Zivilisationsfähigkeit bewirken könnte. Und warum das, erklärt er sich sodann mit Gedankengirlanden, die mit einem schreienden Baby beginnen und bei der Empathie der Maschinen enden. Hoffentlich, meint er und schmunzelt vermutlich dabei, würden die uns einst besser behandeln als wir die übrige Welt, die wir – vor Corona – zu beherrschen dachten.
Abwesenheit als Zivilisationsfortschritt
Dass jetzt alle Welt chatte, skype, whatsAppe, zoome und sonst was, des Lockdowns wegen, sei doch ein gutes Zeichen, sagt er jedenfalls. Endlich sei der Mensch, gestupst von einem Virus, im 21. Jahrhundert angekommen. Weg von der seit 50.000 Jahren herrschenden Nah-Gesellschaft. Die sei längst passé, wie die Idee, dass einem ein Stoßgebet statt aus dem Stau helfe, statt auf das Navigationsgerät zu vertrauen. Was denn, meint er, bedeute schließlich zivilisiert zu sein anderes, als das Abwesende zu beherrschen? Und sei es nicht so, dass man sich aus der Distanz des Telefons oder des Bildschirms zwar streiten, aber keine runterhauen könne?
Warum, so seine Frage, also dieser Drang nach – wie Walter Benjamin von vielen überlesen schreibe – „scheinbarer“ Nähe, der jetzt er ins Suspekte gedriftet sei. „Kollege, warum?“ Er selbst jedenfalls habe vorher schon nicht verstanden, wieso er ein Beatles-Konzert vor Ort besser sein solle als Plattenaufnahmen. Und wer das sei, der neben einem im Kino oder Theater sitze, wolle man doch meistens auch nicht so genau wissen.
Inzwischen hätten, so fährt er fort, doch auch in jede Kunstsparte, außer der Literatur, die Maschinen sichtbar Einzug gehalten. In die Musik sowieso, aber auch im Theater würden Videos eingespielt, die Medienkunst sei sowieso Usus. Gut so. Seine Meinung. Nur das wahre Leben habe sich – bis zu Corona – kaum auf die Bedingungen und Möglichkeiten der Ferngesellschaft eingestellt. Auch auf die Gefahren. Weibels großes Plus ist, dass er seine wuchernden Gedanken künstlerisch beglaubigen kann. In Ausstellungen etcetera pp. Nicht umsonst gilt das ZKM, dem er seit 20 Jahren als Spiritus Rektor vorsteht, als „elektronisches Bauhaus“ und weltweit einzigartig.
Sein Vertrag dort ist gerade bis 2023 verlängert worden. Gegen den Willen des Karlsruher Oberbürgermeisters zwar, der jemand Jüngeres wollte. Aber auf nachträgliche Intervention des Kuratoriums-Vorsitzenden Manfred Popp etwa und Künstlern wie Heinz Mack und Markus Lüpertz. Gerade läuft in dem Haus wieder eine dieser Schauen an, die es einem nicht leicht machen, aber so etwas von auf der Höhe der Zeit sind.
„Critical Zones – Horizonte einer neuen Erdpolitik“: Die Ausstellung wird Corona-bedingt erst am 24. Juli eröffnet. Bis dahin sind Ausschnitte davon auf der ZKM-Homepage zu sehen. Datenbasierte 3-D-Videos von atmenden Bäumen laufen. Wer will, kann auf programmierten Wegen in der Mars-Einöde herumspazieren. Oder „terrestrisch“ werden; was genau das bedeutet, soll die Ausstellung zeigen.
Wer sich unter www.zkm.de einloggt in die Ausstellung jedenfalls, wird als „Entität“ unter anderen angesprochen – und automatisch interaktiv. Auch am mehrtägigen, hochanspruchsvollen Einführungssymposium zum Thema kann man nachträglich teilnehmen. Es steht online.
30.000 User waren live dabei oder haben es angeklickt – „ganz ohne Werbung“, wie Weibel am Festnetztelefon insistiert. „Wir haben ein besseres Publikum als das ZDF“, sagt er, „die besseren Programmmacher, das bessere Programm“. Das Museum, „Kollege“, entwickle sich – die Krise sei da ein Verstärker – nach und nach zum ortsunabhängigen „Sender“.
In der Schau selbst geht es um den Klimawandel, und was die Künstler und Wissenschaftler darüber zu erzählen haben. Darum, Prozesse zu verstehen und zu kontrollieren, um einen neuen Umgang mit dem zu entwickeln, was wir Natur zu nennen pflegen. Die titelgebende „Kritische Zone“? Darunter wird der fragile Raum zwischen dem Grundwasser bis zu den Baumwipfeln verstanden, auf dem wir leben. Ein dünner Biofilm überzieht in diesem Vorstellungs-Update den Planeten. Die Erde ist keine Kugel, sondern eine Haut. Eine Membran, die aus interagierenden Organismen besteht. Ohne Kollaboration, lautet einer der Hauptsätze der Schau, würden wir alle sterben. Deren Rückseite indes sei die gegenseitige Kontamination. Das Dilemma der Coronakrise ist damit ziemlich gut beschrieben.
In der Wohnhaft der Globalisierung
Maßgeblich kuratiert hat die komplexe Präsentation der Franzose Bruno Latour, ein in Fachkreisen hymnisch verehrter Soziologe und Philosoph. Für ihn stellt sie so etwas wie die Krönung seines Lebenswerks dar. Für Peter Weibel indes ist die Ausstellung gleichsam logisch verbunden mit dem, was gerade passiert. Die Pandemie eine Belegstelle? Museumsmann Weibel pflegt das Denken in XL-Dimension. Zumindest die Ursache von Klimawandel und der Virusverbreitung, sagt er, sei die gleiche: die uferlose Mobilität von Menschen und Dingen, die Globalisierung. Eine Grenzenlosigkeit, die dazu geführt habe, dass wir – zumindest zeitweise – wie eingezäunt leben mussten. „In Wohnhaft“, sagt er, und bemüht die ihm eigene Bildlichkeit. Wieder sagt er „Kollege“. Soweit also sind wir gekommen. Dann dieses Räuspern.