Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Das Münchner Residenztheater mit Kleist im Theater im Pfalzbau

Kleist ist Käthchen – in der gläsernen Burg.
Kleist ist Käthchen – in der gläsernen Burg.

Ein Theaterstück von 1808, ein DDR-Roman von 1979, zwei junge Dichte: Regisseurin Elsa-Sophie Jach zeigt Kleists „Käthchen von Heilbronn“ aus neuem Blickwinkel.

Der Autor ist diesmal als Bühnenfigur mit dabei. Bevor sein Stück beginnt, erleben wir ihn selbst in einem literarischen Salon im Jahre 1804, Kleist inmitten einer Gesellschaft junger Intellektueller, auch die geheimnisvolle Dichterin Karoline von Günderrode ist dabei. Es geht um Kunst und Gesellschaft, um Freiheit und Anpassung. Kleist beklagt, dass ihm zu einem unabhängigen Schriftstellerleben die Mittel fehlen, ein abgesichertes, dafür einengendes Beamtendasein aber auch keine Alternative ist. Von seinem neuesten dramatischen Projekt möchte die Runde erfahren, da fantasiert er sich eine sonderbare Geschichte herbei von einem Grafen und der Tochter eines Schmiedes aus Heilbronn, die dem Mann nach der ersten Begegnung ergeben wie ein Hündchen folgt, weil dieser ihr im Traum als Bräutigam erschienen war. Vor einem Femegericht klagt der Vater den Grafen der Zauberei an, und schon sind wir im Stück angekommen, in Kleists „Käthchen von Heilbronn“.

Christa Wolfs Blick auf Kleist

Als man ihr die Inszenierung des Stücks anbot, habe sie Vorbehalte gehabt gegenüber dieser „toxischen Liebesbeziehung“, sagte die junge Regisseurin Elsa-Sophie Jach im Publikumsgespräch nach der Aufführung im Pfalzbau. Aber dann sei ihr Christa Wolfs Erzählung „Kein Ort. Nirgends.“ eingefallen, in der die DDR-Autorin sich eine fiktive Begegnung von Kleist und Karoline von Günderrode ausdachte und die beiden als Seelenverwandte zeigt. In einer Zeit politischer Widersprüche und festgefügter Rollenbilder bleiben sie mit ihren Träumen und Ansprüchen auf der Strecke, der Tod von eigener Hand erscheint ihnen als einziger Ausweg. Christa Wolf sah hier Parallelen zur Situation der kritischen Künstler und Intellektuellen in der DDR, die Münchner Regisseurin Elsa-Sophie Jach schafft mit dem Einfügen dieser zusätzlichen Zeitebene einen distanzierteren Blick auf Kleists Figuren und ihre Rollenbilder.

Am radikalsten macht sie dies mit der Titelfigur selbst. Der Schauspieler Vincent zur Linden spielt nicht nur den Kleist, sondern auch das Käthchen in dem mit Briefzitaten von Kleist, Gedichten der Günderrode und neukomponierten Songs ergänzten Stück. Als Kleist tut er dies vor allem mittels der Sprache und schwärmerisch-verzweifelter Diskurswut, als Käthchen eher körperlich, mit stoisch-sanfter Beharrlichkeit. Und wie seine Figuren fällt er öfter in Ohnmacht. Die Regisseurin entdeckt viel Käthchen in Kleist, und Vincent zur Linden macht dies in seinem Spiel auf poetisch-leichte und ganz selbstverständlich genderfluide Weise sichtbar.

Was Goethe missfiel

Die Teerunde mit Obsttörtchen ist zu Beginn als Videoprojektion zu sehen, später wird sie auch live in die Szene gestellt, mitten in die gläserne Burg, auf die man in diesem von Kleist als mittelalterliches Ritterschauspiel angelegten Stück nicht verzichten wollte. Ansonsten hat Bühnenbildnerin Marlene Lockemann nur noch eine Art Skaterparcour aufgebaut, auf dessen steilen Rampen sich herrlich klettern, rutschen und stürzen lässt. Ein originalgroßes Pferd schwebt auch noch als Requisit von der Decke. Trotz eines vielschichtigen Regiekonzepts bietet diese Inszenierung viel vergnügliches Theaterspiel, und manchmal verliert man den nachdenklichen Ansatz bei all dem wilden Bewegungsspektakel aus dem Blick.

„Unrühmlich ist es, sich von seiner Zeit zerbrechen zu lassen“: Dabei sind es solche Sätze, die uns Kleists Texte hier immer wieder schockartig in die Gegenwart katapultieren. Die Menschen in allen diktatorisch geführten oder bedrohten Staaten können sich da als Seelenverwandte des unglücklichen Dichters und seiner Figuren fühlen. Wie das Käthchen können sie nicht lassen von ihren Träumen, auch wenn in der Wirklichkeit das Happyend eher nicht garantiert ist. Kleist hat sein Käthchen ziemlich hanebüchen konstruiert. Seine Heldin entpuppt sich als uneheliche Kaisertochter und taugt damit zur standesgemäßen Braut für den karrierebewussten Grafen. Goethe missfiel dieser Schluss, Jach und ihr wunderbares Ensemble lassen dem Dichter seinen Willen, wenigstens auf der Bühne dürfen die Träumenden die Gewinner sein.

Kleist ist Käthchen – in der gläsernen Burg.
Kleist ist Käthchen – in der gläsernen Burg.
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